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09. Juli 2006, 20:01 Uhr

Tour de France

Vom Jäger zum Gejagten

Aus Lorient berichtet Jörg Schallenberg

Das T-Mobile-Team fährt bei der Tour de France der Konkurrenz davon. Riesige Begeisterung will bei dem Bonner Rennstall aber nicht aufkommen - was nicht nur an einem ziemlich selbstsicheren Widersacher liegt.

Olaf Ludwig schaute etwas mürrisch drein, als er am Sonntagvormittag den T-Mobile-Teambus verließ. Aber das lag wohl am Nieselregen, der dem sportlichen Leiter der Mannschaft in St. Méen-le-Grand ins Gesicht schlug. Ansonsten wirkte Ludwig erfüllt von einer grimmigen Zufriedenheit, als er vor dem Start zur achten Etappe der Tour de France den bisherigen Rennverlauf analysierte.

"In den letzten Jahren war es doch immer so", sagte Ludwig und schaute den Journalisten entschlossen ins Gesicht, "dass US Postal oder Discovery nach dem ersten Zeitfahren vorne lagen. Attackiert haben dann nur CSC und wir, die anderen haben es nicht wirklich probiert. Jetzt liegen wir vorn und die anderen müssen angreifen. Mal sehen, was passiert."

Vom Jäger zum Gejagten - das Selbstverständnis des Teams T-Mobile hat sich während der ersten Tour-Woche in der Tat völlig gewandelt. Nicht nur für die französischen Medien, die trotz der Fußball-WM jeden Tag Seite um Seite mit Tour-Berichten füllen, ist die Mannschaft in Magenta bislang die Überraschung der Frankreich-Rundfahrt.

Mit Sergej Gontschar, Michael Rogers, Patrik Sinkewitz und Andreas Klöden belegen vier T-Mobile-Fahrer die Plätze 1,3,4 und 6 in der Gesamtwertung, und hätte sich Matthias Kessler am Sonntag mit seiner Ausreißergruppe nicht kurz vorm Ziel noch vom Péloton schlucken lassen, wäre er noch um einiges besser platziert als auf Rang 11.

Die faszinierende Stärke und Ausgeglichenheit des Teams birgt allerdings Gefahren. Drei Tage vor der ersten schweren Pyrenäenetappe (am Mittwoch von Cambio-les-Bains nach Pau) will sich niemand darauf festlegen, wer denn nun Kapitän an Bord ist. Zwar beteuerte Ludwig noch am Sonntag vor dem Mannschaftsbus, dass Spitzenreiter Gontschar "unser erster Mann" ist, aber als ein paar Meter weiter Patrik Sinkewitz gefragt wird, ob er sich denn die Rolle als Führungskraft bereits zutrauen würde, da referiert der 25-jährige einiges über Taktik, Berge und Abwarten, aber "Nein" sagt er nicht.

Andreas Klöden dagegen liefert an diesem Morgen einmal mehr ein Beispiel seiner oft zitierten Schüchternheit, als er es nicht wagt, einen Kameramann anzuraunzen, der ihm den Weg Richtung Start versperrt. Am Tag zuvor hat er aber ganz nebenbei verlauten lassen: "Ich habe bereits jeden geschlagen, der hier mitfährt."

Allzu lange darf es in den Bergen wohl nicht dauern, bis sich eine interne Hackordnung herauskristallisiert, sonst dürften die T-Mobile-Fahrer bei aller individuellen Stärke im Kampf um das gelbe Trikot schnell von einer taktisch starken und geschlossenen Mannschaft abgehängt werden. Erschwerend kommt hinzu, dass die Bonner nach dem Verzicht auf Jan Ullrich und Oscar Sevilla nur noch zu siebt sind, während etwa der Gesamt-Zweite Floyd Landis auf acht Helfer in seinem Phonak-Rennstall rechnen kann - bei klar verteilten Rollen.

Kein Wunder, dass sich Landis, der heute gemütlich mit dem Hauptfeld ins Ziel radelte, zurzeit in bester Laune zeigt. Im Gespräch flachst er gern herum, treibt Reporter in Lachanfälle und bringt so ganze Fernseh-Interviews zum Scheitern. Fragt man ihn in einem ernsten Moment, ob er denn jetzt der Topfavorit auf den Sieg ist, blickt Landis nur verständnislos und stellt mit aller Selbstverständlichkeit fest: "Ja, das hoffe ich doch." Dann blickt er sich grinsend um, als wolle er sagen: "Oder seht Ihr noch jemanden?"

Wenn, dann wohl bei T-Mobile. Dort wirkt die Fröhlichkeit aber nicht ansteckend. Die Mannschaft fühlt nicht nur auf der Strecke, sondern auch außerhalb gejagt. Es ist kein Zufall, dass das Team in St. Méen-le-Grand als einziger Rennstall den Bereich vor dem Mannschaftsbus mit einem magentafarbenen Band und Stoßstange an Stoßstange geparkten Team-Autos absperrt. Zu dicht will man die Öffentlichkeit im Moment nicht heranlassen, zu tief sitzt offenbar die Verbitterung über die Presseberichte dieser sportlich doch so erfolgreichen Tage.

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