Radsport in Ruanda Ein Rennen für alle

Zwei Jahrzehnte nach dem Bürgerkrieg ist Ruanda auf der Suche nach einer neuen Identität - und Identifikationsfiguren. Millionen Menschen verfolgen begeistert die Tour du Ruanda. Auch deutsche Profis sind dabei.

Susanne Krauß

Aus Ruanda berichtet Susanne Maria Krauß


Ein ruandischer Radfahrer steht umringt von einer Traube junger Kerle am Rande der Startmeile. Er gibt Autogramme, macht mit den Fans Selfies und scheint doch etwas nervös, als einer der Jungs fragt: Warum hast du dieses Jahr noch nichts gewonnen? Es ist der letzte Tour-Renntag, zehn Runden durch Ruandas Hauptstadt Kigali stehen an. Eine schwierige Rundfahrt sei die Tour du Ruanda, heißt es. Und eine der wichtigsten des Kontinents.

Der Fahrer, der sich den Fragen seiner Fans stellt, heißt Valens Ndayisenga. Große, wache Augen, kurzer Kinnbart. Durchtrainiert. Stark am Berg und im Zeitfahren. In Ruanda ist er ein Idol, ein Nationalheld. Sein Name wird am Straßenrand geschrien. 2014 hat er die Tour als erster Ruander gewonnen, 2016 dann gleich noch einmal, und die Jungs am Straßenrand verstehen nicht, was dieses Jahr schief läuft.

Helden schwächeln eben nicht.

Am Amaturenbrett eines dunkelgrünen Toyota Carinas klebt ein Zettel mit der Aufstellung des deutschen Teams BikeAid. Insgesamt nehmen an der Tour 83 Fahrer teil. Sie kommen aus Algerien, Kanada, USA, Südafrika, Europa. Im Toyota ist es eng und heiß. Die Außentemperatur beträgt mehr als 30 Grad. Im Fußraum stehen Wasserflaschen, auf dem Rücksitz klemmen zwischen dem Mechaniker und dem Physiotherapeuten zwei Ersatzreifen, ein weiterer Karton mit Wasser, Energie-Gels, ein Fotoapparat.

Das unterklassige BikeAid-Team ist schon mehrere Male bei der Tour du Ruanda mitgefahren. "Das ist unglaublich. Ich habe noch nie so viele Menschen bei einem Radrennen gesehen!" sagt Sven Krauß, der Sportdirektor sitzt am Steuer und lenkt das Auto rasant um eine der vielen Kurven.

Rasante Entwicklung

Der ehemalige deutsche Radprofi ist für das Team Gerolsteiner zwei Mal die Tour du France und vier mal den Giro d'Italia gefahren. "Die Stimmung hier ist besser als am Alp d'Huez." Dichtgedrängt stehen die Menschen am Straßenrand, jubeln, schreien. Ein Polizist gibt einem Kind in dreckigem T-Shirt und grünen Plastiksandalen einen Klaps auf den Hinterkopf, damit es schnell noch von der Fahrbahn springt, bevor die Radfahrer kommen.

Team BikeAid
Susanne Krauß

Team BikeAid

"Ich selbst bin zum ersten Mal in Afrika," sagt Krauß. BikeAid hat ihn wegen seiner Erfahrung mitgenommen. Denn von Jahr zu Jahr wird die Tour du Ruanda, die die UCI-Kategorie 2.2 trägt, professioneller und härter. Zu Hause, im Schwabenland, wusste er nicht, was ihn erwarten würde. "In Deutschland," stellt er fest, "weiß man doch von Ruanda nur, dass es hier einen schlimmen Genozid gab."

1994 zogen mordende Hutu-Milizen durchs Land. Innerhalb von nur 100 Tagen wurden mindestens 800.000 Menschen getötet. Seitdem sind 23 Jahre vergangen und Ruanda zwingt sich, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Das kleine ostafrikanische Land, das kaum größer als Hessen ist, verzeichnet seit mehreren Jahren eine rasante Entwicklung. Die Analphabeten- und Kindersterblichkeitsraten sinken rapide.

Auf der Suche nach dieser neuen Identität

Den Fortschritt schreiben die Ruander vor allem ihrem Präsidenten Paul Kagame zu. Bei der Präsidentschaftswahl Anfang August haben mehr als 98 Prozent für ihn gestimmt. Kagame kennzeichnet ein strenger Führungsstil, Kritiker nennen ihn autokratisch. Im Westen wird er zwiespältig gesehen. Doch er hat dem ehemaligen Bürgerkriegsland Frieden und Stabilität gebracht. Das zählt viel in Ruanda.

Ein Rohbau als Tribüne
Susanne Krauß

Ein Rohbau als Tribüne

Auf der Suche nach einer neuen Identität sind Helden willkommene Identifikationsfiguren. Ruandas Radsport-Nationalmannschaft ist im Land auch ein Bild dafür, dass ethnische Zugehörigkeiten keine Rolle mehr spielen sollen. Allein das Talent und der gemeinsame Wille zum Sieg zählt.

Zurück auf die Rennstrecke. Sven Krauß zieht ruckartig den Wagen nach rechts und ruft ein knappes "Hinterreifen!" auf die Rückbank. Jetzt muss es schnell gehen, denn ausgerechnet sein Joker für die Abschlussetappe hat einen Platten. Nikodemus Holler. Der einzige Deutsche, der die Tour mitfährt und heute für BikeAid versuchen soll, einen Etappensieg herauszufahren.

Ebenen zum "mal laufen lassen" gibt es nicht

Er fährt mit einem Niederländer, zwei Kenianern und einem Eritreer im Team. "In der ganzen Welt Profi-Rennen mitzufahren ist für mich eine besondere Art zu Reisen", sagt der 26-Jährige: "Wir steigen nicht in Luxus-Hotels ab, sondern sitzen oft abends mit dem gesamten Peloton zum Abendessen zusammen."

Hier in Ruanda hat Holler in den ersten Tagen die Höhenluft zu schaffen gemacht. In den acht Tagen Radrennen klettern die Fahrer bis auf knapp 2500 Meter. Außerdem geht es im Land der 1000 Hügel ständig auf und ab. Brutale Anstiege, wilde Abfahrten. Ebenen zum "mal Laufen lassen" gibt es nicht und das macht die Tour so spannend. Saftig grüne Tee-Plantagen wechseln sich ab mit Bohnen- und Maisfeldern. Und überall stehen immer wieder Massen an Menschen.

Ruanda: Land der 1000 Hügel
Susanne Krauß

Ruanda: Land der 1000 Hügel

"Das Radrennen ist offen für alle. Du musst dich nur an den Straßenrand stellen, um dabei zu sein," sagt der Präsident des ruandischen Radsportverbandes, Jaques Furaha. "Dazu kommt, dass in Ruanda das Fahrrad zum Alltag gehört." Quer durchs Land transportieren die Menschen auf ihren Rädern Waren. Mit verblüffender Findigkeit werden mal schwere Säcke mit Möhren oder Kartoffeln auf den Gepäckträger geschnürt, mal riesige Wellbleche. Selbst zwei kleine Holztische und fünf Stühle passen auf ein Fahrrad. Und wenn es keine Waren sind, dann werden Personen auf dem mit Schaumstoff und buntem Kunstleder aufgehübschten Gepäckträger transportiert. Taxi-Service auf zwei Rädern.

Mit dem Radsport-Geld das Haus der Eltern renoviert

So hat auch Valens Ndayisenga begonnen, Rad zu fahren. Seine Geschichte hat ihren Anfang 1994, in den Monaten des Genozids. Valens Mutter ist hochschwanger mit ihm, als sie und ihre Familie sich auf der Flucht im Busch verstecken müssen.

Unter katastrophalen Bedingungen bringt sie ihn zur Welt, weiß nicht, ob er überhaupt überlebt. Später wird sie ihrem Sohn erzählen, wie sie ihm den Mund zuhalten musste, damit er nicht schreit und sie verrät. "Natürlich sind meine Eltern heute sehr stolz auf mich, wenn sie mich auf dem Rad vorbeifahren sehen." Mit dem Geld, das er inzwischen mit dem Radsport verdienen kann, hat er ihr Haus renoviert.

Erst mit 15 Jahren begann Valens überhaupt Rad zu fahren. Er schmiss die Schule und überzeugte seine Eltern, ihm ein Fahrrad zu kaufen. Er trainiert und fährt bei einem Amateurrennen in seinem Heimatort direkt auf einen der vorderen Plätze. 2012 entdeckt ihn das Trainerteam der ruandischen Nationalmannschaft und holt ihn nach Musanze. Ins Cycling Center.

Das Ziel: Ein ruandischer Fahrer bei der Tour de France

Direkt unterhalb der imposanten Vulkanberge, die Ruandas berühmte Berggorillas beherbergen, befindet sich die Kaderschmiede des Landes. Es ist das Territorium des Jonathan Boyer, genannt "Jock". Einst der erste US-Amerikaner, der die Tour de France mitgefahren ist, hat der heute 62-Jährige den ruandischen Radsport geprägt wie kein anderer.

Radprofis auf den gut asphaltierten Straßen Ruandas
Susanne Krauß

Radprofis auf den gut asphaltierten Straßen Ruandas

Ein hagerer, durchtrainierter Mann mit schütterem silbergrauem Haar führt über das Gelände. Hier wird Ruandas Nationalmannschaft beherbergt, bekocht, gehegt und gepflegt. Zum Konzept gehören kleine Holzbungalows, in denen die Fahrer unter der Woche übernachten, eine professionell ausgestattete Werkstatt, Yoga-Kurse am Abend und ein eigener organischer Gemüsegarten. Jock hat ein Ziel und das heißt: Ein ruandischer Fahrer bei der Tour de France.

"In spätestens fünf Jahren fährt einer unserer Jungs mit," sagt er - und klingt dabei sehr überzeugt.

Valens könnte einer dieser Jungs sein. Er hat dieses Jahr den Sprung nach Europa geschafft und fuhr mehrere Monate für das österreichische Tirol Cycling Team, für das er in diesen Tagen auch bei der Ruanda-Rundfahrt startet. Kaum angekommen, fährt er im April die Tour of the Alps mit.

In Ruanda ein Wonder-Boy, in Deutschland ein Niemand

Erfolge fährt er für die Österreicher keine ein. Trotzdem wertet nicht nur er, sondern auch das Tiroler Team seinen Europaaufenthalt als Erfolg. Ein wichtiger Schritt in Richtung Welt-Niveau. Das Team BikeAid hatte weniger Glück, als es 2016 Valens' Kollegen Jean Bosco Nsengimana nach Deutschland holte. Die Verständigung klappte nur schwierig, Heimweh kam dazu und keine sechs Wochen später war Bosco zurück in Ruanda.

Manche Fahrer seien physisch sehr stark, sagt Holler, der mit Bosco im vergangenen Jahr trainiert hat. Doch im Radsport sei eben auch Taktik wichtig und diesbezüglich sind die europäischen Rennen nochmal eine andere Nummer. "Hier in Ruanda ist Bosco ein Star, ein Wonder-Boy. Doch als er dann nach Deutschland kam, war er plötzlich ein Niemand. Das muss man im Kopf erst mal klarkriegen."

Bosco-Fan am Straßenrand
Susanne Krauß

Bosco-Fan am Straßenrand

In Kigali geht es in die letzte Runde. Die Stimmung am Straßenrand überschlägt sich. Am Kopf des Pelotons sprinten fünf Fahrer nach vorne. Valens ist darunter, er reißt die Arme hoch, als er als Erster durchs Ziel fährt. Nikodemus Holler kommt als Vierter an. Immerhin schafft es BikeAid im Gesamtklassement auf den dritten Platz. Nach 819 Kilometern durch alle vier Provinzen Ruandas ist die Tour du Ruanda zu Ende. Begleitet von geschätzt 3,5 Millionen Zuschauern.

Valens Ndayisenga feiert den Etappensieg und strahlt versöhnt. Sein Landsmann Joseph Areruya hat die Tour gewonnen. "Valens, Valens! Joseph, Joseph!" schallt es rhythmisch über die Siegesmeile.

Es ist wieder Zeit für Helden in Ruanda.



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Seite 1
victoria101 25.11.2017
1. Ein nicht...
... oder maßvoll kleptokratischer Diktator ist in einer solchen Entwicklungsphase das beste für ein solches Land. Leider denken Diktatoren in Afrika in erster Linie an sich und ihren Clan. Da scheint Kagame eine Ausnahme zu sein. Viel Erfolg, Ruanda!
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