Tour de France Lance Armstrong - Mister Too Perfect

Lance Armstrong ist einer der größten Sportler der Gegenwart. Doch der US-Radprofi muss gegen seinen zweifelhaften Ruf ankämpfen.


Lance Armstrong: "Very good question"
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Lance Armstrong: "Very good question"

Pau - Die Story ist eigentlich zu schön, um wahr zu sein, und der geeignete Stoff für einen Hollywood-Blockbuster: Ein Ex-Weltmeister erkrankt an Krebs, seine Überlebenschancen sind gering, doch der Mann gewinnt den Kampf mit dem Tod und weniger als drei Jahre später die Tour de France, das härteste Radrennen der Welt. Es ist die Geschichte von Lance Armstrong, und sie ist wahr. Zu wahr, um schön zu sein?

Phänomenales Niveau


Am Sonntag fährt der 29-jährige US-Amerikaner aller Voraussicht nach erneut im Gelben Trikot die Champs-Elysées hinab - bereits das dritte Jahr hintereinander. Die Menschen am Straßenrand und vor den Bildschirmen schwanken zwischen Bewunderung und Abneigung gegenüber den scheinbar übermenschlichen Leistungen Armstrongs. "Der Eisenmann" titelte die meinungsbildende französische Sportzeitung "L'Equipe", nachdem der Kapitän des US-Postal-Teams selbst die steilsten Tour-Berge mit für die Konkurrenten schier unerträglicher Leichtigkeit hinauf radelte.

Gerade im Radsport, nach der Festina-Affäre 1998 und dem Skandal-Giro in diesem Jahr, werden schnell Zweifel laut und Gerüchte kolportiert, dass nur Dopingmittel den menschlichen Körper auf solch ein phänomenales Niveau treiben können. Armstrong selbst nährte die Verdächtigungen am Tag vor dem diesjährigen Tour-Start, als er einem Reporter der "Gazzetta dello Sport" seine langjährige Zusammenarbeit mit dem italienischen Sportarzt Michele Ferrari steckte - wohl um einem Enthüllungsreport der "Sunday Times" über genau diese Kooperation zuvorzukommen.

Großer Entertainer


Über Ferrari, der einst postulierte "Epo ist so harmlos wie Orangensaft" und dem im September in Bologna wegen des mutmaßlichen Dopings von Spitzensportlern der Prozess gemacht wird, sagt der US-Amerikaner: "Er ist einer der korrektesten Menschen, die ich im Radsport kenne. Ich bin unschuldig, und ich halte Ferrari für unschuldig und werde weiter mit ihm zusammenarbeiten."

Die Klaviatur der Medien weiß Armstrong ausgezeichnet zu spielen. Der Texaner kann, wenn er sich nicht von seinem Leibwächter Thierry, einem ehemaligen Kickboxer, abschotten lässt, ein großer Entertainer sein: eloquent, intelligent und charmant. Neuerdings bemüht er sich sogar, mit den französischen Journalisten in deren Landessprache zu parlieren. Auf Pressekonferenzen beginnt der Träger des Gelben Trikots seine ausführlichen Statements gerne mit einem Lob an den Fragesteller: "Very good question." Seine Auskünfte sind informativ und drücken oft auf die Tränendrüse.

"Geheult wie ein Baby"


Als er auf einer Trainingstour durch die Pyrenäen den Gedenkstein seines 1995 verunglückten Teamkollegen Fabio Casartelli passiert habe, gesteht Armstrong den rund 600 Journalisten im Pressezelt nach seinem Sieg auf dem Pla d'Adet, habe er "geheult wie ein Baby und dann entschieden, die Etappe hier zu gewinnen". Es erweitert das Image des eisenharten Radfahrers, den die "Berliner Zeitung" einmal als "Unternehmer des Mitgefühls" beschrieb, um Emotionen.

Als "Hope in a man" verkauft Manager Bill Stapleton seinen Schützling, dessen Autobiografie "Tour des Lebens. Wie ich den Krebs besiegte und die Tour de France gewann" zum Bestseller geriet. Die Lance-Armstrong-Stiftung sammelt in diesem Jahr voraussichtlich 20 Millionen Mark zu Gunsten der Krebsforschung. Armstrongs Entourage nähert sich in der Öffentlichkeitsarbeit dem Perfektionismus des Mannes, den Walter Godefroot, Teamchef von Widersacher Jan Ullrich, in schlichter Untertreibung einen "Meister" nennt.

"Starke, fast erdrückende Persönlichkeit"


"Siegen ist nicht alles, Siegen ist das Einzige", soll Armstrong einmal gesagt haben. Nachdem er bei seinem Profidebüt 1992, dem Weltcuprennen von San Sebastian, auf dem 111. und letzten Platz gelandet war, wurde er ein Jahr später Weltmeister. Aber erst seit dem Comeback nach seiner 1996 diagnostizierten Krebserkrankung hat der ehemalige Triathlet die Besessenheit, die Fans und Fahrern Ehrfurcht einflößt. "Von Januar bis Juni jedes Jahres sieht man meinem Gesicht an, wie ich trainiere. Das ist ein hässliches Gesicht, das ich dann habe." So einfach beschreibt der zähe Armstrong sein Erfolgsrezept, das er Jahr für Jahr bis ins kleinste Detail neu austüftelt.

Sogar seinem Sportlichen Direktor, Johan Bruyneel, bereitet der Trainingswahnsinn Sorgen, doch der Boss im US-Postal-Team heißt sowieso in Wirklichkeit Armstrong. "Der Sportliche Direktor ist nur da, um Auto zu fahren. Armstrong sagt, welche Fahrer er braucht und wer wie viel Geld kriegt", erzählt Jens Voigt, der als einziger Deutscher bei der Tour 2001 im Gelben Trikot fuhr, "Armstrong hat eine starke, fast erdrückende Persönlichkeit. Das Team ist sein Team."

Archetyp eines Profis


Vor dieser Dominanz flüchtete im letzten Jahr selbst Armstrongs Kumpel und Teamgefährte Kevin Livingston, den es zum McCartney-Team und nach dessen Auflösung zum Team Telekom zog, wo Kapitän Jan Ullrich weniger Chef und mehr Kamerad ist. Selbstbewusst, selbstsicher, manchmal selbstherrlich tritt Armstrong auf, der in Texas, ohne Vater aufwuchs und früh Verantwortung nehmen musste. "Er ist der Archetyp eines Profis", urteilt Tour-Patron Jean-Marie Leblanc über den besten Fahrer im Feld, "er wird respektiert, aber nicht geliebt."

Armstrong erscheint als Champion ohne Schwächen. Genau das lässt an seiner Glaubwürdigkeit zweifeln. Mister Perfect scheint zu perfekt zu sein für diese Welt. Der 29-Jährige hat sich damit abgefunden: "Ich habe einen zweifelhaften Ruf, weil ich Radsport betreibe. Doch ich zumindest kann jeden Morgen in den Spiegel schauen und mit dem glücklich sein, was ich sehe."



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