Tour-Triumphator Sastre "Er hat genau das getan, was er sollte"

Carlos Sastre ist nur 143 Kilometer vom größten Triumph seines Leben entfernt. An diesem Sonntag wird der 33-Jährige im Gelben Trikot nach Paris fahren und höchstwahrscheinlich den Toursieg feiern - Vollendung einer Karriere, in der es bisher keine direkten Doping-Vorwürfe gab.

Von und Jan Reschke


Sein Blick ging in den Himmel, während das Gewitter direkt vor ihm niederging - das Blitzlichtgewitter. Als Carlos Sastre auf der vorletzten Etappe der diesjährigen Tour de France, dem 53 Kilometer langen Zeitfahren von Cérilly nach Saint-Amand-Montrond, über die Ziellinie fuhr, wusste er, dass ihm das Gelbe Trikot des Spitzenreiters nicht mehr zu nehmen sein wird.

Fotografen und Fernsehteams stürzten sich auf den mutmaßlichen Sieger des berühmtesten Radrennens der Welt. Der blieb erstaunlich cool. Erst reckte er kurz eine Faust über den Lenker. Dann bekreuzigte sich der Spanier vor seiner Brust, ehe sein Blick nach oben ins Unendliche schweifte. "Ich war nicht aufgeregt, obwohl es um die Chance meines Lebens geht. Ein Traum ist wahr geworden", sagte der 33-Jährige.

"Das ist unglaublich. Er hat genau das gemacht, was er tun sollte", freute sich Sastres CSC-Teamchef Bjarne Riis.

Seinen heutigen Erfolg widmete Carlos Sastre dem verstorbenen Radprofi José María Jiménez. Der ehemalige Banesto-Fahrer starb am 7. Dezember 2003 in einer psychiatrischen Klinik in Madrid an Herzversagen. Jiminéz klagte schon während seiner aktiven Karriere über Depressionen und begab sich nach seinem Rücktritt im Jahr 2002 in psychische Behandlung. Als ein möglicher Grund für seine Krankheit wurde immer wieder diskutiert, Jiménez' Probleme könnten auf Doping zurückzuführen sein.

Sastre ist mit Piedi Jiménez verheiratet, der Schwester des verstorbenen Rennradfahrers - doch gegen den designierten Gewinner der Tour 2008 gibt es bisher keine Doping-Vorwürfe. Weder liegen Unstimmigkeiten bei Kontrollen vor, noch gehörte er zu den Fahrern, die auf der Doping-Liste des spansichen Arztes Eufemiano Fuentes Rodríguez zu finden waren.

Einzig sein Engagement beim spanischen Once-Rennstall, der des systematischen Dopings verdächtigt wird, und die Doping-Vergangenheit des Sportlichen Leiters Riis lassen vage Zweifel aufkommen.

Sastre behielt trotz des hohen Drucks während des zweiten Zeitfahrens die Nerven. Der Madrilene verlor als Tageszwölfter nur wenige Sekunden auf seinen härtesten Konkurrenten, den Australier Cadel Evans, der mit 1:05 Minuten Rückstand auf dem zweiten Platz des Gesamtklassement liegt. Den Grundstein für seine Führung in der Gesamtwertung hatte der Tour-Dritte von 2006 mit seinem Etappensieg in L'Alpe d'Huez am Mittwoch gelegt.

"Es gibt kein Erfolgsgeheimnis. Es ist meine Physis und meine enorme Fähigkeit, mich nach Strapazen schnell zu erholen", sagte Sastre. "Außerdem hatte ich die beste Mannschaft."

Der zweifache Familienvater begann im Alter von acht Jahren mit dem Radsport. 1997 unterschrieb Sastre seinen ersten Profi-Vertrag beim spanischen Once-Team. 2002 wechselte er zum dänischen CSC-Rennstall, mit dem er seine größten Erfolge feierte: 2003 gewann er eine schwere Pyrenäenetappe bei der Tour de France, 2007 erreichte er den vierten Platz im Gesamtklassement. Ein Jahr vorher wurde Sastre Dritter, weil Floyd Landis der Sieg bei der Tour aberkannt wurde.

Am Sonntag muss Sastre auf dem Weg zum größten Triumph seiner Karriere lediglich noch die letzte Etappe am Sonntag von Etampes nach Paris überstehen. Der Radprofi darf der 143 Kilometer langen 21. Etappe von Étampes auf die Pariser Champs-Élysées gelassen entgegenblicken, denn dort wird der Gesamtführende traditionell nicht mehr angegriffen. Spannung verspricht nur noch die Frage nach dem Etappensieger.

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