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Tour de France: Evans' Triumphzug ins Gelbe Trikot

Foto: JOEL SAGET/ AFP

Tour-Sieger Evans Triumph des ewigen Zweiten

Die Zeiten, in denen Radprofi Cadel Evans unterschätzt wurde, sind endgültig vorbei. Der Australier deklassierte erst seinen Rivalen Andy Schleck und feierte anschließend den Sieg bei der Tour de France. Es war der langersehnte Erfolg eines Mannes, der stets auf sich allein gestellt war.

Feiertag in Australien, doch der Sieger weinte. Nach seinem Erfolg bei der Tour de France erhielt Cadel Evans viele Glückwünsche - unter anderem von der australischen Premierministerin Julia Gillard. Die beiden tauschten sich über die möglichen Konsequenzen des Tour-Siegs aus. Auch ein Feiertag wurde scherzhaft in Erwägung gezogen, der Radprofi kommentierte das trocken mit der Bemerkung: "Wenn es gut ist für die Wirtschaft, bin ich dafür."

Wenig später war es jedoch mit Evans' Fassung vorbei. Als er an den Mann dachte, der mehr als er selbst an diesen Triumph geglaubt hatte, kamen ihm die Tränen. Sein ehemaliger Trainer Aldo Sassi, der im vergangenen Winter an Krebs gestorben war, habe ihm folgende Worte mit auf den Weg gegeben: "Ich hoffe, dass du eine große Rundfahrt gewinnst. Ich hoffe, dass du die Tour de France gewinnst, denn das ist die größte von allen. Gelingt dir das, dann bist du der kompletteste Fahrer deiner Generation." Diese Episode war ein überaus menschlicher Moment in einem ansonsten faden Frage-Antwort-Spiel zwischen Evans und den Medien nach der vorletzten Etappe, auf der Tony Martin gewonnen hatte.

Evans ist kein großer Redner, aber ein großer Rennfahrer. Binnen drei Rennjahren wurde er Weltmeister, gewann mit Flèche Wallone einen der berühmten Ardennenklassiker und nun auch noch die Tour de France. Er trug bei den drei großen Landesrundfahrten in Frankreich, Italien und Spanien das Führungstrikot. Das gelbe von der Tour kann er nun sogar mit nach Hause nehmen. Auf der abschließenden Etappe vom Pariser Vorort Créteil bis auf die Champs Élysées wird es ihm niemand mehr abnehmen, Attacken sind am Schlusstag per "Gentleman's Agreement" verboten.

Fachleute zollen Evans Respekt. Ob er es jedoch an Popularität und Strahlkraft, positiver wie negativer, je mit einem Andy Schleck oder Alberto Contador aufnehmen kann, ist fraglich.

Evans fährt nicht schön, aber clever

Den Mann mit dem zerknautschten Teddygesicht und der ungewöhnlich hohen Jungenstimme zeichnen weder die federnde Dynamik des wegen Dopingverdachts umstrittenen Spaniers noch die lässige Eleganz des bislang unbelasteten Luxemburgers aus. Den Rücken gekrümmt, die Ellenbogen merkwürdig nach außen gerichtet, den Mund halb geöffnet und vor Anstrengung leicht verzogen - so sieht man Evans auf dem Sattel. Das ist kein schöner Stil. Aber Evans fuhr clever bei dieser Tour.

Hochkonzentriert wich er den Sturzspektakeln zu Beginn der Frankreich-Rundfahrt aus. Gewohnt defensiv erklomm er die Pyrenäen. Als Schleck und Contador in den Alpen an seiner guten Ausgangsposition rütteln wollten, war er der große Motor der Verfolger. "Aufmerksamkeit, Regelmäßigkeit und kühles Blut" bezeichnet er als die Qualitäten, die seinen Tour-Sieg ausmachen. "Gute Beine", die Lieblingsfloskel der Radprofis, wenn sie erklären wollen, dass es lief, kommen noch hinzu. Dass er am Galibier und beim Aufstieg nach Alpe d'Huez das Zepter im Verfolgerfeld ergriff und damit einen veritablen Charakterwandel demonstrierte, begründete er mit eben diesen guten Beinen: "Ich hatte sie und konnte folgen", sagte Evans zu den Schlüsselmomenten beider Rennen.

Früher wurde Evans als Bruchpilot verspottet

Evans war dabei auf sich allein gestellt. Weil ihm weder ein Ivan Basso, der am Galibier noch Platz drei und damit das Podium im Auge hatte, noch ein Thomas Voeckler, der dank Evans' Arbeit länger als prognostiziert im Gelben Trikot fahren durfte, Unterstützung gaben.

Typische Momente im Leben des Cadel Evans, der häufig auf sich allein gestellt war. Als junger Bursche etwa schlug er sich fern der Heimat in Italien durch. Als er vom Mountainbike auf die Straße wechselte, wurde er als "Bruchpilot" und "einer, der nicht geradeaus fahren kann" verspottet.

Auch bei dieser Tour war er oft allein. "Meine Mannschaftskollegen haben mich gut bis an die Berge abgeliefert. Im Gebirge war ich dann auf mich gestellt", sagt er. Es verwundert nicht, dass Evans seinen Big Point ausgerechnet beim einsamen Kampf gegen die Uhr machte. 2:31 Minuten nahm er Andy Schleck auf der vorletzten Etappe ab, und damit auch das Gelbe Trikot.

Der Führende Schleck hatte gehofft, die 57 Sekunden Vorsprung würden ausreichen. Doch Evans, der 2007 und 2008 ähnliche Aufholjagden vermasselt hatte, war dieses Mal der unfehlbare Jäger. Aus dem ewigen Zweiten wurde der Sieger.

Jedoch: Auf die Frage, ob sein Erfolg auch durch effektivere Anti-Doping-Maßnahmen möglich geworden sei, verweigerte er die Antwort. Und beim Drängen der Journalisten auf ein Anti-Doping-Statement rang sich der Australier nur das wankelmütige Bekenntnis ab: "Ich denke, das Beste, was ein Athlet machen kann, ist ein gutes Beispiel zu geben. Ich gebe solch ein gutes Beispiel. Ansonsten sollen sich andere ihre Meinung über diesen Sport selbst bilden."

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