Tour-Star Peter Sagan Der Zwischensprinter

Er gehört zu den größten Stars der Tour de France: Peter Sagan will das Grüne Trikot in den Alpen verteidigen. Dass er kein typischer Sprinter ist, kommt ihm dabei sogar entgegen. In Paris winkt ein Rekord.

"Nicht so schnell wie die anderen": Peter Sagan
YOAN VALAT/EPA-EFE/REX

"Nicht so schnell wie die anderen": Peter Sagan

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Peter Sagan ist ein Showman, ein Alleinunterhalter: Mal fährt er bei der Tour de France mit einem Wheelie, also nur auf dem Hinterrad, den Berg hinauf, mal signiert er einem Fan während der Fahrt am Tourmalet sein Buch. Und als er seinen Etappensieg am fünften Tag der Tour bejubelte und dabei seine Muskeln anspannte, erinnerte er in seinem Grünen Trikot an den unglaublichen Hulk.

Grün und stark wie Hulk: Peter Sagan
Christian Hartmann / REUTERS

Grün und stark wie Hulk: Peter Sagan

Seit der dritten Etappe trägt Sagan nun das Trikot des Punktbesten. 85 Zähler Vorsprung hat der Fahrer des deutschen Teams Bora-Hansgrohe auf den Zweitplatzierten Elia Viviani und damit sehr gute Chancen, das Maillot Vert zum siebten Mal nach Paris zu tragen. Das wäre ein Rekord, die aktuelle Bestmarke von sechs Grünen Trikots teilt sich Sagan noch mit dem deutschen Ex-Profi Erik Zabel. Der hatte 2007 zwar Doping bei der Tour 1996 gestanden, zu dem Zeitpunkt war der Fall aber verjährt. Deswegen wird er nach wie vor als Sieger der Punktewertung 1996 geführt.

Sagan fährt auf den Rekord zu, dabei ist er gar kein Vollblutsprinter. "Jeder weiß, dass ich nicht so schnell bin wie die anderen", sagte der 29-Jährige am Rande der siebten Etappe. Im Massensprint hat der Slowake gegen endschnelle Fahrer wie Caleb Ewan oder Dylan Groenewegen nur Außenseiterchancen. Am ersten Tag verlor er gar gegen Groenewegens Anfahrer Mike Teunissen.

Doch Klassikerspezialist Sagan sammelt seine Punkte im Rennen um das Grüne Trikot nicht durch Etappensiege auf flachen Strecken. Seinen bislang einzigen Tagessieg holte er auf einem hügeligen Profil. Sagan kommt mit diesen Etappen gut zurecht und gewinnt Zwischensprints, bei denen seine Konkurrenten gar nicht mitfahren können, weil sie an den Hügeln schon abgehängt wurden. Auch Gebirgsetappen meistert Sagan ordentlich, wie seine "Autogrammstunde" am Tourmalet zeigte. Ursprünglich kommt der Slowake aus dem Mountainbiking, daher rührt wohl auch seine gute Radbeherrschung, die er gerne mit Wheelies zeigt. Im Feld gilt er als einer der vielseitigsten Fahrer.

An Sagan wird deutlich, dass das Grüne Trikot das Dress des punktbesten Fahrers ist - und nicht unbedingt des besten Sprinters.

Deswegen rechneten auch Konkurrenten wie Groenewegen nicht damit, dass sie dem dreifachen Weltmeister das Grüne Trikot abjagen können. "Ich denke, Sagan ist zu stark", sagte der Niederländer am siebten Renntag laut "cyclingnews": "Er holt Punkte auf Bergetappen. Er ist ein ausgezeichneter Fahrer, sehr kämpferisch. Und selbst auf den Flachetappen ist es schwer, ihn zu besiegen. Ich will Etappen gewinnen. Für das Grüne Trikot ist Sagan zu weit voraus." Um ihn noch einzuholen, müssten seine Konkurrenten wohl alle Sprintwertungen bis Paris sowie das Finale auf den Champs-Élysées gewinnen.

Sagan gewann die fünfte Etappe - weil die Konkurrenz schwächelte
Gonzalo Fuentes / REUTERS

Sagan gewann die fünfte Etappe - weil die Konkurrenz schwächelte

Die Sprinter hatten bei der diesjährigen Tour wenige Chancen auf Etappensiege, ab Donnerstag wird das Tourleben für sie noch schwerer. Auf den drei Alpenetappen vor Paris müssen sie vier Berge der höchsten Kategorie erklimmen, darunter den berühmten Col du Galibier und einen 33,4 Kilometer langen Anstieg nach Val Thorens.

Das Problem der Topsprinter ist ihr vergleichsweise hohes Gewicht. Ihre Muskelmasse ist nicht für Bergetappen und lange Belastungen ausgelegt. Groenewegen, Viviani, Sonny Colbrelli, Caleb Ewan und Co. werden sich auf den Bergetappen gemeinsam mit ihren Helfern ins Gruppetto zurückfallen lassen und an Anstiegen wie dem Galibier gegen die Karenzzeit kämpfen. Sonst droht die Disqualifikation.

Vielleicht wird der eine oder andere Sprinter die Tour in den Alpen aber auch freiwillig aufgeben. Sich in der Sommerhitze durch die Berge zu quälen, empfinden eventuell nicht alle als lohnenswert. In den Neunzigerjahren war der Italiener Mario Cipollini so ein Fahrer: Zwischen 1993 und 1999 gewann der Sprinter zwölf Touretappen, beendete aber keine einzige Frankreich-Rundfahrt.

Dieselbe Anzahl an Tagessiegen hat Peter Sagan mittlerweile in seinen Statistiken stehen. Dass er die Frankreich-Rundfahrt aber freiwillig aufgibt, ist so gut wie ausgeschlossen. Bei seinen bisherigen sieben Tour-Teilnahmen fuhr er sechsmal nach Paris, einmal wurde er aufgrund eines umstrittenen Ellenbogenchecks gegen Mark Cavendish disqualifiziert.

So ein Fauxpas wird Sagan aber wohl nicht noch mal passieren. Schließlich ist er kurz davor, den alleinigen Rekord in Grün aufzustellen. Auch ein Sieg auf der letzten Etappe nach Paris scheint möglich. Vor allem, falls die anderen Sprinter es nicht durch die Alpen schaffen.

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insgesamt 7 Beiträge
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Le Commissaire 25.07.2019
1. Es gab keinen Ellenbogencheck
Zitat: "einmal wurde er [Peter Sagan] aufgrund eines umstrittenen Ellenbogenchecks gegen Mark Cavendish disqualifiziert." Nein, Peter Sagan wurde wegen eines _angeblichen_ Ellenbogenchecks gegen Mark Cavendish disqualifiziert! Wie die ganze Welt nach diesem Ereignis klar erfahren konnten, gab es keinen Ellenbogencheck, sondern eine Ausgleichsbewegung, um die Balance zu halten, _nachdem_ Cavendish Sagan in die Spur gefahren war. Selbst die Jury hat nachträglich zugegeben, dass sie eine falsche Entscheidung getroffen hat.
suplesse 25.07.2019
2. Kein typischer Sprinter
Aber unter anderem ein Sprinter für etwas ansteigende Massenankünfte. Oder wenn es sehr eng zu geht. Mit seinem fahrerischen Können gleicht er das oft sehr gut aus. Dafür kann er noch viel mehr, was die meisten Sprinter nicht so gut können. Er kann auch mal kurz vor dem Ziel davon fahren. Bei den schweren belgischen Klassikern fährt er die kurzen steilen Anstiege von vorne mit hoch. Er ist einfach ein Allroundgenie. Das einzige was er nicht so gut kann, dass sind die Bergetappen. Wobei er da auch besser hoch kommt, wie die meisten. Dafür hat es ja die Bergflöhe mit ihren 50 kg - 65 kg.
taglöhner 25.07.2019
3. Toller Fahrer
Zitat von suplesseAber unter anderem ein Sprinter für etwas ansteigende Massenankünfte. Oder wenn es sehr eng zu geht. Mit seinem fahrerischen Können gleicht er das oft sehr gut aus. Dafür kann er noch viel mehr, was die meisten Sprinter nicht so gut können. Er kann auch mal kurz vor dem Ziel davon fahren. Bei den schweren belgischen Klassikern fährt er die kurzen steilen Anstiege von vorne mit hoch. Er ist einfach ein Allroundgenie. Das einzige was er nicht so gut kann, dass sind die Bergetappen. Wobei er da auch besser hoch kommt, wie die meisten. Dafür hat es ja die Bergflöhe mit ihren 50 kg - 65 kg.
Dafür sind ja seine Abfahrten oft haarsträubend und spektakulär.
decathlone 25.07.2019
4. Peter Sagan ist nicht nur Dauer-Abonnent des grünen Trikots...
... sondern auch mehrfacher Weltmeister und ein konstanter Faktor bei den Frühjahrsklassikern, die er alle schon mal gewonnen hat. (Bis auf Milan-SanRemo, aber da war er auch schon dicht dran.) Ein (fast) kompletter Radsportler - er hat halt noch nicht am Tourmalet oder in Alpe D'Huez gewonnen. Aber das passt halt nicht zu seiner Veranlagung/seinem Körperbau. Bora-HansGrohe hat mit seiner Verpflichtung alles richtig gemacht. Zwischendurch schleppt er auch mal Flaschen für die Kollegen - wie man dieser Tage bei der Tour sehen konnte.
Prussia Culé 25.07.2019
5. Genialer Fahrer
Peter Sagan ist einfach ein beeindruckender Rennfahrer. Weltklasse-Sprinter, einer der stärksten Klassikerfahrer, sehr guter Prolog-Zeitfahrer und mit einem sehr guten Renninstinkt ausgestattet. Ein würdiger Sieger des Grünen Trikots, vor allem weil er auf allen Terrains sich Punkte holen kann. Aktuell versucht er wieder in eine Ausreißergruppe zu kommen. Was hinzu kommt ist seine Radbeherrschung und seine Art. Es geht im Grupetto die Berge hoch, die Leute rufen ihm zu: "Wheelie, wheelie, wheelie!", und Sagan der Showman macht natürlich zur Freude aller zuerst einen beidhändigen Wheelie, dann den einhändigen und schließlich den "no-hand-wheelie".
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