Tour de France Interrailer gegen Wohnwagenbesitzer

Der letzte offizielle Auftritt vor der am Samstag beginnenden Tour de France offenbart die Unterschiede zwischen den beiden Favoriten Jan Ullrich und Lance Armstrong.


Dünkirchen - Auf einmal gewittert es vor dem architektonischen Desaster aus hellbraunem Backstein und Beton, dem "Kursaal" der nordfranzösischen Hafenstadt Dünkirchen. Es ist drückend heiß am Startort der 88. Tour de France, doch die Blitze kommen nicht vom Himmel, sondern von rund 50 Kameras, deren Benutzer den Titelverteidiger fast erdrücken.

Sonnenbrille, schwarzes Sportshirt mit langen Ärmeln, khakifarbene Bermudas, weiße Socken, Nike-Turnschuhe: So wie Lance Armstrong zielstrebig zum Medical Check, der medizinischen Vorabuntersuchung, schreitet, erinnert er an Interrailer aus den USA, die ganz genau wissen, wie sie Europa in zehn Tagen erobern.

Jan Ullrich: "Das Wichtigste ist, auf dem Rad zu bleiben"
DPA

Jan Ullrich: "Das Wichtigste ist, auf dem Rad zu bleiben"

"Kenne die Tour fast auswendig"

Doch der Tour-Sieger der Jahre 1999 und 2000 scheint sich für die dreiwöchige Tour de France tatsächlich exzellent vorbereitet zu haben. Als wäre es seine tägliche Fahrt zum Bäcker weiß Armstrong über jeden Anstieg auf der diesjährigen "Grande Boucle" genau Bescheid. "Ich kenne die ganze Tour fast auswendig", erzählt der Perfektionist, dem die Anspannung vom Gesicht abzulesen ist. "Diese Woche war sehr nervös und hektisch. Effektives Training war kaum möglich", sagt der Mann der einem möglichen Titel-Hattrick entgegen strebt.

Armstrongs voraussichtlich größter Gegner im Kampf um das Gelbe Trikot, Jan Ullrich, geht das härteste Radrennen der Welt derweil gemütlicher an. Der Tour-Sieger von 1997, im letzten Jahr von Armstrong geschlagen, sagt zum Beispiel: "Mit einer Rennstrategie habe ich mich noch gar nicht befasst. Das Wichtigste ist, auf dem Rad zu bleiben und keine Zeit zu verlieren."

Wie ein Wohnwagenbesitzer auf dem Campingplatz

In grauem Polohemd, Trainingshosen und Adidas-Turnschuhen schlendert der 27-Jährige wie ein Wohnwagenbesitzer auf dem Campingplatz über den Place du Casino zum Kursaal. Ein "Mysterium" hat der frisch gebackene Tour-de-Suisse-Sieger Armstrong den Merdinger genannt, weil dieser nach dem Giro d'Italia abgetaucht war. Danach gewann Ullrich die deutsche Meisterschaft. "Das hatte ich erwartet", behauptet der 29-jährige Armstrong. Und doch hat es ihn beeindruckt.

"Jan Ullrich ist stark, talentiert und in hervorragender Form. Er ist ein Favorit", urteilt der Kapitän von US Postal jetzt und erwähnt den Vorjahresdritten Joseba Beloki (Spanien) und den letztjährigen Weltranglistenersten Francesco Casagrande (Italien) ebenfalls als Konkurrenten. Ullrich nennt als Mitfavoriten neben Armstrong und Casagrande, den Italiener Stefano Garzelli (Italien) und für viele überraschend auch Raimondas Rumsas. Der Litauer jedoch ist von seinem Team Fassa Bortolo für die Tour de France gar nicht nominiert worden.

Zabel, Ullrich: Medical Check
AFP

Zabel, Ullrich: Medical Check

Armstrong vermisst Livingston

Ein anderer, der wirklich an den Start gehen wird, könnte auf der Tour 2001 die Schlüsselrolle spielen: Kevin Livingston, der nach der letzten Saison aus der US-Postal-Mannschaft zu Ullrich ins Team Telekom wechselte. "Ich vermisse Kevin als Freund und Teamgefährten. Wir waren zehn Jahre Seite an Seite. Aber ich respektiere seine Entscheidung", kommentiert Armstrong die Entscheidung seines Landsmannes mittlerweile moderat. In einer ersten Reaktion hatte er Livingston mit einem ins kommunistische China wechselnden US-General Colin Powell verglichen.

Für den Merdinger Ullrich ist der US-Amerikaner Livingston einfach ein "ganz wichtiger Mann" und ein "sehr guter Helfer". Einer, der mit anpacken würde, wenn etwas am Wohnwagen kaputt ist. Doch auch Armstrong hat neue starke Weggefährten gefunden, darunter Roberto Heras (Spanien), Sieger der letztjährigen Vuelta. "Das ist die beste Mannschaft, mit der ich jemals unterwegs war", sagt Armstrong und wirkt so entschlossen, dass man ihm die Eroberung Frankreichs zutraut.



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