Tour-Letzter Vansevenant Lieber Rote Laterne als Gelbes Trikot

Wim Vansevenant wird wohl die Tour de France als Letzter beenden. Nicht zum ersten Mal. Er fährt, damit andere Erfolg haben - und gilt plötzlich als Kandidat auf ein Gelbes Trikot als sauberster Fahrer.

Aus Cahors berichtet Jörg Schallenberg


"Das Gelbe Trikot? Um Gottes Willen, nein!" Wim Vansevenant schüttelt entsetzt den Kopf. Nein, der Belgier möchte auf keinen Fall mit dem Mann an der Spitze tauschen, "das wäre mir viel zu viel Druck. Es ist einfacher, den letzten Platz zu verteidigen." Schade eigentlich, denn die Idee klang ganz gut: Im Laufe der stetigen Dopingenthüllungen während der diesjährigen Frankreich-Rundfahrt kamen immer mehr Beobachter auf die Idee, das Gesamtklassement einfach zu drehen und den Letzten zum Ersten zu erklären. Ob es französische Blätter waren, die "taz" oder zuletzt die "Bild"-Zeitung - alle argumentierten damit, dass doch wenigstens der Allerallerletzte in der Wertung sauber sein müsste.

Lotto-Profi Vansevenant: "Verflucht schwere Anstiege"
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"Das bin ich auch", sagt Vansevenant, der tatsächlich ideal in die Rolle des Saubermannes passen würde. Denn der 35-Jährige aus dem belgischen Rennstall Predictor-Lotto wird nicht nur in diesem Jahr aller Voraussicht nach als Letzter die Frankreich-Rundfahrt beenden, sondern erhielt auch schon im vergangenen Jahr die Rote Laterne. 2005 fiel er etwas aus der Rolle - da wurde er nur Vorletzter.

Doch die Platzierung ist für Vansevenant drittrangig. Seine Erfolge definieren sich über andere. Die wichtigste Rolle des Belgiers bestand bislang darin, für den australischen Sprintstar Robbie McEwen den Endspurt anzufahren oder ihn in die bestmögliche Position zu bringen. Das Grüne Trikot, das McEwen 2006 gewann, gehörte zu einem nicht kleinen Teil auch Vansevenant. In diesem Jahr langte es allerdings nur zu einem Etappensieg, denn auf dem achten Tagesabschnitt hoch hinaus in die Alpen nach Tignes gab McEwen entkräftet auf.

Bloß nicht auf der Strecke bleiben!

Seitdem kämpft Vansevenant, seiner wichtigsten Rolle beraubt, vor allem darum, irgendwie in Paris anzukommen und seinen Platz im Geschichtsbuch zu sichern. Denn die "lanterne rouge" wird in den Historien der Tour fast ebenso prominent verewigt wie das "maillot jaune", das Gelbe Trikot. Und es ist nicht unbedingt leichter zu erobern. Denn während der Domestike Vansevenant nun seinen Kapitän Cadel Evans eskortieren muss, der auf Platz zwei der vorläufig dopingbereinigten Gesamtwertung liegt, hilft ihm niemand aus der Mannschaft, wenn er, sportlich betrachtet, ums Überleben kämpft - etwa vorgestern am berüchtigten Col d'Aubisque.

"Der letzte Pyrenäentag war der härteste, da gab es ein paar so verflucht schwere Anstiege, da musste ich nur damit kämpfen, nicht auf der Strecke zu bleiben. Das war der einzige Gedanke." Vansevenant organisiert sich dann mit anderen Abgehängten im Gruppetto, jenem Teil des Pelotons, in dem die Fahrer nur noch darauf achten, nicht aus dem erlaubten Zeitrahmen zu fallen, der für jede Etappe vorgesehen ist. Denn sonst werden sie aus der Wertung gestrichen und erreichen Paris höchstens noch im Auto.

Zwei Welten des Doping - oder mehr

Als er heute am Start der drittletzten Etappe in Cahors steht, wirkt Vensevenant sehr gelassen. Er weiß, dass er die schlimmste Schinderei hinter sich hat, es warten nur noch eine flache Tagesfahrt, ein Zeitfahren und die Champagnerbummelei am Sonntag nach Paris auf ihn. Viel kann nicht mehr passieren, und die knapp sechs Minuten Rückstand auf den Vorletzten, den Briten Geraint Thomas von Barloworld, wird er wohl auch nicht mehr aus Versehen wettmachen. Und wirklich kein Neid auf das Gelbe Trikot, das gerade Alberto Contador von Discovery Channel trägt? "Wissen Sie", sagt der Belgier da mit einem maliziösen Lächeln, "ich kann mit meinem letzten Platz sehr entspannt leben."

Für Vansevenant, der als studierter Landwirt später in die Viehzucht einsteigen will, ist es höchstwahrscheinlich die letzte Tour de France: "Nächstes Jahr bestreite ich meine letzte Saison als Profi, und es wird Zeit für die jungen Fahrer in unserem Team, sich in Frankreich zu beweisen." Ob er seine letzten Tage beim berühmtesten Radrennen der Welt denn genießen wird? Auf diese Frage schaut der Belgier mit gespieltem Entsetzen und großen Augen unter seinem gelzerzausten Haarschopf hervor: "Die Tour de France ist kein Spaß. Das ist keine Party hier, das ist nur harte Arbeit. So wie Journalist zu sein. Ist das Spaß?"

Vansevenant nimmt sich die Freiheit, seinen eigenen Job und die Welt der Radprofis mit leicht ironischer Distanz zu betrachten. Im Gegensatz zu jenen, die weit vorn im Feld fahren, flüchtet sich der 141. des Klassements auch nicht gleich in Allgemeinplätze, wenn es um das Thema Doping geht. "Sicher, zwei Rennställe sind abgereist", sagt er, "aber das bedeutet nicht, dass sie gleich zu bewerten sind. Astana ist eine ganz andere Welt als Cofidis. Wenn Sie verstehen, was ich meine."

Nur, wenn es darum geht, wo denn Predictor-Lotto im Koordinatensystem zwischen Astana und Cofidis liegt, schweigt Vansevenant - und sagt dann: "Ich lebe in der Predictor-Lotto-Welt, ich kommentiere das nicht. Ich weiß nicht genau, worauf die Frage hinauslaufen soll."

Kurz darauf muss er los, rollt die paar Meter zum Einschreiben, bei dem er vom Sprecher fast genauso enthusiastisch angekündigt wird wie Contador, und hält dann noch an einem Versorgungsstand. Dort greift Vansevenant tief in den Korb mit einem Powergel, das die Fahrer unterwegs aus einem Plastikbeutel heraussaugen. Beutel auf Beutel verschwindet in den Trikottaschen unter der Startnummer 49. So, als ob Vansevenant auch wirklich ganz, ganz sicher gehen will, dass die Kraft angesichts der heißen Temperaturen ausreicht. Bis Paris.

insgesamt 615 Beiträge
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Seite 1
DJ Doena 24.07.2007
1.
Und Rasmussen kommt wegen Verfahrensfehlern "frei". Aber war das nicht von vornherein klar?
Kummibaer, 24.07.2007
2.
Was soll man dazu noch sagen? Für wie dumm will man die Radbegeisterten noch verkaufen? Es sollte endlich reiner Tisch gemacht werden, denn so gut wie jeder Radprofi wird auch Dreck am Stecken haben. Aus Protest interessiere ich mich auch gar nicht mehr für die Tour, sondern warte nur wieder auf "neue Enthüllungen".
maxxboersi, 24.07.2007
3.
JA JA JA scheinbar ist der reiz des geldes doch so stark, daß die sanktionen nicht ausreichen. es gibt wohl noch genug dumme radprofis, die ihre gesundheit für geld ruinieren. schade.
TommIT, 24.07.2007
4.
Zitat von DJ DoenaUnd Rasmussen kommt wegen Verfahrensfehlern "frei". Aber war das nicht von vornherein klar?
UIrgendwer muss ja gewinnen Für mich ist damit die Tour für die nächsten drei Jahre - mediale Dunkelheit Sch....laden
dbraaker 24.07.2007
5.
Wieso geworden? Wann gab es denn den letzten Sieger, den man guten Gewissens als unbelastet bezeichnen könnte? Doping ist doch nichts neues im Radsport! Genausowenig ist es etwas neues, dass die Veranstalter bei der Doping-Bekämpfung nicht über Lippenbekenntnisse hinauskommen, das Fremdblutdoping von Wino war eine reine Verzweiflungstat (genau wie Landis im letzten Jahr), man kann sich nur an den Kopf packen wie dumm das war, denn seit 2004 ist Fremdblut-Doping bekanntermaßen nachweisbar. Das systematische Doping wird doch garnicht erfasst, Leute wie Rasmussen und der Rest der Top Fahrer werden fast jeden Tag getestet und nichts ist auffällig, abgesehen von der präsentierten Leistung natürlich..
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