Zwischenfazit zur Tour de France Noch vier Monster bis Paris

Die Tour de France geht in die entscheidende Woche - und ist so spannend wie lange nicht mehr. Team Ineos schwächelt, zwei Franzosen begeistern. Doch sie alle müssen bis Paris noch vier Monster bezwingen.

Geraint Thomas (r.) will das Gelbe Trikot von Julian Alaphilippe (M.) in den Alpen erobern
Anne-Christine Poujoulat / AFP

Geraint Thomas (r.) will das Gelbe Trikot von Julian Alaphilippe (M.) in den Alpen erobern

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Szene der Tour: Julian Alaphilippe kam mit einem Drift seines Hinterrads lässig zum Stehen und umarmte seinen Teamchef. Der Franzose gewann sensationell das Einzelzeitfahren in Pau auf der 13. Etappe und baute seinen Vorsprung in der Gesamtwertung überraschend aus. Dank dieses Erfolgs dürfen die französischen Fans weiter von einem Heimsieg ihres Lieblings träumen.

Klassement der Tour: Nach Caleb Ewans zweitem Tagessieg im Massensprint auf der 16. Etappe in Nîmes hat sich das Gesamtklassement kaum verändert. Alaphilippe trägt das Gelbe Trikot in die Alpen hinein. Vorjahressieger Geraint Thomas liegt 01:35 Minuten dahinter, nach ihm tummeln sich Mitfavoriten auf den Gesamtsieg wie Egan Bernal oder Thibaut Pinot mit wenigen Sekunden Rückstand. Das Grüne Trikot trägt Peter Sagan recht sicher auf den Schultern, der Belgier Tim Wellens könnte das Bergtrikot in den Alpen verlieren.

Hoffnung in Gelb: Seit Bernard Hinault 1985 hat kein Franzose mehr die Tour de France gewonnen. Klar, dass Alaphilippe die Hoffnungen auf einen Heimsieg schürt. Der 27-Jährige trug das Gelbe Trikot bereits auf elf Etappen, das gelang zuletzt eben jenem Bernard Hinault. Die Herzen der Fans fliegen Loulou, wie Alaphilippe liebevoll genannt wird, nicht nur aufgrund seines Erfolgs, sondern auch wegen seiner leidenschaftlichen und unberechenbaren Fahrweise zu. Er ist so ganz anders als die Wattmaschinen der ehemaligen Tourdominatoren von Team Ineos.

Seine Fans nennen ihn "Loulou": Julian Alaphilippe
Christophe Ena / AP

Seine Fans nennen ihn "Loulou": Julian Alaphilippe

Stotternder Motor: Apropos Ineos, die Maschine stottert. Sechs der vergangenen sieben Frankreich-Rundfahrten haben die Briten gewonnen. Wenn Bradley Wiggins, Christopher Froome oder Geraint Thomas das Gelbe Trikot nach Paris fuhren, trugen sie es immer schon spätestens auf der 14. Etappe. In diesem Jahr ist das anders: Thomas schwächelte in den Pyrenäen, sein Team wirkte nicht so stark wie in den Vorjahren. Dadurch ist die Rundfahrt in diesem Jahr so spannend wie selten in diesem Jahrtausend.

Comeback: Nicht nur Alaphilippe begeistert die Franzosen, sondern auch Thibaut Pinot. Der Mitfavorit auf den Gesamtsieg hatte auf der 10. Etappe nach Albis durch eine Unkonzentriertheit an einer Windkante mehrere Sekunden eingebüßt. Doch der 29-Jährige fuhr spektakulär zum Sieg am Tourmalet und brachte sich mit einer starken Attacke auf der letzten Pyrenäenetappe wieder in eine gute Ausgangsposition im Gesamtklassement. Ob seine Kraft nun aber auch noch in den Alpen reichen wird, ist offen.

Mannschaftsärger: Als Nairo Quintana 2013 seine erste Tour de France fuhr und auf Anhieb auf den zweiten Platz sprang, wurde er schon längst als zukünftiger Toursieger gehandelt. Doch bis heute hat sich diese Prophezeiung nicht erfüllt. Movistar wählt immer wieder fragwürdige Taktiken, tritt mit starken Fahrern wie Quintana, Weltmeister Alejando Valverde oder Mikel Landa an, kann sich aber nicht auf einen Kapitän festlegen. Deswegen gab es auch Ärger, weil Quintana zuletzt am Tourmalet nicht mithalten konnte, obwohl die Mannschaft für ihn das Tempo forcierte. "Es war enttäuschend, weil Nairo nicht auf dem Level war, auf dem er hätte sein sollen", sagte Valverde.

Ruhig gut: Emanuel Buchmann, Kapitän von Bora-Hansgrohe, ist der deutsche Star der Tour. Unauffällig fuhr der 26-Jährige bei den Favoriten mit, blieb ruhig und sorgte dann für starke Ergebnisse in den Pyrenäen. Am Tourmalet attackierte er gar aus der Favoritengruppe heraus und distanzierte Geraint Thomas. Der Ravensburger liegt im Gesamtklassement auf dem sechsten Platz, nur 02:14 Minuten hinter Alaphilippe. Trotzdem bleibt Buchmann gelassen und ruhig, die Top Zehn seien weiter das Ziel, sagte er. Teamkollege Gregor Mühlberger wurde da euphorischer: "Man kann mit ihm definitiv die Tour de France gewinnen. Ich denke, er ist der nächste ganz große deutsche Star."

Ein Blick, dann hängt er Thomas ab: Emanuel Buchmann (l.)
Gonzalo Fuentes / REUTERS

Ein Blick, dann hängt er Thomas ab: Emanuel Buchmann (l.)

Etappenkönige: Gleich vier der ersten zehn Etappen gewann das niederländische Team Jumbo-Visma, davon drei Sprintetappen mit jeweils verschiedenen Siegern und das Mannschaftszeitfahren, in dem vor allem Spezialist Tony Martin das Tempo machte.

Aufgegeben: Jumbo Visma wird bis Paris zu den erfolgreichsten Mannschaften der Tour gehören. Mit Wout van Aert musste allerdings schon ein Fahrer die Rundfahrt nach einem schweren Sturz aufgeben. Nachdem es auf der 16. Etappe in Nîmes auch noch Mitfavorit Jakob Fuglsang erwischte, sind bislang 14 Fahrer vorzeitig ausgestiegen, darunter auch der deutsche Meister Maximilian Schachmann. Das sind im Vergleich mit den vergangenen Jahren aber immer noch sehr wenig.

Was passiert jetzt? Zwei Tourwochen sind um, in der dritten kommt es zur Entscheidung. Dafür haben sich die Streckenplaner ein schweres Finale ausgedacht. In den Alpen warten vier Monster: Am Donnerstag mit dem Col d'Izoard und dem legendären Galibier gleich zwei Berge der höchsten Kategorie, am Freitag folgt von der gleichen Kategorie der Col de l'Iseran, am Samstag muss die Tour eine Bergankunft über 33,4 Kilometer hinauf nach Val Thorens fahren. Wer hier das Gelbe Trikot überstreift, trägt es am Sonntag nach Paris.



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Seifert 23.07.2019
1.
Es gibt da noch einen sehr hoffnungsvollen jungen Deutschen (leider nicht bei den top ten),nämlich Lennart Kämmna. Fährt sehr ordentlich seine erste Tour und gibt -Voraussetzung :er bleibt verletzungsfrei- zu weiteren Hoffnungen Anlass
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