Tour de France In Gelb oder im Gefängnis

Kein Pardon für Dopingsünder: Bei der Tour de France wollen die Ausrichter in diesem Jahr Härte beweisen. Ermittler gehen entschlossen ans Werk, Strafen wurden verschärft - theoretisch könnte bei einem Abstecher nach Italien sogar der Favorit verhaftet werden.

Von Jörg Schallenberg


Am Samstag beginnt die Tour de France in Brest. Doch ein Sieger steht jetzt schon fest - der des Jahres 2006. Der Spanier Oscar Pereiro darf sich mit dem Titel schmücken, nachdem auch der internationale Sportgerichtshof Cas als letzte sportrechtliche Instanz bestätigt hat, dass Floyd Landis (USA) das Gelbe Trikot wegen Dopings aberkannt wird. Für Pereiros Team Caisse d'Epargne könnte es in gut drei Wochen sogar noch mehr Grund zur Freude geben.

Tourfavorit Valverde: Gefährliches Italien
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Tourfavorit Valverde: Gefährliches Italien

Denn zu den großen Favoriten auf den Gesamtsieg zählt in diesem Jahr Pereiros Landsmann Alejandro Valverde. Der könnte allerdings während der 15. Etappe auf ein schwer zu bezwingendes Hindernis stoßen. Womit nicht der 2744 Meter hohe Col Agnel gemeint ist, den die Fahrer überqueren müssen, sondern die Tatsache, dass die Etappe im italienischen Prato Nevoso endet.

In Italien ermittelt das Nationale Olympische Komitee in Sachen Doping hartnäckig gegen mutmaßliche Kunden des spanischen Arztes Eufemiano Fuentes - und Valverde steht schon lange ganz oben auf der Liste der Verdächtigen, da bei Fuentes Blutbeutel mit der Aufschrift "Valv.Piti" gefunden wurden. Auf den Namen "Piti" hört übrigens Valverdes Hund. Pikant wird die Situation, da die spanischen Behörden nach Einstellung des dortigen Verfahrens die Akten an italienische Dopingermittler herausgegeben haben. Die könnten den 28-Jährigen zumindest theoretisch in Prato Nevoso aus dem Rennen nehmen.

Doch selbst wenn Valverde unbehelligt durchkommt oder ein anderer die Tour gewinnt - allein diese Konstellation weist bereits darauf hin, dass man mit einem nicht rechnen sollte: einer Frankreich-Rundfahrt, bei der wie in den schlechten alten Zeiten Doping nicht ein beherrschendes Thema sein wird. Dabei hat man beim Ausrichter, der Amaury Sport Organisation (Aso), manches versucht, um ein Skandalrennen wie im Vorjahr zu verhindern.

Der stärkste, aber auch umstrittenste Rennstall Astana wurde erst gar nicht eingeladen, womit Vorjahressieger Alberto Contador aus Spanien ebenso fehlt wie der Deutsche Andreas Klöden und der Dritte von 2007, Levi Leipheimer aus den USA.

Auch der letztjährige Gewinner des Grünen Trikots, Tom Boonen, wurde umgehend ausgeladen, nachdem er positiv auf Kokain getestet worden war. Dabei hatte der Befund keine Sperre zur Folge. Weil Top-Sprinter Alessandro Petacchi aufgrund früherer Dopingvergehen von seinem Arbeitgeber, dem Team Milram, entlassen wurde, könnte kurioserweise nun sogar Erik Zabel, nunmehr Kapitän von Milram, auf seine alten Tage noch einmal um das Grüne Trikot des Punktbesten mitfahren. Der 37-Jährige hat nach eigenen Angaben ja lediglich während der Tour de France 1996 Epo genommen, womit dieses Vergehen verjährt ist.

Die Aso hat aber nicht nur unliebsame Gäste im Fahrerfeld aussortiert, sondern auch gleich noch dem Weltverband UCI vor die Tür gesetzt. Nachdem sich beide Organisationen 2007 während der Frankreich-Rundfahrt heftige Diskussionen über den Umgang mit Dopingkontrollen und - verdächtigen lieferten, hat die Aso das wichtigste Rennen des Jahres nun unter die Aufsicht des französischen Radsportverbandes und der nationalen Anti-Doping-Agentur gestellt.

UCI-Präsident Pat McQuaid versuchte daraufhin, mittels Androhungen von Sperren Druck auf die Teilnehmer auszuüben, allerdings erfolglos. Dennoch könnte der Zwist zwischen Veranstalter und Weltverband für Ärger bei der diesjährigen Tour sorgen. Denn die UCI entwickelt einen Blutpass, der eine genauere Kontrolle jedes Fahrers ermöglichen soll. Für diesen Pass muss jeder Athlet sechs Blutproben innerhalb eines bestimmten Zeitraumes abgeben.

Anfang Mai teilte die Anti-Doping-Beauftragte der UCI, Anne Gripper, mit, dass die Proben für den offiziell zum 1. Juli eingeführten Blutpass ungewöhnliche Abweichungen bei 23 Fahrern aufgewiesen hätten. Deren Namen wurden bislang allerdings nicht veröffentlicht. Die Tour de France wäre eine publikumswirksame Gelegenheit, dies nachzuholen.

Jene Profis, die weiterhin nicht auf leistungssteigernde Substanzen verzichten mögen, riskieren in den kommenden Wochen einiges. Nach einer kürzlich erfolgten Gesetzesänderung in Frankreich drohen jedem Profi, der mit Dopingmitteln erwischt wird, bis zu fünf Jahre Gefängnis. Dabei ist kaum anzunehmen, dass Fahrer derartige Mengen transportieren, um jemals zur Höchststrafe verurteilt werden zu können. Aller Voraussicht nach aber werden die französischen Ermittlungsbehörden dieses Signal des Gesetzgebers so deuten, dass sie schon bei einem Anfangsverdacht einschreiten.

Mit Razzien wie im Vorjahr ist also zu rechnen, und es muss kein einmaliges Vorkommnis bleiben, dass ein Fahrer gleich hinter dem Zielstrich festgenommen wird wie 2007 der Italiener Cristian Moreni vom Cofidis-Team.

In den Hintergrund treten wird angesichts solcher Unwägbarkeiten vielleicht einmal mehr der Sport. Dabei wird ja interessant zu beobachten sein, wie sich etwa das Team Columbia schlägt, das zuvor High Road hieß und bis vergangenen Herbst Team T-Mobile. Statt magentafarben leuchten die Trikots nun in einem satten Blau. Von den 16 deutschen Teilnehmern hat wohl nur Gerolsteiner-Profi Markus Fothen Chancen, im Gesamtklassement weit vorne zu landen, bei den Sprintern könnte Gerald Ciolek (Columbia) für Erfolgserlebnisse sorgen.

Möglich wäre im besten Falle sogar, dass am 27. Juli, wenn das Peloton in Paris eintrifft, tatsächlich bereits der Sieger der Tour de France 2008 feststeht.



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