Tour de France "Das Duell Mann gegen Mann ist gelaufen"

Ist die Tour de France nach Christopher Froomes Siegeszug auf dem Mont Ventoux bereits entschieden? Konkurrent Alberto Contador glaubt zwar noch an seine Chance, allerdings nicht mehr aus eigener Kraft. Zu eindrucksvoll war die Machtdemonstration Froomes auf dem Weg zum Gipfel.

AFP

Vom Mont Ventoux berichtet


Udo Bölts sagte einmal, nach einer Bergetappe schmerzten seine Ohren beinahe mehr als die Beine, etwa so, als habe er ein Rockkonzert direkt vor den Lautsprecherboxen gehört. Mit ihrem Anfeuerungsgeschrei, den Pfiffen und der lauten Musik meinen es die Zuschauer am Streckenrand meist nur gut, sie wollen den Radprofis dabei helfen, die letzten noch verborgenen Kraftreserven zu finden.

Auch Christopher Froome dürften die Ohren geklingelt haben nach seinem Ritt auf den Mont Ventoux an diesem Sonntag, am französischen Nationalfeiertag. Doch die vielen Radsportverrückten, die die schmale Straße hinauf auf den Gipfel säumten, pfiffen irgendwann nicht mehr, um den Gesamtführenden der Tour de France noch schneller zu machen. Sie pfiffen Froome aus.

Zu sehr erinnerte dessen Alleingang auf die kahle Bergkuppe in 1912 Metern Höhe an die übermenschlichen Antritte Lance Armstrongs im vergangenen Jahrzehnt, und die, das ist mittlerweile klar, waren tatsächlich nicht allein durch Menschenkraft zustande gekommen. Schon beim ersten Angriff von Froomes wichtigstem Helfer Richie Porte schüttelten die Menschen vor den großen Bildschirmen in der Zielankunft den Kopf. Porte hatte das Tempo gut zehn Kilometer vor dem Gipfel schon erheblich angezogen, nur Mitfavorit Alberto Contador konnte mit ihm und Froome mithalten.

Contador hat sich wohl schon mit dem zweiten Platz abgefunden

Und dann trat Froome plötzlich an, den Kopf wie immer leicht zur rechten Schulter hin geneigt, die Ellenbogen nach außen gedreht. Porte machte ihm Platz, er hatte seinen Job getan, und Contador musste ansehen, wie Froome mit einer erstaunlich hohen Trittfrequenz davonzog.

"Wir haben getan, was wir konnten", sagte Contadors Mannschaftskollege Michael Rogers nach dem Rennen SPIEGEL ONLINE, "aber Portes Antritt war einfach zu stark. Wir werden nicht aufgeben, doch bis Paris wird es nicht einfacher." Beinahe resigniert klang auch sein Kapitän, einer der größten Verlierer dieses Tages: "Das Duell Mann gegen Mann ist gelaufen. Wir können es aber noch über Teamarbeit und kluge Taktik schaffen. Es ist eben nicht leicht, die Tour de France zu gewinnen", sagte Contador, der Sieger von 2007 und 2009. Der Spanier scheint sich schon damit abgefunden zu haben, dass für ihn und sein Saxo-Team in diesem Jahr wohl nicht mehr als der zweite Platz möglich ist.

Bereits nach der ersten Pyrenäen-Etappe am vergangenen Wochenende hatte Contador erkennen müssen, dass der Brite Froome auf seinem Weg zum Gesamtsieg schwer zu stoppen sein wird. Wie bei seinem Erfolg in Ax 3 Domaines, der viele Beobachter argwöhnisch hat werden lassen, ließ der 28-Jährige auch dieses Mal keine Zweifel an seiner Überlegenheit aufkommen. Nachdem Froomes Entscheidung zum Angriff gefallen war, brauchte er nur weniger Kilometer, um erst Euskaktel-Fahrer Mikel Nieve und kurze Zeit später auch Nairo Quintana vom Movistar-Team abzuhängen.

Froome redet eigene Leistung klein

Der Kolumbianer, lange Zeit Erster auf dem Weg zum Gipfel, kämpfte wie schon vor acht Tagen zunächst darum, noch einmal angreifen zu können - und dann nur noch dagegen, den Anschluss zu verlieren. Doch kurz vor dem Ziel hatte auch er keine Chance mehr gegen Froome. 29 Sekunden verlor Quintana auf den letzten 1,3 Kilometern, einsam ratterte Froome in seinem Gelben Trikot über die Ziellinie.

Auf dem Gipfel versuchte er, seine Leistung klein zu reden: "Ich wollte heute ein wenig Zeit im Klassement gut machen, aber ich hatte nicht damit gerechnet, die Etappe gewinnen zu können", sagte Froome. "Ich dachte, Quintana würde es machen, aber dann haben seine Beine auf den letzten zwei Kilometern nachgegeben. Ich habe ihn noch versucht zu motivieren und gesagt: Gib alles!"

Hatten die Zuschauer entlang des 21 Kilometer langen Anstiegs zum Gipfel bei ihrem bunten, lauten Fest mit der Hauptattraktion nur wenig anfangen können, wussten sie im Ziel erst recht nicht, wie sie mit dem unheimlichen Froome umgehen sollten: ihn feiern oder sich abwenden, sich mit ihm freuen oder über ihn wundern? Vor allem aber beschäftigte sie die Frage: Ist die Tour de France nun entschieden, bevor sie die Alpen überhaupt erreicht hat? Weltmeister Philipp Gilbert entgegnete der Frage mit einem Fingerzeig auf den Sieger: "Schaut ihn euch doch an."

Trotz aller Enttäuschung versuchte der geschlagene Contador, Zuversicht zu verbreiten: "Die Tour dauert noch eine Woche, sie ist nicht entschieden. Es kann noch viel passieren. Regen zum Beispiel würde uns helfen", sagte er. Die Wetteraussichten für die kommenden sieben Tagen werden ihm vermutlich nicht gefallen.



insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
noalk 14.07.2013
1. in der Tat fragwürdig
Den vorletzten Kilometer in 3 min (=20 km/h), den letzten in 3:20 min (=18 km/h) - und das bei dieser Steigung. Was sagt den Antoine Vayers Dopometer dazu?
darkview 14.07.2013
2. So what
Ist doch egal, ob ein gedopter Contador oder ein gedopter Fomee gewinnt. Und das wissen die Fahrer selbst. Also irgendwie ist es ja doch fair. Nur die Zuschauer stecken im Dilemma.
fuxx2 14.07.2013
3. Geschwindigkeit
Zitat von noalkDen vorletzten Kilometer in 3 min (=20 km/h), den letzten in 3:20 min (=18 km/h) - und das bei dieser Steigung. Was sagt den Antoine Vayers Dopometer dazu?
18 km/h am Berg ist jetzt keine so abwegige Geschwindigkeit. Selbst ein gut trainierter Hobbyfahrer mit 10.000 bis 12.000 Jahreskilometer kann bei dieser Steigung ca. 14 km/h fahren. Als sich Froome von Porte löste war seine Geschwindigkeit wohl nochmals deutlich höher. Sah zumindest sehr viel schneller aus, als im oberen Bereich.
Mannheimer011 14.07.2013
4. Nicht nur die letzten beiden Kilometer
Zitat von noalkDen vorletzten Kilometer in 3 min (=20 km/h), den letzten in 3:20 min (=18 km/h) - und das bei dieser Steigung. Was sagt den Antoine Vayers Dopometer dazu?
Nach meiner Uhr war Froome um etwa 16:02 an der 10km-Marke und um 16:32 im Ziel. Macht einen 20er Schnitt auf den letzten 10 Kilometern. Wie lange hat denn L.A. auf dem diesem Abschnitt oder für den Gesamtanstieg gebraucht?
jankut 14.07.2013
5. @mannheimer011
Armstrong war 5 sec schneller.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.