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Toursieger Contador: Die Zweifel fahren mit

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Tour-Triumphator Contador Ungeliebt zum dritten Sieg

Er wird geachtet, aber nicht geliebt. Alberto Contador mag seine dritte Tour gewonnen haben, aber keine Sympathien: Der Liebling der Fans ist sein Rivale Andy Schleck. Er symbolisiert einen Gegenentwurf - die Sehnsucht nach einem integren Radsport.

Alberto Contador

Er hat es mal wieder geschafft. gewinnt höchstwahrscheinlich die 97. Tour de France. Dem 27-jährigen Spanier reichte ein mäßiger 35. Platz im Einzelzeitfahren zwischen Bordeaux und Pauillac, um seinen Herausforderer Andy Schleck auf Distanz zu halten.

Das bringt ihm vermutlich seinen dritten Gesamtsieg, denn auf der letzten Etappe am Sonntag (14.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) gibt es traditionell keine Angriffe auf das Gelbe Trikot. Damit schließt er zu dem Belgier Philippe Thys, dem Franzosen Louison Bobet und Andre Leducq sowie dem US-Fahrer Greg Lemond auf. Um Lance Armstrong mit seinen sieben Tour-Titeln zu erreichen, der mit 27 noch nicht mal als Tourkandidat galt, fehlen Contador jetzt noch vier Siege in Frankreich.

Contador hat es immerhin spannend gemacht. Bis auf zwei Sekunden ließ er Schleck auf dem ersten Drittel des 52 Kilometer langen Zeitfahrens an sich herankommen. Erst nach der ersten Zwischenzeit baute der Spanier seinen Vorsprung aus, holte Sekunde um Sekunde heraus. Mitte des Rennens stellte er die Differenz von acht Sekunden wieder her, die er vor dem Startschuss gegenüber dem Luxemburger besessen hatte. Und im Ziel verfügte er über genau die 39 Sekunden Vorsprung, die er auf der 15. Etappe auf Schleck gewonnen hatte.

Die 15. Etappe - spätestens seit ihr gilt der Spanier als "Bad Boy" des Profiradsports, als böser Junge (zumindest in der nicht-spanischsprachigen Presse). Denn da hat er eine Panne seines Kontrahenten ausgenutzt. Schleck sprang damals bei einer vielversprechenden Attacke die Kette vom Rad. Contador ignorierte das Missgeschick und stürmte vorwärts. Dieses Verhalten und vor allem die dreiste Behauptung, er habe Schlecks Malheur zunächst gar nicht bemerkt, kostete den Spanier viel Sympathie. Er entschuldigte sich und versuchte, sein Image mit einem Entschuldigungsvideo  auf YouTube wieder aufzuhellen.

Nach dem Patt zwischen den beiden am Tourmalet umarmte Contador Schleck. Auf die besagten 39 Sekunden angesprochen, die den Rivalen möglicherweise den Toursieg gekostet haben, wollte keiner der beiden Rennfahrer eingehen. "Das ist Geschichte", sagte Schleck.

Das Publikum dagegen ist noch nicht zum Verzeihen bereit.

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19. Etappe: Showdown auf der Zeitmaschine

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Die Menschen spenden dem Mann im Gelben Trikot nur höflichen Beifall. Dagegen erschallen "Andy, Andy"-Sprechchöre, wenn sich Schleck zeigt. Wild trommeln die Hände auf die Werbebande ein. Mädchen kreischen. Der junge Luxemburger ist auf dem Weg zum Star.

Auch wegen seines Pechs fliegen ihm die Herzen zu. Schleck strahlt Charme aus. Sein Gesichtsausdruck ist offen, spiegelt deutlich sein Befinden. Man kann mit ihm bangen, leiden und sich freuen. Weil er neben seiner Landessprache fließend Englisch, Französisch und Deutsch spricht, kommt man mit ihm schnell in Kontakt.

Contador ist das Gegenteil. Trotz vier Jahren im Rampenlicht des Sports wirkt er noch immer etwas scheu und verschlossen. Er spricht ungern englisch. Seine spanischen Antworten, die er oft mit einem wenig souveränen "Bueno" einleitet, geben auch in der Übersetzung nicht viel her. Wenn er einmal lacht, entsteht der Eindruck, diese Gesichtsmuskelbewegung sei kopfgesteuert und nicht Ausdruck seiner Empfindungen.

Außerdem hat er niemals aufgeklärt, warum seine Initialen AC in den Unterlagen des spanischen Dopingarztes Eufemiano Fuentes auftauchten. Diese Vergangenheit hängt ihm an (bei der nicht-spanischsprachigen Presse).

Schleck steht in dieser Hinsicht noch unbelastet da - trotz Bruder Fränk, der Fuentes einmal bezahlte, und trotz Teamchef Bjarne Riis, der sich vor 14 Jahren zum Toursieg dopte und den einen oder anderen Fuentes-Kunden in seinem Team hatte.

Contadors Blessuren machten die Tour spannend

Nur eines kann Contador besser als Schleck: So Rad fahren, dass die anderen Fahrer glauben, ihnen explodiere vor Schmerzen die Muskulatur. Und Contador war bei dieser Tour noch nicht mal so gut wie im vergangenen Jahr. "Kurz vor dem Tourstart hatte ich eine Erkältung. Ich musste Antibiotika nehmen. Das hat sich auf mein Leistungsvermögen ausgewirkt", sagte er bei der Pressekonferenz in Pauillac. Er schätzte sich selbst schwächer ein als 2009, seinen Rivalen Schleck sah er auf dem Niveau des Vorjahrs. Trotzdem hielt er ihn in Schach.

Contador begründete seine ungewöhnlich schlechte Performance beim Zeitfahren in Pauillac mit Magenschmerzen in der Nacht; er verlor mehr als fünf Minuten auf den Tagessieger Fabian Cancellara. Also machte nicht eine Superleistung von Schleck dieses Zeitfahren spannend, sondern der blessierte Contador.

Der Titelverteidiger hat die für ihn schwierige Tour clever gemanagt. Kein Hinweis auf Gesundheitsprobleme drang aus dem Astana-Lager. Jeder bemerkte zwar einen Leistungsabfall des Spaniers, die Gründe aber blieben rätselhaft.

Auf die Frage, ob er sich freue, eine Tour gewonnen zu haben, die als die sauberste seit Jahren gelte, verdunkelte sich kurz sein Gesicht - bevor er sich ein paar allgemeine Worte über die Schönheit abrang, dieses Rennen zu gewinnen.

Der Mann ist Profi. Der Doping-Diskurs ist ihm offensichtlich lästig. Zu seinem Profisein gehört aber auch, nicht von den anderen zu verlangen, mal langsamer zu fahren, weil es ihm gerade nicht gut geht. Wenn Contador der Schmerz überfällt, dann beißt er ihn sich weg und zuckt mit keiner Wimper.

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Tour-Etappensieger: Von Cancellara bis Cavendish

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Ein Star für die Massen wird er mit dieser Angewohnheit nie. Aber wer sagt, dass jeder Radprofi ein Star für die Massen sein muss?

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