Zukunft der Frankreich-Rundfahrt Wie sich die Tour de France verändern muss

Mit Geraint Thomas bekam die Tour einen überraschenden Helden. Allerdings dominierte erneut Sky. Viele Top-Fahrer schieden früh aus, vor allem Sprinter. Dabei wäre es einfach, die Tour wieder attraktiver zu machen.
Von Eike Hagen Hoppmann
Überraschungssieger Geraint Thomas (r.)

Überraschungssieger Geraint Thomas (r.)

Foto: AFP

Zugegeben, es hätte für die Tour de France in diesem Jahr nicht viel schlechter laufen können. Die spannende erste Woche der Tour überschnitt sich mit der letzten Woche der Fußball-WM. Als die Aufmerksamkeit von Russland nach Frankreich wanderte, lagen nach der ersten Bergankunft mit Geraint Thomas und Chris Froome zwei Fahrer aus dem Team Sky auf den ersten beiden Plätzen der Gesamtwertung.

Die Spannung schien damit schon nach der Hälfte der Rundfahrt verpufft. Und so wirklich kam sie auch nicht wieder. Sky verteidigte das Gelbe Trikot souverän, Thomas gewann mit knapp zwei Minuten Vorsprung die 105. Tour de France. Die Bilder gleichen sich.

Drei verschiedene Fahrer von Sky haben die Tour seit 2012 für sich entschieden. Bradley Wiggings, Chris Froome und nun Geraint Thomas. Der einzige Fahrer, der seitdem auf dem Podium ganz oben stand und dabei kein Sky-Trikot trug, war Vincenzo Nibali im Jahr 2014. Und das vermutlich auch nur, weil Sky-Kapitän Froome nach mehreren Stürzen verletzt aufgeben musste.

Tour-de-France-Sieger seit 2012

Jahr Sieger Land Team
2012 Bradley Wiggins GBR Sky
2013 Christopher Froome GBR Sky
2014 Vincenzo Nibali ITA Astana
2015 Christopher Froome GBR Sky
2016 Christopher Froome GBR Sky
2017 Christopher Froome GBR Sky
2018 Geraint Thomas GBR Sky

Erst WM und dann Sky-Dominanz - es ist nicht verwunderlich, dass auch die Zuschauerzahlen in diesem Jahr in fast allen Ländern gesunken sind. Aber auch die mittelfristige Entwicklung zeigt nach unten. Eine WM gibt es erst wieder in vier Jahren. Aber es wird schwer, die Dominanz von Sky bis dahin zu reduzieren.

Thomas und Froome sind zwar schon über 30, mit Egan Bernal steht aber ein erst 21 Jahre alter Fahrer bereit, in den kommenden Jahren eine Führungsrolle zu übernehmen. Auch die Reduzierung der Mannschaftsstärke auf acht Fahrer hat an der Sky-Übermacht nichts geändert.

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Aber es gibt einige Schrauben, an denen die Macher der Tour drehen können, um sie trotz der Sky-Dominanz zukünftig wieder attraktiver und besser zu machen:

1) Mehr Rücksicht auf die Sprinter nehmen

Manchmal wird die letzte Etappe einer Tour de France auf den Pariser Champs-Élysées inoffizielle Weltmeisterschaft der Sprinter genannt. Im Normalfall trifft das auch zu. Schließlich kommt es dort bis auf wenige Ausnahmen immer zu einem Massensprint. Die lange, breite und flach verlaufende Zielgerade ist perfekt dafür ausgelegt, den schnellsten Mann im Peloton zu finden. 2018 erinnerte die Pariser Zielankunft allerdings eher an eine Kreismeisterschaft: Denn zu viele Sprinter waren zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr dabei.

Dylan Groenewegen, Fernando Gaviria, André Greipel, Marcel Kittel und Mark Cavendish gaben im Hochgebirge auf oder schafften es nicht innerhalb des Zeitlimits ins Ziel. Hinzu kam noch der krankheitsbedingte Ausfall von Michael Matthews und der Sturz von Weltmeister Peter Sagan auf der 18. Etappe, der anschließend froh war, Paris überhaupt noch zu erreichen. An einen Tagessieg war auch für ihn danach nicht mehr zu denken.

Krankheiten und Stürze sind nur schwer zu verhindern, das Zeitlimit kann man dagegen anpassen. Bei der Giro d'Italia und der Vuelta a España gibt es meistens so viele Bergetappen im Programm, dass viele Sprinter gar nicht erst an den Start gehen. Ein stärker besetzter Massensprint in Paris wäre daher etwas Besonderes.

Steven Kruijswijk beim Anstieg nach Alpe d'Huez

Steven Kruijswijk beim Anstieg nach Alpe d'Huez

Foto: AFP/Philippe Lopez

2) Highlights auf die Wochenenden legen

Ein struktureller Nachteil der Tour de France: Sie findet tagsüber statt - während der Schul-, Uni- oder Arbeitszeit. Zu ändern ist das nicht, man kann eine 200 Kilometer lange Strecke nur schwer mit Flutlicht ausstatten. Was man aber ändern kann, ist die Terminierung der Etappen. Die Königsetappe nach Alpe d'Huez fand an einem Donnerstag, die 65 Kilometer lange spektakuläre Bergetappe in den Pyrenäen an einem Mittwoch statt. Am dritten Wochenende gab es hingegen zwei eher mäßig interessante Überführungsetappen.

3) Das Mannschaftszeitfahren muss weg - zumindest vorerst

Als wäre die Kluft zwischen den Mannschaften nicht bereits groß genug, hatten die Streckenplaner in diesem Jahr wieder ein Mannschaftszeitfahren in die Rundfahrt eingebaut. Wem das hilft, ist klar: den ohnehin starken Mannschaften. So hatten die Klassementfahrer aus den Top-Teams einen doppelten Vorteil: Die ohnehin stärkeren Helfer und dann noch einen Zeitvorsprung gegenüber den Konkurrenten. Vincenzo Nibali, Romain Bardet und Primoz Roglic verloren an diesem Tag über eine Minute auf Team Sky um Thomas und Froome. Das ist unfair - sie sollten nicht dafür bestraft werden, dass sie nicht bei Sky oder BMC unter Vertrag stehen.

4) Entscheidung in den Bergen statt beim Zeitfahren

Es gibt Stimmen, die neben dem Mannschaftszeitfahren am liebsten auch das Einzelzeitfahren aus dem Programm der Tour streichen würden. Dagegen spricht aber, dass der Sieger der Tour de France ein kompletter Fahrer sein soll. Nicht nur die kleinen, leichten Bergspezialisten sollen für den Sieg infrage kommen, sondern auch die Allrounder. Deshalb hat das Einzelzeitfahren seine Berechtigung. Ändern sollte man dagegen die zeitliche Terminierung. Zu oft fand der Kampf gegen die Uhr in den vergangenen Jahren am vorletzten Tag der Rundfahrt statt und sorgte damit für die Entscheidung. So war es auch 2018 wieder.

Tom Dumoulin beim Zeitfahren

Tom Dumoulin beim Zeitfahren

Foto: PHILIPPE LOPEZ/ AFP

Aber ein Zeitfahren ist deutlich weniger spannend als eine Bergankunft. Man merkt relativ schnell, wer an diesem Tag gut drauf ist und wer nicht. Dass Chris Froome am Drittplatzierten Primoz Roglic noch vorbeiziehen würde, war schon nach wenigen Kilometern klar. Danach hätte man eigentlich abschalten können. Bei einer Bergankunft als Abschluss wäre das anders gewesen.

5) Schlussabfahrten reduzieren

Ein Reiz der Tour de France ist auch die Gefahr. Abfahrten mit Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h führen dazu, dass man sich schon vor dem Fernseher mit beiden Händen am Sessel festkrallt. Auch die gefürchteten Kopfsteinpflasterpassagen rund um Roubaix sind wohl nur deshalb so beliebt, weil regelmäßig Stürze passieren und die Fahrer leiden. So ehrlich muss man sein. Aber man sollte es damit auch nicht übertreiben.

Insbesondere Stürze auf Schlussabfahrten ließen sich leicht reduzieren, indem man das Ziel auf den Berg verlegen würde. Wenn mehrere Fahrer gemeinsam in die letzte Abfahrt gehen, ist der Anreiz noch einmal größer, mit vollem Risiko nach dem Etappensieg zu greifen. Ein schwer gestürzter Top-Fahrer schadet der Tour aber mehr, als ihr eine Abfahrt mit spektakulären Bildern nutzt.

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