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18. Juli 2019, 09:23 Uhr

Tour de France

Die Schlacht der Pyrenäen

Von , Paris

Seit mehr als hundert Jahren gehören die Pyrenäen-Etappen zu den Höhepunkten der Tour. Das liegt auch am Verhältnis der Franzosen zu den Bergen. Diese sind ihnen merkwürdig fremd - es sei denn, die Radprofis kommen.

Im Pariser Café La Roseraie im neunten Bezirk standen sie in dieser Woche immer noch an der Theke und ließen tagsüber auf dem Flachbildschirm die politischen Nachrichten laufen. "Ich höre die Leute noch nicht von der Tour sprechen, aber das wird sich in den Pyrenäen ändern", sagte Lyazid, der erfahrene Wirt des Eck-Cafés. Dann werden auf dem Bildschirm über Stunden nur noch Radprofis zu sehen sein.

Ab heute ist es soweit. An vier Tagen, von Donnerstag bis zum letzten großen Anstieg am Samstagnachmittag durchquert das weltweit meistverfolgte Fahrradrennen der Welt die Pyrenäen. Nimmt man die Zahlen vom vergangenen Jahr, sind dann täglich über vier Millionen Fernsehzuschauer allein in Frankreich dabei.

"Die Tour de France ist eine Art nationales Denkmal, ein traditioneller Moment der Einigkeit, der für zahlreiche Franzosen persönliche Erinnerungen mit sich bringt und ein wunderbares Schaufenster unserer Regionen bietet", sagt der Meinungsforscher Jérôme Fourquet vom Pariser IFOP-Institut: "Aus all diesen Gründen bleibt das Publikum treu, und jeder zweite Franzose sagt, dass er sich für das Rennen interessiert."

Tour de France schlägt Schulunterricht

Jedes Jahr schaut das große Publikum erst dann hin, wenn die Radfahrer die Berge erreichen. Jetzt sind es die mal grünen, mal blaugrauen Pyrenäen. Die Berge fordern den Fahrern ihre Höchstleistungen ab. Sie liefern die schönsten Bilder der Tour. Sie prägen die Tour und umgekehrt.

"Die Tour de France ist das einzige Sportereignis, das auch diejenigen faszinieren kann, die den Sport nicht mögen", schreibt Eric Meyer, Chefredakteur von "Geo-Frankreich" in einem französischen Sonderheft zur Tour. Der Grund: Viele Franzosen würden die Karte ihres Landes aus dem Schulunterricht kennen, aber viel besser durch die Tour de France.

Das gilt ganz besonders für die Pyrenäen.

"In der Schule habe ich über die Pyrenäen wenig gelernt, außer dass sie die natürliche Grenze zu Spanien bilden. Ich wusste nur, dass einmal im Jahr die Schlacht der Pyrenäen stattfindet, nämlich bei der Tour de France", sagt Daniel Psenny, 60 Jahre alt, bis vor kurzem Fernsehkritiker der Zeitung "Le Monde".

"Wenn es schneit, kommen die Bären aus Spanien"

Noch heute hegen viele Franzosen ein sehr distanziertes Verhältnis zu ihren hohen Bergen im Süden. "Die Pyrenäen gelten als wild und arm", sagt Psenny. Das mag längst nicht mehr stimmen, aber spätestens seit der Pariser Umweltminister im vergangenen Herbst zwei Bären aus Slowenien in der Wildnis der Pyrenäen aussetzte, haben sie wieder diesen Ruf.

Hier finden Sie mehr Informationen zur Tour de France:

Die Ziegenbauern der Berge protestierten und verschlimmerten damit noch ihren Ruf. Es ist eine alte Geschichte: "Wenn es schneit, kommen die Bären aus Spanien herüber", warnte man Tour-Gründer Henri Desgrange, als er 1910 erstmals die Pyrenäen auf die Tour-Strecke setzte. Seitdem aber ist die Schlacht der Pyrenäen fester Bestandteil der Rundfahrt.

Die Pyrenäen verleihen der Tour etwas Geheimnisvolles. Im Gegensatz zu den berühmten Anstiegen in den Alpen, die jeder Pariser Schüler aus Sommer- oder Winterferien kennt, nimmt die Tour hier für den Normalbürger unbekannte Wege. Ein Etappenziel ist dieses Mal die Kleinstadt Bagnère-de-Bigorre, in der im Mittelalter lange Jahre die Pest wütete.

Zweite Heimat der Spanisch sprechenden Fahrer

Die Stadt wurde erst mit König Heinrich dem Vierten im 16. Jahrhundert Frankreich angeschlossen. Lange Zeit geschah hier nichts, bis eine Strafaktion deutscher SS-Truppen in der Stadt im Jahr 1944 32 Todesopfer forderte. Was will ein globales Sportereignis wie die Tour de France heute an einem solchen Ort?

Basken, Spanier und Lateinamerikaner zählten immer zu den Helden der Tour. Oft stellten sie die besten Bergfahrer. In diesem Jahr zählt der Kolumbianer Egan Bernal zu den Favoriten. Automatisch sehen dann viele Franzosen die Pyrenäen als zweite Heimat der Spanisch sprechenden Fahrer.

Es fehlen ihnen die eigenen Helden aus den Bergen im Süden. Nur Heinrich der Vierte ist den Historikern als einer in Erinnerung geblieben, der aus den Pyrenäen kam und Paris eroberte - wie so viele Tour-Gewinner, die in den Pyrenäen ihre entscheidenden Siege einfuhren.

Wer wird am Tourmalet gewinnen?

Heinrich stammte aus Pau, wo am Freitag das Zeitfahren der Tour stattfindet. Er gilt bis heute als einer der besten französischen Könige, auch weil er Hugenotte war und den Protestanten in Frankreich erstmals religiöse Freiheit zusicherte. Doch das ist längst vergessen. Am Freitag wird halb Frankreich nur wegen der Tour auf Pau schauen.

In Toulouse, am Start der Tour in die Berge, wird gerade eine Ausstellung über Picasso und die Exilkunst der spanischen Flüchtlinge gezeigt. Sie belegt die große Kreativität der spanischen Republikaner, die vor Franco und den Nazis Ende der Dreißigerjahre über die Pyrenäen nach Südfrankreich geflüchtet kamen. Frankreich nahm damals in einem Jahr eine halbe Million Flüchtlinge auf, fast vergleichbar mit der deutschen Empfangsbereitschaft in den Syrienkrise vor vier Jahren.

Die Pyrenäen dienten zu jener Zeit vielen Flüchtlingen als Versteck, ihre Wildnis und ihre Armut boten Schutz. Nach dem Krieg avancierten die Flüchtlinge dann vielerorts in den Bergdörfern zu lokalen Führungsfiguren, nicht nur in der Kunst. Auch das aber machte den Franzosen ihre Berge nicht unbedingt vertrauter. Dafür bedurfte es weiterhin der Tour de France.

Wer wird diesen Samstag am Tourmalet, beim stärksten Anstieg in den Pyrenäen gewinnen? Keiner tippt auf den bisherigen Träger des Gelben Trikots, den Franzosen Julian Alaphilippe. Vermutlich liegt es daran, dass die Pyrenäen den meisten Franzosen bis heute fremd geblieben sind, bis auf ein paar Tage im Juli.

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