Tour-Überraschung Contador Junger Mann mit fragwürdiger Vergangenheit

Er ist der Jungstar dieser Tour und einzig verbliebener Konkurrent des dopingverdächtigen Michael Rasmussen um den Gesamtsieg. Doch Alberto Contador eignet sich nur bedingt als Hoffnungsträger des sauberen Radsports.

Von Jörg Schallenberg, Loudenvielle-Le Louron


Wenn Robbie Williams etwas jünger, schlanker und durchtrainierter wäre, dann würde er ein wenig so aussehen wie Alberto Contador. Der 24-jährige Spanier besitzt einige Anlagen zum Popstar - und schon eine Menge Fans. "Contador, Contador", schreien sie verzückt, als der Träger des Weißen Trikots an diesem Morgen in Foix den Teambus von Discovery Channel verlässt.

Discovery-Profi Contador (r.), Tour-Führender Rasmussen: Name auf der Liste
AP

Discovery-Profi Contador (r.), Tour-Führender Rasmussen: Name auf der Liste

Die folgenden Minuten verbringt der Spanier damit, abwechselnd Dutzende von Autogrammen zu schreiben und die Fragen von Fernsehreportern aus aller Welt zu beantworten. Verwundern kann dieses Interesse nicht, schließlich hat sich Contador als wichtigster Konkurrent des Dänen Michael Rasmussen im Gelben Trikot etabliert - und konnte seine bestechende Form heute auf den folgenden 196 Kilometern der Pyrenäen-Etappe nach Loudenvielle-Le Louron bestätigen.

Bedenkt man, dass abgesehen von seinem Rabobank-Team die meisten Teilnehmer bei der Tour de France froh wären, wenn Rasmussen wegen seiner verpassten Dopingtests endlich aus dem Feld genommen würde, dann könnte der junge Contador der große Hoffnungsträger dieser Frankreich-Rundfahrt sein. Doch leider eignet er sich nicht für diese Rolle.

Junger Mann mit Vergangenheit

Denn sobald man ihn auf seinen prominenten Landsmann Eufemiano Fuentes anspricht, versteht Contador plötzlich noch weniger Englisch als bisher. Und der Pressebetreuer von Discovery schiebt ihn auf seinem Fahrrad schnell Richtung Start.

Der Spanier ist zwar erst 24 Jahre alt, doch er hat schon eine Vergangenheit im Radsport, leider eine ziemlich verdächtige. Profi wurde er 2003 im Once-Team des Spaniers Manolo Saiz - zwei Namen, bei denen sich jedem, der sich halbwegs mit Doping und Radsport auskennt, die Haare aufstellen. Die exzellenten Kontakte des Rennstalls und seines Leiters zu Fuentes beschrieb zuletzt Jörg Jaksche detailliert. Auch im Nachfolgeteam Liberty Seguros startete Contador, der Saiz in Interviews stets in Schutz nahm: "Er war wie ein Vater zu mir."

Saiz' Team wurde allerdings wegen der offensichtlichen Verwicklungen in die "Operacion Puerto" im vergangenen Sommer aufgelöst, nachdem sich der Sponsor zurückgezogen hatte. Auf der ersten Liste von 58 Fahrern, die Kunden beim Blutmischer Fuentes waren, fand sich auch Contadors Name. Bei der Tour 2006 hätte er nicht starten dürfen. Weil Liberty Seguros nicht mehr existierte, konnte er das aber ohnehin nicht.

Doch ähnlich rätselhaft wie weite Teile der spanischen Dopingermittlungen später im Sande verliefen, verschwand später auch Contadors Name von der Fuentes-Liste. Ein Grund dafür war, dass Fuentes angegeben hatte, nie Kontakt mit dem jungen Spanier gehabt zu haben. Es ist allerdings auch nicht bekannt, dass Fuentes jemals irgendeinen Kontakt zu einem der verdächtigen Fahrer eingestanden hätte. Laut "SZ" wurde der Name Contadors von der Liste getilgt, weil sich der Spanier seinem Verband nach einer Razzia bei Fuentes 2006 als Zeuge zur Verfügung gestellt hatte.

Für Discovery Channel war Contadors mutmaßliche Fuentes-Verwicklung kein Grund, von einer Verpflichtung des Supertalents abzusehen. Der Sportliche Leiter Johan Bruyneel sieht die Sache als "erledigt" an. Vor dem Start zur heutigen Touretappe will er nicht groß über die lästige Vergangenheit reden - ihn interessiert viel mehr Contadors Zukunft. "Dieses Jahr ist es wahrscheinlich noch zu früh für ihn, um die Tour zu gewinnen", sagt der Belgier, hält einen Augenblick inne, um den Trubel um seinen Fahrer zu verfolgen - und fährt dann fort: "Aber vielleicht sehen Sie da drüben den neuen Lance Armstrong."

Bruyneel meint das durchaus positiv. Der Mythos Armstrong ist bei Discovery Channel ungebrochen, als Mitbesitzer des Teams ist er im Hintergrund ohnehin noch aktiv. Jenen Armstrong, in dessen Blutproben von 1999 später Epo-Spuren gefunden wurden, kennt man hier nicht. Einen neuen Helden braucht der Rennstall aber dringend, denn Hauptsponsor Discovery steigt nach dieser Saison aus, noch ist kein Nachfolger gefunden. "Es wird nicht leicht, aber wir sind zuversichtlich", sagt Bruyneel und weiß, dass ein Typ wie Contador auf dem Siegerpodium in Paris die Suche nach einem neuen Finanzier einfacher machen könnte.

Dafür nimmt man auch das Risiko in Kauf, trotz der schlechten Erfahrungen mit Ivan Basso erneut einen verdächtigen Fahrer unter Vertrag zu nehmen, obwohl der Fuentes-Fall in sportrechtlicher Hinsicht keinesfalls geschlossen ist. Auch Basso galt nach einem Freispruch des italienischen Radsportverbandes zumindest Discovery-Maßstäben nach als sauber, wurde dann aber in diesem Frühjahr von der italienischen Antidopingkommision überführt. Zähneknirschend musste Bruyneel seinen potentiellen Toursieger wieder feuern.

Nun scheint dem Basso-Ersatz Contador nur noch der zweifelhafte Michael Rasmussen im Weg zu stehen. Im Gegensatz zu einigen Kollegen aus dem Fahrerfeld, die den Träger des Gelben Trikots heute in der "L'Équipe" kritisierten, geht der Spanier dem Thema aus dem Weg. Gestern sagte er im Zielort Plateau-de-Baille: "Nach so einer Etappe will ich mich nur erholen. Man denkt nicht daran, ob Rasmussen da sein sollte oder nicht. Ich hoffe einfach, dass der Beste gewinnen wird."



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Umberto, 16.07.2007
1.
Zitat von sysopRogers raus, Klöden und Winokurow mit Rückstand: Wer gewinnt nun die Frankreich-Rundfahrt?
Alejandro Valverde (oder als Ersatz-Kandidat: Christophe Moreau).
Pinarello, 16.07.2007
2.
Zitat von UmbertoAlejandro Valverde (oder als Ersatz-Kandidat: Christophe Moreau).
Na bei Valverde habe ich so meine Zweifel, denn gestern war die Mannschaftstaktik in seinem Team Caisse d´Epargne eine einzige Katastrophe, in jeder Gruppe war mindestens einer vertreten, aber herausgekommen ist so gut wie nichts. Caisse d´ Epargne hätte gestern ein deutliches Zeichen setzen können und den Möchtegernfavoriten um Winokurov, Klöden und einigen anderen bereits das Ende aller Hoffnungen aufzeigen können und müssen, wie analog Lance Armstrong, der immer auf den ersten Bergetappen für klare Verhältnisse gesorgt hatte. Was die übrigen Favoriten wie Moreau, Mayo, Eveans und Co. gezeigt haben, war teilweise schon massive Arbeitsverweigerung. Offenbar ist das die Grundeinstellung der derzeitigen Radsportelite, erst mal nichts machen und nur sehen, was der jeweils andere macht. Deshalb ist das Ausscheiden von Michael Rogers nur zu bedauern, wenigstens er hatte gestern gezeigt, was ein Favorit machen soll, einfach von vorne fahren und gewinnen. Leider kam der Sturz dazwischen.
somplan 16.07.2007
3. Good bye Klöden
Also Andreas Klöden ist für mich erstmal gestorben. Die Geste gestern, Winokurow ins Ziel zu schleppen zeigt, dass hier nicht der bessere (Klöden war bereits Zweiter und Dritter, ist der bessere Zeitfahrer und hat 1,5 min Vorsprung auf Wino) gewinnen soll, sondern der mit dem finanziell stärkeren Background (aus Kasachstan finanziertes Team mit einem kasachischen Kapitän).
Stanlio, 16.07.2007
4. Hauptsache ehrlicher und spannender Sport
Die letzten beiden Tagen waren spannender und guter Radsport. Da ist es egal, wer letztlich die Tour gewinnt. Hauptsache sauber - da gibts bei Valverde sicherlich die größten Zweifel.
Umberto, 16.07.2007
5.
Zitat von PinarelloNa bei Valverde habe ich so meine Zweifel, denn gestern war die Mannschaftstaktik in seinem Team Caisse d´Epargne eine einzige Katastrophe, in jeder Gruppe war mindestens einer vertreten, aber herausgekommen ist so gut wie nichts. Caisse d´ Epargne hätte gestern ein deutliches Zeichen setzen können und den Möchtegernfavoriten um Winokurov, Klöden und einigen anderen bereits das Ende aller Hoffnungen aufzeigen können und müssen, wie analog Lance Armstrong, der immer auf den ersten Bergetappen für klare Verhältnisse gesorgt hatte. Was die übrigen Favoriten wie Moreau, Mayo, Eveans und Co. gezeigt haben, war teilweise schon massive Arbeitsverweigerung. Offenbar ist das die Grundeinstellung der derzeitigen Radsportelite, erst mal nichts machen und nur sehen, was der jeweils andere macht. Deshalb ist das Ausscheiden von Michael Rogers nur zu bedauern, wenigstens er hatte gestern gezeigt, was ein Favorit machen soll, einfach von vorne fahren und gewinnen. Leider kam der Sturz dazwischen.
Immerhin hat Valverde mit Moreau Katz und Maus gespielt, da scheint mir doch noch einiges drin. Aber, wenn nicht Valverde (oder Moreau), wer ist denn jetzt *Ihr Favorit* ???
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