Tour de France T-Mobile-Sieg bei Ullrich-Wetter

Die siebte Etappe der Tour de France hat die Weichen für den Weg in die Berge gestellt. Ohne Jan Ullrich treten sowohl das Team T-Mobile als auch die deutschen Fahrer im Feld überraschend stark auf. In einer Wertung liegt ein Deutscher sogar an der Spitze.
Von Jörg Schallenberg

Wäre. Gewesen. Mit diesen Worten ist die siebte Etappe der Tour de France am besten zu beschreiben. Hier und heute wäre der Tag von Jan Ullrich gewesen. Zwar hatte es in der Nacht im Westen Frankreichs geregnet, doch als die ersten Fahrer am späten Samstagvormittag beim Start in St. Grégoire auf die Rue du Général de Gaulle rollten, hatte die Sonne die Straße bereits wieder getrocknet.

Sogar das Wetter hätte also für Ullrich gepasst - und die Strecke sowieso: Ein nur leicht hügeliges Einzelzeitfahren über 52 Kilometer mit einer anspruchsvollen, engen und kurvigen Streckenführung. Der frühere Team-Telekom-Chef Walter Godefroot hatte sich vor der Tour über diesen "Jan-Ullrich-Parcours" gefreut. Doch Ullrich hat, wie man weiß, schon lange nicht mehr auf Godefroot gehört, sondern auf den Belgier Rudy Pevenage. Auch deshalb siegte an diesem Tag ein Fahrer aus dem T-Mobile-Team, der in der anschließenden Pressekonferenz erst einmal erklären musste, wie man seinen Namen schreibt und ausspricht.

Der Ukrainer Sergej Gontschar, der in seiner Heimat als Serhiy Honchar geführt wird, fuhr bei diesem Zeitfahren in seiner eigenen Klasse und hängte den Zweitplatzierten Floyd Landis (Team Phonak) aus den USA um mehr als eine Minute ab. Dennoch: Die Frage eines Reporters, ob Gontschar sich denn nun auch Hoffnungen mache, am Ende auf einem der vorderen Plätze in der Gesamtwertung zu landen, beantwortete der Ukrainer nur mit einem müden Lächeln und ein paar dürren Floskeln.

Er weiß genau, dass sein Erfolg und der Ritt ins Gelbe Trikot eine Momentaufnahme sind. Die wahren Sieger bei dieser ersten entscheidenden Etappe der Tour waren andere. Floyd Landis etwa, der zwar wegen Problemen mit der Lenkstange sogar seine Rennmaschine wechseln musste, aber trotzdem nicht unglücklich über seinen zweiten Platz war. "I got beat fair and square", sagte er zufrieden lächelnd, als er vom Zweitrad stieg, für ihn war es also eine völlig verdiente Niederlage gegen Gontschar.

Doch der Blick auf das Gesamtklassement entschädigte Landis allemal für sein Pech mit der Technik. Denn einer der vermeintlich härtesten Konkurrenten auf den Gesamtsieg hat womöglich schon alle Chancen verspielt: Levi Leipheimer (USA) muss mit 5 Minuten und 16 Sekunden Rückstand auf die nächste Etappe und wohl auch in die Berge gehen - das wird der Gerolsteiner-Kapitän kaum aufholen können.

Zumal fast alle anderen Fahrer, die nach dem Ausfall der Top-Favoriten nun selbst zu heißen Siegkandidaten avanciert sind, ebenfalls drei bis vier Minuten Vorsprung auf Leipheimer herausgefahren haben. Andreas Klöden etwa, der bei der Tour 2004 Zweiter wurde und ohnehin als Ullrichs Kronprinz bei T-Mobile galt, hat sich mit dem sechsten Rang nach dem Zeitfahren eine hervorragende Ausgangsposition für die kommenden Pyrenäen-Etappen herausgefahren. Auch der Italiener Paolo Savoldelli und George Hincapie aus den USA, die beide für das frühere Armstrong-Team Discovery starten, liegen mit weniger als anderthalb Minuten Rückstand auf Landis ziemlich aussichtsreich im Rennen.

Eine neue Radsport-Ära

Gontschar, Klöden, Landis, Savoldelli, Hincapie. Dass es diese Namen sind, über die man nach dem ersten Einzelzeitfahren spricht, verdeutlicht die wichtigste Erkenntnis dieses Tages: Am 8. Juli 2006 hat nach dem Flachlandgeplänkel der ersten Woche nicht nur die diesjährige Tour richtig begonnen, sondern es ist eine neue Ära im Radsport angebrochen. Nur zur Erinnerung: Von den 14 Zeitfahren der Tour de France zuvor hat Lance Armstrong neun gewonnen, in keiner Teildisziplin des schwierigsten Radrennens der Welt dominierte der US-Amerikaner mehr als im "contre-la-montre", dem einsamen Rennen gegen die Uhr.

Oft fielen auf diesen Etappen zudem bereits Vorentscheidungen über den Gesamtsieg, etwa 2005, als Armstrong den vor ihm gestarteten Jan Ullrich bereits auf der ersten Etappe einholte und demütigte - oder 1997, als Ullrich die gleiche Schmach seinem Hauptkonkurrenten Richard Virenque zufügte.

Ullrich, Armstrong? Zwei Namen, die bei dieser Tour de France nur noch in Verbindung mit den Worten "wäre" und "gewesen" vorkommen. Sie sind Vergangenheit. Vielleicht ist es angesichts der geballten Verdachtsmomente gegen beide besser so. Ihren Mannschaften geht es ohne die einstigen Superstars zumindest bestens.

Insbesondere T-Mobile hat den Doping-Schock des vergangenen Freitags offenbar als heilsamen Schreck gedeutet und schaffte beim Zeitfahren das Kunststück, gleich drei Fahrer unter den ersten vier zu platzieren. In der Teamwertung liegen die Bonner überlegen an der Spitze.

Und wenn es um die Nachfolge Ullrichs als nationales Radsport-Idol geht, muss den Fans und Sponsoren auch nicht bange sein: Der 24-jährige Marcus Fothen vom Team Gerolsteiner eroberte sich mit einem ausgezeichneten siebten Platz beim Zeitfahren das weiße Trikot des besten Nachwuchsfahrers zurück, das er auf der sechsten Etappe vorübergehend abgeben musste. In der Gesamtwertung liegt er auf Rang fünf.

An Selbstbewusstsein mangelt es Fothen, der zum ersten Mal bei der Tour de France dabei ist, nicht. "Ich bin ganz sicher, dass ich eines Tages die Tour gewinnen werde", verkündete er am Samstag in der Sportzeitung "L'Équipe". Noch wichtiger war ihm allerdings folgende Feststellung: "Ich bin nicht wie Jan Ullrich und ich werde es auch nie sein."

Selbstverständlich meinte er damit nur den unterschiedlichen Verlauf ihrer Karrieren - denn Ullrich hatte mit 23 Jahren bereits die Tour gewonnen. Fothen will sich, sagt er, lieber mehr Zeit für den Weg an die Spitze lassen. Vielleicht vermeidet er so auch gleich ein paar andere Fehler.

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