Tour de France in den Alpen Gipfel der Freiheit

Frankreich blickt auf die letzten Etappen der Tour de France, sie führen durch die Alpen. Für die Franzosen erzählen die Berge besondere Geschichten: vom Widerstand gegen Nazis, aber auch von Sommerträumen.

Gero Breloer/ DPA

Von , Paris


Hugo reagiert empört auf die Frage, ob es denn bei ihm dieser Tage nicht die Tour de France zu sehen gebe. "Wir sind Bobos, alternative Pariser!", sagt der junge Eigentümer der schicken "Bar 50" im 10. Pariser Bezirk. "Wir haben keinen Fernseher und sehen nicht die Tour de France." Statt des berühmten Radrennens gibt es in der "Bar 50" Jazzmusik.

Dann aber lächelt Hugo und sagt, er sei in der Bretagne aufgewachsen. In dieser Region hat schon so manche Etappe stattgefunden. "Als Bretone schaue ich mir die Tour dann doch an", sagt Hugo. "Wenn es geht, am Nachmittag in meiner Pariser Wohnung, bevor ich die Bar öffne. Aber ich gucke diese Woche nur die Alpen." Wieso nur die Alpen? "Weil jeder weiß: In den Pyrenäen kann man die Tour verlieren, aber gewinnen kann man sie nur in den Alpen."

Aktuell ist das Rennen wieder en vogue: 8,8 Millionen Franzosen sahen vergangenen Samstag die Bergankunft der Radfahrer in den Pyrenäen auf ihren Bildschirmen. Bei den Alpen-Etappen der nächsten Tage dürften es noch mehr sein. Das liegt nicht nur daran, dass in der Spitze der Favoriten in diesem Jahr zwei Franzosen mit dem aktuell Führenden Julian Alaphilippe und Verfolger Thibaut Pinot mitfahren. Es liegt an den Bergen - und an den Erinnerungen vieler Franzosen an sie.

"In Frankreich stehen die Alpen für Freiheit", sagt Christian Delorme, 68, katholischer Pfarrer in Lyon, im Vorland der französischen Alpen. "Die Höhe der Berge, der Freiraum, die pure Luft, der blaue Himmel: Alle flüchten in die Alpen, um ihre Lasten abzuwerfen", sagt Delorme, der in Frankreich bekannt ist für seinen Einsatz für Zugewanderte. "Auch die Migranten aus meiner Gemeinde fahren in die Alpen, um dort ihre Freiheit zu entdecken." Er selbst lernte das noch bei den katholischen Pfadfindern. Doch viel mehr Franzosen lernen es mit der Tour de France. So wie Hugo.

Der Geldbeutel freut sich über die Tour de France

"Als Kind sah ich mit meinem Vater die Tour de France im Fernsehen durch die Alpen fahren", sagt der Pariser Kneipenwirt. "Bei uns in der Bretagne gab es keine Berge. Also sagte ich eines Tages zu meinem Vater: Da will ich hin."

Der Vater fuhr dann nicht selbst mit Hugo in die Alpen. Aber er meldete ihn für ein öffentlich finanziertes Ferienlager an. Ferienlager im Sommer gehören zur Lebensgeschichte fast jedes Franzosen. Sie prägen, und die meisten finden im Tour-Monat Juli statt. "Sommer, Ferienlager, Tour de France, die Alpen - das alles verdichtet sich zu einem spielerisch-glücklichen Moment, zu einer Feststimmung", sagt Pfarrer Delorme.

Auch er fuhr durch die Alpen: Lance Armstrong im Jahr 2000 auf dem Weg auf den 2645 Meter hohen Col du Galibier
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Auch er fuhr durch die Alpen: Lance Armstrong im Jahr 2000 auf dem Weg auf den 2645 Meter hohen Col du Galibier

Die Fernsehbilder von den vielen Zuschauern am Straßenrand der Tour scheinen das zu bestätigen. In den Winterferien ist das schon mal anders, wenn in den Alpen die Skisaison beginnt, aber die großen Massen fehlen. 130 Euro kostet ein Wintersporttag durchschnittlich pro Person in Frankreich - zehn Prozent der Franzosen gönnen sich das. Die Tour de France kostet die Zuschauer dagegen fast nichts, und so hat die Tour die Franzosen schon lange vor dem Wintersport mit den Alpen bekannt gemacht.

Gipfel der Freiheit und Geschichte

In der französischen Geschichte lagen die Alpen meist am Rande des Geschehens. Es sei denn, Napoleon zog mit seinen Truppen über die Berge und eroberte Italien. Eines der berühmtesten Bilder im Pariser Louvre, gemalt im Jahr 1800 vom französischen Revolutionsmaler Jacques-Louis David, nennt sich: "Bonaparte beim Überschreiten der Alpen am Großen Sankt Bernhard". Doch Savoyen - die Region, in der der Großteil der französischen Alpen mit dem Mont Blanc liegt und wo die Tour auch dieses Jahr ihren Höhepunkt erlebt - zählte erst ab 1860 und der Vereinigung Italiens fest zu Frankreich.

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Tour de France in den Alpen: Der Berg ruft

"Erst mit dem französischen Widerstand gegen die Nazis, der in den Bergen am stärksten war, wurden die Alpen zum zentralen Ort der französischen Geschichte", sagt der Pariser Filmhistoriker und Fernsehkritiker Daniel Psenny. Die heutigen Kontrahenten kämpfen glücklicherweise nicht mehr um ihr Leben, sondern um sportliche Titel. "Das wahre Glück bestand immer darin, das Gelbe Trikot zu erkämpfen, nicht, es zu tragen", sagte der 64-jährige Bernard Hinault, fünfmaliger Tour-Gewinner, kürzlich der Sportzeitung "L'Équipe". Wo wäre das besser möglich als in den Bergen?

Anmerkung der Redaktion: Wir haben die Anzahl der Tour-Titel von Bernard Hinault korrigiert.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
gersois 25.07.2019
1. Langweilige Tour
Bisher war der Verlauf der Tour enttäuschend und langweilig. Alle ernsten Angriffe auf das gelbe Trikot blieben aus. Die Teams führen geschlossen um den bisher Führenden auch in den Pyrenäen. Da hat es schon spannendere Tourverläufe gegeben. Hoffentlich gibt es nun doch noch einige spannende Wettkämpfe auf den letzten 3 Etappen vor der Zieleinfahrt!
valdivia 25.07.2019
2. langweilige Tour
Dadurch, das man 2 gute Fahrer disqualifiziert hat, obwohl die beiden sich nur gegenseitig und keinen anderen behindert haben, wird die Tour auch nicht spannender. Oder wollten die Franzosen nur zwei starke Rennställe schwächen um die eigenen Leute zu unterstützen. Irgendwie hat das ganze einen fiesen Beigeschmack.
Prussia Culé 25.07.2019
3. Strafe muss sein
Zitat von valdiviaDadurch, das man 2 gute Fahrer disqualifiziert hat, obwohl die beiden sich nur gegenseitig und keinen anderen behindert haben, wird die Tour auch nicht spannender. Oder wollten die Franzosen nur zwei starke Rennställe schwächen um die eigenen Leute zu unterstützen. Irgendwie hat das ganze einen fiesen Beigeschmack.
Sie sollten sich einfach nochmal die Aktion ansehen. Ein Foul ist nun mal ein Foul, oder nicht? Dann wäre im Fußball ein Foul zwischen 2 Spielern auch nicht zu ahnden, da sie ja nicht andere beim Spiel behindern. Oder wenn sich 2 Fahrer prügeln, dann wäre das wohl auch o.k., denn sie behindern niemand anderen? Und der fade Beigeschmack kommt nur von Ihnen. Ihre Unterstellung ist in meinen Augen einfach unsinnig und entbehrt jeglicher Grundlage. Was an dieser Tour zudem langweilig sein soll, dass wissen wohl nur Sie.
Le Commissaire 25.07.2019
4.
Zitat von gersoisBisher war der Verlauf der Tour enttäuschend und langweilig. Alle ernsten Angriffe auf das gelbe Trikot blieben aus. Die Teams führen geschlossen um den bisher Führenden auch in den Pyrenäen. Da hat es schon spannendere Tourverläufe gegeben. Hoffentlich gibt es nun doch noch einige spannende Wettkämpfe auf den letzten 3 Etappen vor der Zieleinfahrt!
Unsinn, in der zweiten Pyrenäen-Etappe wurde Alaphillipe abgehängt und kam mehr als eine Minute nach Pinot und Landa ins Ziel, auch Buchmann, Bernal, Thomas und Kruijswijk konnten Zeit auf Alaphilippe rausfahren. Auch in der ersten Pyrenäen-Etappe wurde Alaphilippe angegriffen, Pinot kam 6 Sekunden vor ihm ins Ziel. Die diesjährige Tour ist spannend wie seit vielen, vielen Jahre nicht mehr. Favoriten wie Quintana und Fuglsang knicken ein, Ineos schwächelt, ein Deutscher ist stabil unter den Top 10 und es fährt über 10 Etappen hinweg ein Mann in Gelb, den für das Gesamtklassement absolut niemand auf dem Schirm hatte.
Le Commissaire 25.07.2019
5.
Zitat von valdiviaDadurch, das man 2 gute Fahrer disqualifiziert hat, obwohl die beiden sich nur gegenseitig und keinen anderen behindert haben, wird die Tour auch nicht spannender. Oder wollten die Franzosen nur zwei starke Rennställe schwächen um die eigenen Leute zu unterstützen. Irgendwie hat das ganze einen fiesen Beigeschmack.
In der fünfköpfigen Jury befindet sich nur ein Franzose.
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