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14. Juli 2018, 21:17 Uhr

Tour de France

Katusha kriegt die Kittel-Krise

Aus Amiens berichtet

Der sportliche Leiter beschimpft Sprinter Marcel Kittel als Egoisten, der Deutsche wirft sein Rad gegen den Teambus: Beim Radrennstall Katusha liegen die Nerven blank. Nun fällt auch noch Anführer Tony Martin aus.

Marcel Kittel hat jetzt einen Bodyguard, fast so wie Chris Froome. Zum Ende der achten Tour-de-France-Etappe in Amiens wurde der blonde Radstar von seinem Pressesprecher gleich an der Ziellinie in Empfang genommen und zum Bus geleitet. Das ist ungewöhnlich. Sonst ist Kittel entweder von einer Traube von Fotografen umringt und wird dann von den Sicherheitsleuten des Tourveranstalters Aso zum Bereich des Siegerpodests geführt. Oder er rollt nach verlorenem Zielsprint allein in Richtung Bus.

Die Traubenerfahrung durfte Kittel in diesem Jahr noch nicht machen. Der fünffache Etappensieger der letzten Tour hat bei der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt noch kein einziges Mal gewonnen. Ein dritter Platz zum Auftakt und ein fünfter auf der vierten Etappe waren seine besten Ergebnisse, ansonsten: Platz 162, Platz 150, Platz 169, Platz 152 und am Freitag bei der Sprintankunft in Chartres Platz 118 - diese Leistungen sorgen für Unmut in seinem Katusha-Team.

Böser Konter der sportlichen Leitung

Am Freitagabend machte sich der sportliche Leiter Dmitri Konyschew in der "L'Équipe" Luft. Er bezeichnete Kittel als "Egoisten" und auch als einen Mann, den "ich nicht ausgewählt habe". Weiter wird er zitiert mit: "Wir bezahlen ihm eine Menge, aber er ist nur an sich selbst interessiert. Vor dem Mannschaftszeitfahren der Tour de France in Cholet hat er während der Teambesprechung mit seinem Handy herumgespielt. Das hat mir zu verstehen gegeben, dass ihn das nicht interessiert."

Konyschew dementierte die Äußerungen am Samstag nicht, versuchte sie aber abzuschwächen. "Jeder spielt mit seinem Telefon herum, das Telefon ist das Problem", sagte er am Start, es sollte scherzhaft rüberkommen. Den Egoismus-Vorwurf relativierte er vor Reportern: "Alle Sprinter sind etwas egoistisch. Aber er hilft auch dem Team. Wir können uns nicht über ihn beschweren."

Das klang nach Burgfrieden. Und hätte Kittel die achte Etappe in Amiens gewonnen, es wäre wohl Gras über die Sache gewachsen. Der Deutsche fuhr aber auf einen enttäuschenden 17. Platz. Er rückte zwar noch zwei Ränge vor, weil André Greipel und Fernando Gaviria von der Jury wegen gegenseitiger Behinderung zurückgestuft wurden.

Doch auch das war viel zu wenig. Und damit von Kittel kein kritisches Wort über die Lippen kommen konnte, wurde er vom Ziel weg zum Bus eskortiert. Doch diese Maßnahme wirkte nicht so richtig. Bevor Kittel im Bus verschwand, warf er noch wütend sein Rennrad dagegen und schrie unüberhörbar: "Fuck!"

Verbaler Gegenschlag aus dem Kittel-Lager

Das elaboriertere Reden übernahm dann Kittels Manager Jörg Werner. Er bezeichnete Vertreter der sportlichen Leitung als "Old School" und machte eine Teilung im Team aus - auf der einen Seite die deutsche Sprinter-Fraktion um Kittel, auf der anderen Seite die Bergfahrer-Crew um den russischen Co-Kapitän Ilnur Zakarin.

Beide Teams haben zuerst ihre eigenen Erfolge im Blick. Allerdings wies Katusha-Sportdirektor Torsten Schmidt darauf hin, dass sich die Lager auch gegenseitig helfen können. "Von der Sprintvorbereitung profitiert auch Zakarin, weil er dann vorn im Feld positioniert wird. Und die Leute, die stark im Flachen sind, können ihn dann auch gut in den Fuß der Berge hineinfahren", sagte er dem SPIEGEL.

Doch auf der vierten Etappe, als Kittel Fünfter wurde, war lange kein Helfer für Zakarin da, als der etwa fünf Kilometer vor dem Ziel durch einen Sturz aufgehalten wurde. Der Russe verlor 59 Sekunden. Katusha sieht also an beiden Fronten, Sprint wie Gesamtklassement, schlecht aus. Der Rennstall ist auch Opfer der Reduzierung der Teams von neun auf acht Mann. Zwei Helferbeine mehr - und sowohl Kittel wie auch Zakarin stünden vielleicht besser da.

Anführer Tony Martin muss aufgeben

Ganz bitter ist, dass Tony Martin, der anerkannte Anführer in der Truppe, auf der achten Etappe böse zu Boden ging. Mit einer langen Wunde über der rechten Schläfe, einer genähten Unterlippe und zahlreichen Abschürfungen an Rücken und Ellenbogen kam er aus dem Röntgenbus. "Ich habe relativ große Schmerzen im Brust- und im Rückenbereich. Wir fahren jetzt ins Krankenhaus", sagte er.

Am Abend kam dann die Schock-Diagnose: Wegen einer "Wirbelkörperkompressionsfraktur" muss Martin aus der Tour aussteigen. Das zerstrittene Team muss nun auch noch ohne seinen Leader auskommen.

Hier können Sie den Sturz von Tony Martin im Video sehen:

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