Tour de France Jan Ullrich sagt ab

Am Sonntag abend sagte der Kapitän des Team Telekom definitiv die Tour de France ab. Ullrich: "Ich bin sehr bedrückt." Die nicht abreißende Diskussion um mögliches Doping wurde am Wochenende durch einen Todesfall überschattet: Der Spanier Manuel Sanroma brach sich bei der Katalonien-Rundfahrt das Genick.

Berlin/Sitges/Paris - "Es tut mir leid, eine Absage geben zu müssen", erklärte der Merdinger in der ARD-Sportschau. "Ich bin sehr bedrückt, bin am Boden. Die Tour war mein Saisonziel. Aber ich werde versuchen, so schnell wie möglich wieder auf die Beine zu kommen." Ullrichs Arzt Andreas Schmidt von der Freiburger Universitätsklinik erläuterte, daß mit der Meniskus- und Kapsel- Verletzung, wie sie sich Ullrich bei der Deutschland-Tour zugezogen habe, "eine derartige Belastung wie die Tour de France nicht möglich" sei.

Weniger als zwei Wochen vor dem Tourstart steht die neunköpfige Telekom-Tour-Auswahl damit vor großen Problemen. Ohne Jan Ullrich muß Co- Chef Rudy Pevenage umdenken: "Guerini, Jaksche und Bölts können Ambitionen auf das Gesamtklassement anmelden, auch wenn sie als Toursieger natürlich kaum in Frage kommen dürften."

Von Ullrichs Absage profitieren könnte Erik Zabel aus Unna. Der Sprinter könnte nun die volle Unterstützung seiner Teamkollegen Giovanni Lombardi (Italien) und Steffen Wesemann (Frankfurt/Oder) erhalten. Kai Hundertmarck (Kelsterbach), Alberto Elli (Italien) und Georg Totschnig (Österreich) sollen das Team komplettieren. "Die neuen Konstellationen könnten dazu führen, daß es eine der interessantesten Touren der letzten Jahre geben könnte", vermutet nicht nur Udo Bölts.

Die nicht abreißende Doping-Diskussion war am Samstag vom Todessturz des spanischen Profis Manuel Sanroma überschattet worden. Der 22jährige Sprinter stürzte 1000 Meter vor dem Ziel der 2. Etappe der Katalonien-Rundfahrt in Vilanova schwer und starb an einem Genickbruch. Er war mit hoher Geschwindigkeit mit dem Kinn auf den Bordstein geschlagen. "Ich fuhr etwa 50 Meter hinter ihm - es war fürchterlich", sagte Bölts.

Auf ähnliche Weise wie Sanroma, der einen Helm trug, war der Italiener Fabio Casartelli vor vier Jahren bei der Tour de France zu Tode gestürzt. Die Katalonien-Rundfahrt wurde am Sonntag symbolisch fortgesetzt: Im Andenken an den Verstorbenen wurde die 3. Etappe nicht gewertet, alle Fahrer überquerten die Ziellinie zu Fuß. Spitzenreiter bleibt der Spanier Angel Luis Casero.

Telekom-Routinier Bölts, der seine achte Tour in Angriff nimmt, hatte die Doping-Diskussion um eigenwillige Vorschläge belebt und die Offenlegung seiner eigenen Blutwerte angekündigt. "Alle Fahrer während der drei Tour-Wochen kasernieren und von unabhängigen Ärzten betreuen lassen. Morgens wird das Basislager dann geöffnet, alle fahren die Etappe und kehren dann zurück. Mal sehen, wer dann der Beste ist", sagte Bölts.

Unterdessen unterstellte Paul Köchli, in den 80er Jahren Teamchef von Bernard Hinault und Greg LeMond, daß auch im Telekom-Team gedopt wird. In einem Interview mit der "Welt am Sonntag" sagte der Schweizer in Bezug auf die Zentrifugen, die viele Fahrer mitführen: "Wenn man mit EPO fummelt, muß man solches Handwerkszeug dabeihaben." Die Aktion der Telekom, die nach den Skandalen des Vorjahres eine Million Mark für die Bekämpfung von Doping ausgegeben hat, tat Köchli als PR-Maßnahme ab: "Das ist so, als ob Al Capone die Polizei sponsort". Teamarzt Lothar Heinrich hatte zum Wochenbeginn überraschend zugegeben, daß "die meisten Fahrer Zentrifugen im Gepäck" hätten, um die eigenen Hämatokritwerte zu messen.