Tour-Tross Merkwürdiger Ehrenkodex der Radprofis

Wenn der Mann in Gelb pinkeln muss, darf vorne niemand wegfahren. Stürzt er, warten die Kontrahenten auf ihn. Eine Sache des Radsportler-Anstands. Und auch zum Thema Doping gibt es ungeschriebene Gesetze. Allerdings haben die eher mit Korps- denn mit Sportsgeist zu tun.

Es sind viele kleine Gentlemen's Agreements, an die sich die Radfahrer halten. Immer, wenn sie gegeneinander antreten, und beim größten Rennen der Saison erst recht. Jeder Sportler leidet im Lauf der Tour de France größte körperliche Qualen, das schweißt zusammen. Wenn auf der Strecke im Peloton der Ruf "Service" ertönt, machen alle Platz. Sie wissen: Dann kommt ein Kollege mit Trinkflaschen bepackt von seinem Teamwagen zurück. Man lässt ihm Platz, um die Getränke an seine Mannschaft zu verteilen.

Fahrerfeld bei der Tour: Unter Beobachtung

Fahrerfeld bei der Tour: Unter Beobachtung

Foto: AFP

Eine weitere feste, wenn auch ungeschriebene Regel besagt, dass innerhalb der Verpflegungszonen nicht attackiert wird. Es ist auch ohne solche Angriffe schwierig und gefährlich genug, die Beutel von den Betreuern am Straßenrand abzugreifen. Genauso gilt, dass das Team des Gesamtführenden das Renngeschehen bestimmen muss. Sich hängen lassen und andere Mannschaften die Arbeit im Feld zu überlassen, gilt als Verstoß. Manchmal gibt es auch mannschaftsübergreifende Solidarität. 2004, so Jens Voigt vom Team CSC, habe er Andreas Klöden (damals Team T-Mobile) kurz vor dem Ziel seine Wasserflasche gegeben. "Du bist ein richtiger Kumpel", soll Klöden gesagt haben.

Fairplay findet manchmal sogar ganz an der Spitze statt: Als Jan Ullrich 2001 auf der Abfahrt vom Col de Peyresourde mit einem Salto in einer Kuhwiese verschwand, zog dessen Rivale Lance Armstrong die Bremshebel und rollte gemütlich bergab, bis Ullrich wieder bei ihm war. Zwei Jahre später revanchierte sich der Deutsche beim Anstieg Richtung Luz-Ardiden. Armstrong stürzte, nachdem er mit dem Lenker an der Tasche eines Zuschauers hängen geblieben war. Ullrich und dessen Begleiter in der Führungsgruppe warteten daraufhin, bis der Texaner den Anschluss gefunden hatte. Der Moment für den Antritt wäre günstig gewesen, er kam nicht. Am Ende hängte Armstrong alle ab.

Im Sprint sind die Radsportler dagegen nicht zimperlich. Da mag den ganzen Tag über der Ehrenkodex eingehalten worden sein, im Finale herrscht Anarchie. Wer die Ellbogen allzu sehr ausfährt oder zu offensichtlich versucht, die Widersacher abzudrängen, kann zwar von der Tourleitung bestraft werden. Aber der Anreiz des Triumphes ist ebenso groß wie der Ärger über einen verpassten Etappensieg. Als der Österreicher René Haselbacher 2004 nach einem Sturz im Finish blutend und mit gebrochenen Rippen auf dem Asphalt lag, beugte sich Rivale Robbie McEwen über ihn. Nicht aus Sorge: Er hatte wegen Haselbachers Malheur bremsen müssen und alle Siegchancen eingebüßt. Deshalb drohte er dem verletzten Kollegen mit der Faust und wäre fast handgreiflich geworden.

Rennradfahren als Vollkontaktsportart - eine Sache, vor der auch Dopingsünder Angst haben. So wurde aus dem Umfeld von Ivan Basso lanciert, er habe unter anderem deshalb nicht ausgepackt, weil er Angst vor der Rache der Kollegen gehabt habe. Zweifellos: Ein kleiner Schlenker, ein winziger Schubser im richtigen beziehungsweise falschen Moment, und schwere Verletzungen können die Folge sein.

In Sachen Doping hat der Radsport sein wohl wichtigstes ungeschriebenes Gesetz: Klappe halten! Wer schweigt und brav seine Strafe absitzt, hat nach seiner Rückkehr im Feld wenig Probleme. Wer aber alles zugibt und auspackt, gilt als Kollegenschwein, weil er angeblich die Existenzgrundlage aller aufs Spiel setzt. Dass er sich vorher mit unerlaubten Mitteln beschleunigt und seine Kollegen um Erfolge betrogen hat, ist weniger wichtig. Die viel beschworene mafiöse Omertà im Radsport – hier zeigt sie sich in voller Größe. Wer das Schweigen bricht, wird zum Paria. Es droht Klassenkeile.

Der Spanier Jesus Manzano fiel 2003 auf der 7. Tour-Etappe vom Rad und wäre, vollgepumpt mit einem Cocktail aus verbotenen Substanzen, beinahe gestorben. Danach hatte er genug und erzählte – ähnlich wie vor einigen Wochen Jörg Jaksche im SPIEGEL – Behörden und Medien alles über Doping, was er wusste. Und das war eine Menge. Eine Rückkehr ins Peloton war danach unmöglich, selbst wenn er gewollt hätte.

Ein weiteres Beispiel: Der Italiener Filippo Simeoni hatte Doping gestanden und vieles über die Hintergründe verraten, nach seiner Sperre war er 2004 zurück bei der Tour. Das Peloton hatte seine Beichte aber noch gut im Gedächtnis, allen voran der Boss. Auf der 18. Etappe wollte Simeoni ausreißen und um den Sieg kämpfen. Doch Armstrong stieg ihm in Sheriff-Manier hinterher und holte Simeoni zurück. "Ich werde dich zerstören", soll er gedroht haben. Simeoni berichtete, er sei im Feld ständig gemobbt und als Verräter beschimpft worden.

Einen verbindlichen, schriftlichen Ehrenkodex hat die Tour seit diesem Jahr bekanntlich auch. In diesem steht: "Unlautere Methoden zur Verschaffung eines Vorteils für einen Wettkämpfer verstoßen gegen die ethischen Grundsätze des Sports. In diesem Sinn ist Doping, obzwar eine im Alltagsleben nur allzu häufig anzutreffende Praxis, im Sport unzulässig." Alle Fahrer haben ihn vor der Tour unterschreiben. Auch Patrik Sinkewitz. Auf dessen Auskunftsfreude darf man schon jetzt gespannt sein.

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