12. Etappe bei der Tour de France Viel Chaos und ein Happy End

Heftige Winde zwangen die Organisatoren der Tour de France dazu, die 12. Etappe zu verkürzen. Die Streckenänderung sorgte für Chaos und führte zu einer strittigen Jury-Entscheidung.

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Die Wolken hängen tief über dem Mont Ventoux. An der Erinnerungsstelle für den 1967 verunglückten Tour-de-France-Fahrer Tom Simpson kämpft ein stämmiger Mann in einem Trikot mit den britischen Farben mit seinem Rad. Er liegt halb auf dem Boden, die Füße stemmen sich ins Gestein. Der Gegner des Mannes ist der Wind. Eine heftige Böe droht ihn mitsamt seinem Rad vom Mont Ventoux ins Tal zu reißen. Er kauert sich an die Erde, und der Wind flaut ab. Aufatmen bei allen, die dies sehen mussten, ohne selbst eingreifen zu können.

Das geschah etwa eine halbe Stunde nach Zieleinlauf der 12. Etappe der Tour de France, wenige Kilometer oberhalb des Ziels. Wäre alles wie geplant abgelaufen, dann hätten solche Winde auch das Peloton durcheinandergeblasen. Doch die Organisatoren der Tour verkürzten die Etappe um die letzten sechs Kilometer. Es war eine gute Entscheidung. Leider auch die einzige gute an diesem Tag.

Logistik-Fehler am Windberg

Die kurzfristige Streckenänderung brachte die gesamte Logistik durcheinander. Am vorgezogenen Ziel fehlte die übliche Infrastruktur. Keine TV-Leinwände - klar, die wären weggeweht worden. Denn auch ein paar Kilometer unterhalb des Gipfels war der Wind noch stark, wenn auch nicht lebensgefährlich stark. Es fehlten aber auch Absperrungen. Viele Hundert Meter hinter dem Ziel standen sie noch. Die Zeit und die Arbeitskräfte reichten offenbar nicht, sie etwas tiefer zu bringen. Ein fataler Engpass.

Denn ausgerechnet an einer Lücke der Absperrungen, etwa einen Kilometer vor dem Ziel, versperrte eine Traube von Zuschauern den Weg. Sie hatte es schon der Ausreißergruppe des Tages schwer gemacht. "Sie haben mich geschubst, sie haben Serge geschubst. Wir stürzten fast. Es war gar kein Platz, nicht einmal für ein Motorrad", sagte Etappensieger Thomas de Gendt im Ziel. "Sie müssen da etwas tun", sagte er in Richtung der Organisatoren.

Christopher Froome behält das gelbe Trikot
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Christopher Froome behält das gelbe Trikot

Der Lauf um den Tour-Traum

Christopher Froome, der etwa vier Minuten später an dieser Stelle vorbeifuhr, erwischte es härter. "Plötzlich bremste vor uns das Motorrad. Richie, Bauke und ich fielen darauf. Und dann rollte das Motorrad hinter uns über mein Rad und brach es", erzählte der Brite. Richie Porte und Bauke Mollema waren die einzigen Rennfahrer, die Froome bei dessen Attacke begleiten konnten. Während die anderen beiden sich auf ihre noch funktionsfähigen Räder setzten und dem Ziel entgegenjagten, begann Froome den Lauf seines Lebens. "Ich sagte mir: 'Ich habe kein Rad mehr. Der Begleitwagen ist fünf Minuten hinter mir. Ich muss jetzt rennen.'"

Ungelenk, auch wegen der Fahrradschuhe an den Füßen, rannte er los. Er wollte den Traum der Titelverteidigung realisierbar halten. Bitter für ihn: Er hatte sein Ziel eigentlich schon erreicht. Denn er hatte, wie bereits vor drei Jahren an gleicher Stelle, seinen wichtigsten Rivalen Nairo Quintana distanziert. Der Kolumbianer griff zweimal am Fuß des Mont Ventoux an. Beide Male nur halbherzig. Froome ließ seine Helfer die Lücke schließen. Er musste nicht eingreifen.

Nur dank des Sturzes konnte Quintana wieder vorbeikommen. 1:14 Minuten betrug sein Vorsprung nach der ersten Zeitmessung. Doch es wäre ein Sieg mit Geschmäckle gewesen.

"Lex Froome" mit Folgen

Die Jury-Entscheidung, Froome mit der gleichen Zeit zu werten, mit der der etwas glücklichere Mollema ins Ziel gekommen war, 19 Sekunden vor Quintana, hat allerdings auch ein Geschmäckle. Denn die Drei-Kilometer-Sturzregel gilt nur für Flachetappen. Sie besagt, dass Fahrer, die hinter der Drei-Kilometer-Marke stürzen, mit der gleichen Zeit gewertet werden, wie die Gruppe, in der sie sich drei Kilometer vor Schluss befanden. Durch diese Regel soll das Gedränge im Sprintfinale etwas entschärft werden. Am Mont Ventoux wurde sie eingesetzt, um eine mangelhafte Streckenabsicherung ungeschehen zu machen. Eine waghalsige Auslegung - eine "Lex Froome".

"Ich bin glücklich mit der Entscheidung. Ich denke, sie ist korrekt", sagte Froome. Anderer Meinung war man im Lager der Rivalen. "Das war ein Unfall, wie er im Rennen geschehen kann, eine ganz normale Sache im Radsport", sagte Quintanas Helfer Valverde.

Ob Froome auf Dauer damit glücklich wird, ist ungewiss. Denn die Entscheidung zu seinen Gunsten versagt es ihm, als echter Hero in die Radsport-Annalen einzugehen, als einer, der auch unverschuldetem Unheil trotzt. So bleibt nur der ein wenig lächerlich wirkende Lauf des Mannes im gelben Trikot und die Gnade der Jury in Erinnerung.



insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
Buck Freak 14.07.2016
1.
Ich fand den Lauf gar nicht lächerlich. Er war mutig von jemandem mit Fahrradschuhe. Lächerlich ist so eine Verzweiflungstat lächerlich zu nennen.
Le Commissaire 14.07.2016
2.
Zitat: "So bleibt nur der ein wenig lächerlich wirkende Lauf des Mannes im gelben Trikot und die Gnade der Jury in Erinnerung." Der Lauf war nicht lächerlich sondern ein großartiger Sportmoment! Und falls Froome seinen Vorsprung auf seine Verfolger so weit ausbauen kann, dass er auch ohne die Juryentscheidug zu seinen Gunsten erster geworden wäre, wird das niemand mehr erwähnen. Die Chance dazu besteht. Ich hatte vor der Tour auf einen Sieg von Quintana gehofft, jetzt drücke ich Froome die Daumen. Natürlich ist die Juryentscheidung problematisch. Was für sie spricht ist der Umstand, dass durchd die Zurückverlegung des Ziels die Absperrungen vor dem neuen Ziel ungenügend waren, um es höflich auszudrücken, und damit eine Situation entstanden ist, die sonst nicht enstanden wäre. Man kann es auch so sehen: Es gab schon ("normale") Stürze von Favoriten, aufgrund derer die Konkurrenten das Tempo rausgenommen haben.
thomas haupenthal 14.07.2016
3. Fuehrte...
...nicht zu einer"streitbaren", sondern zu einer"strittigen" oder einer "umstrittenen"Entscheidung. Aber das ueben wir noch.
Tdf 14.07.2016
4. Finde die Entscheidung gut
Ich kann die Position Valverdes nicht nachvollziehen. Gerade weil es sich um einen Sturz handelt, der indirekt durch die Zuschauer entstanden ist, ist es richtig den Profi mit diesem Urteil zu schützen. Ansonsten könnte man diese Unfälle, ausgelöst durch Zuschauer durchaus nutzen, um es für die Entscheidung des gesamten Rennens für seine Zwecke zu ändern, weil man einen Fahrer so gezielt "ausschaltet".
Levator 14.07.2016
5. Tour de farce
Froom, wohl Sieger auch im Jahre 2016. Die Güte dieser Jury scheint grenzenlos zu sein. Hat eben sein "Gschmäckle"...
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