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18. Juli 2009, 11:49 Uhr

Tour-Dopingberichterstattung

Vorwärts in die Vergangenheit

Von , Colmar

Strahlende Trikots statt schmutzigem Blut: Die Tour will weg vom Doping-Image - mal wieder. Der Veranstalter ist einen Pakt mit dem Weltverband eingegangen, kritische Journalisten sind verstummt, nervige Fahnder dürfen nur zuschauen. All dies dient dem schönen Schein.

In den Pressezentren der Tour de France geht es oft zu wie im Kino. Überall hängen Monitore wie Leinwände, auf denen entweder die Wiederholung der Vortagsetappe in einer Endlosschleife läuft oder die aktuelle Etappe live. Manchmal lässt sich das französische Fernsehen etwas Besonderes einfallen. Dann wird vor den Reportern die Vergangenheit aufgeführt.

Schwitzende Radprofis kämpfen sich die Berge hoch, aufgeregte Teamchefs brüllen ins Mikro, Fans jubeln ekstatisch, Sieger schreien vor Freude, andere weinen aus Frust. Es gibt spektakuläre Stürze zu besichtigen und natürlich Lance Armstrong auf den Champs-Élysées, bei seinem letzten Toursieg 2005. Untermalt wird das Ganze mit dramatischer Musik, die zu römischen Schlachtengemälden passt.

Wenn das Gute triumphiert.

Die Filmchen könnten auch von einer Werbeagentur des Veranstalters Amaury Sport Organisation (Aso) stammen, so perfekt transportieren sie das Image, das sich die Tour übergestreift hat wie ein reingewaschenes Trikot. Für Tradition, Größe und Sport soll die Rundfahrt stehen statt für das Dopingmittel Cera im Blut der Radprofis und Kumpanei hinter den Kulissen. Die Aso hat monatelang an der Verwirklichung dieses Ziels gearbeitet. Und scheint Erfolg damit zu haben. "Vive le Tour!"

Vieles hängt, das ist eine besondere Ironie der Geschichte, mit Lance Armstrong zusammen. Dem Mann also, dessen erstes Comeback 1999 auch der Tour de France das ihre bescherte. Mit seinem Triumph nach überstandener Krebserkrankung sorgte der US-Amerikaner für weltweite Aufmerksamkeit und dafür, dass der gerade ein Jahr zurückliegende Doping-Skandal um das Festina-Team in Vergessenheit geriet.

Gleichzeitig wurde er von den Franzosen nie wirklich geliebt - und noch weniger von französischen Dopingfahndern und französischen Radsportjournalisten. Die hatten 2005 über nachträglich ausgewertete positive Blutproben des US-Amerikaners von der Tour 1999 berichtet. Trotz Hinweisen auf das Blutdopingmittel Epo kam es zu keiner Sperre - es gab nur eine Probe, zwei unabhängige sind aber für eine sportrechtlich einwandfreie Verurteilung nötig.

Viele Jahre, sieben Toursiege und eine lange Pause später gibt es nun das Armstrong-Gleichnis. Der Mann, der nun für das kasachische Astana-Team fährt und weiterhin Chancen auf den Gesamtsieg hat, kehrte zurück zu einem Zeitpunkt, als die Tour de France das Image eines medizinischen Versuchslabors hatte und durch diverse 2007 und 2008 überführte Radler (unter anderem Alexander Winokurow, Mikkael Rasmussen, Stefan Schumacher und Bernhard Kohl) besudelt war. Mit dem Unterschied, dass es für Herrn Armstrong nun wesentlich kommoder zugeht.

Die kritischen Journalisten der Sportzeitung "L'Equipe", die wie die Aso zur Pressegruppe Éditions Phillipe Amaury (EPA) gehört, sollen durch Umbesetzungen in der Chefredaktion und ein angebliches Dekret der EPA-Chefin Marie-Odile Amaury seit Ende 2008 gezähmt worden sein. "Für unsere Radsportabteilung ist es Zeit, die Waffen niederzulegen und durchzuatmen", sagte Fabrice Johaud, einer der beiden neuen Chefredakteure. Es hilft zudem, dass "L'Equipe" in diesem Jahr die Konkurrenz nicht mit exklusiven Dopinggeschichten abwehren muss. Das Sportblatt "Le 10 Sports", das vier Monate lang Auflage abknabberte, wurde als tägliche Ausgabe wieder eingestampft und erscheint nun nur noch wöchentlich. "Le 10 Sports" hatte zuletzt über Armstrongs angeblich nicht uneigennütziges Engagement für seine Krebsstiftung Livestrong spekuliert.

Und die lästigen Fahnder der französischen Anti-Doping-Agentur AFLD mit ihrem Chef Pierre Bordry haben die Hoheit bei den Dopingtests nach einem Jahr wieder an die Kontrolleure des Radsport-Weltverbandes UCI abgeben müssen. Im vergangenen Jahr war der Weltverband noch von der Tour ausgeschlossen, nach einem Kompromiss bleibt den AFLD-Fahndern nun nur noch ein Begleitrecht der UCI-Kontrolleure. Im Gegensatz zu 2008 besteht aber Zugriff auf die Werte aus den Blutpässen der Fahrer.

Doch in der Allianz gibt es Spannungen. Im März kritisierte UCI-Boss Pat McQuaid die AFLD scharf. "Die Franzosen haben in dieser Angelegenheit nicht sehr professionell gearbeitet", sagte er in einem Interview mit der BBC. Das "Vergehen" der Kontrolleure: eine unangemeldete Dopingprobe während Armstrongs Trainingslager im April 2009, die dieser mit Telefonaten und Duschen eine halbe Stunde hinauszögerte. Er kam ohne Sperre davon.

Wie die Zusammenarbeit nicht funktionieren soll, zeigte sich unlängst auch in Andorra-Arcalis, und wieder war Armstrong beteiligt. Dort sollen zwei UCI-Kommissäre und die testenden Ärzte von Astana-Offiziellen zunächst zum Kaffee eingeladen worden sein, bevor 55 Minuten später Bluttests bei Armstrong, Alberto Contador, dem inzwischen wegen eines Handgelenkbruchs ausgestiegenen Levi Leipheimer und Andreas Klöden durchgeführt wurden.

Der AFLD-Begleiter gab sich später konsterniert, Dopingfahnder Bordry äußerte die Befürchtung, nicht alle Fahrer im Feld würden gleich behandelt. Im Fernsehen gab es auch schon Bilder, die einen Chaperon vor dem Astana-Bus zeigten. Die Chaperons sollen den Radprofis eigentlich nicht von der Seite weichen, bis diese die Dopingprobe abgegeben haben.

Bordrys Kritik stand zwar in der "L'Equipe", allerdings nur auf der fünften Seite, ganz unten. Vor einem Jahr wäre das Ganze auf der allerersten Seite gelandet - aber damals amtierte mit Patrice Clerc ja auch noch ein Mann als Aso-Chef, der sich dem Anti-Doping-Kampf glaubhaft verschrieben und die unabhängige AFLD mit der Durchführung beauftragt hatte. Die Folge: acht positive Tests bei der Tour 2008. Doch Clerc fiel dem in Peking geschlossenen Bündnis zwischen dem Eigentümer der Rundfahrt und der UCI zum Opfer - er wurde Anfang Oktober 2008 abgesetzt.

Am Donnerstag meldete sich immerhin die französische Sportministerin Roselyne Bachelot in der Arcalis-Sache mit Kritik an der UCI zu Wort. "Es ist wahr, dass die Kontrolle der Astana-Equipe in Andorra nicht zu jeder Zeit unter Aufsicht der Kontrolleure stattfand. Das war eine kleine Nachlässigkeit, und Bordry hatte recht, deshalb die 'orangefarbene Karte' zu zeigen", sagte Bachelot "L'Equipe". Sie habe der UCI signalisiert, "dass das nicht wieder passieren darf".

Aber was soll schon passieren? Lance Armstrong jedenfalls verkündete sein Comeback 2008 einen Tag nach einem Gespräch mit Frankreichs Staatspräsident Nicolas Sarkozy.

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