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Trainer aus den USA Lacrosse the ocean

In Nordamerika kennt fast jeder Lacrosse. Jetzt will ein Hamburger Verein den spektakulären Sport auch in Deutschland nach vorne bringen - und setzt dabei auf Trainer aus den USA: Die Entwicklungshelfer sollen die Stagnation beenden und professionelle Strukturen schaffen.
Von Florian Haas

Hamburg - Kyle Hawkins ist eine Ikone. In den USA hat er das Lacrosse-Team der Universität Missouri trainiert, da wagte er 2006 einen vielbeachteten Schritt - er bekannte sich zu seiner Homosexualität. Als einer von sehr wenigen Schwulen im Sportbetrieb riskierte er ein Coming-out. Ein Jahr danach war er nicht mehr Trainer, die Gründe sind umstritten - aber wer weiß, vielleicht hätte es den heute 39-Jährigen sonst nie nach Hamburg verschlagen.

Hawkins ist einer der zwei größten Hoffnungsträger im deutschen Lacrosse. Der andere ist Robert Eakins, 53, aus New York. Hawkins und Eakins sind Trainer der Hamburg Warrios und die einzigen Personen in Deutschland, die hauptberuflich Lacrosse-Übungsleiter sind. Sie haben eine Mission: Der Sport soll hierzulande populär werden.

Keine leichte Aufgabe. Das dynamische Spiel, bei dem ein Gummiball mit einem Netzschläger in das gegnerische Tor befördert werden muss, erinnert an eine Mischung aus Hockey und Handball - und ist in Deutschland nicht annähernd so bekannt wie in der Heimat von Hawkins und Eakins.

Der Arbeitsplatz der beiden Trainer ist die Sportanlage des Harvestehuder Tennis- und Hockey-Clubs (HTHC) im Norden Hamburgs. Die Trainingsplätze sind gepflegt, das Vereinsheim ist mehr Restaurant als Gaststätte. Hawkins trägt einen Pulli mit Warriors-Emblem. Eakins trägt Glatze und hat ein Shirt mit Warriors-Logo an. Zwischen ihnen sitzt Warriors-Manager Mathew Medjeral.

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Lacrosse: Checken, kämpfen, laufen

Foto: Hamburg Warriors

Medjeral erklärt, wieso sich sein Verein zwei US-Vollzeitangestellte leistet für Amateurteams, die vor gut 50 Zuschauern Spiele bestreiten, in einer Sportart, die hierzulande nur etwa 1500 Spieler ausüben. Know-how könne man einfliegen, sagt Medjeral - deutsche Trainer würden nicht das Niveau der Amerikaner erreichen. "Und wir haben Sponsoren und Mäzene, die an das Projekt glauben."

Das Wort "Projekt" trifft es gut.

Die Warriors wollen der beste Lacrosse-Verein Deutschlands werden. Aber nicht nur das. Sie wollen den Sport bekannter machen, beliebter, professioneller. Sie wollen Mitglieder werben, Clubs gründen, Spielklassen aufbauen, deutsche Trainer ausbilden. Sie möchten, dass Lacrosse das wird, was es an der Ostküste der USA und in Kanada längst ist: ein Sport, der im Fernsehen übertragen wird, in großen Hallen und Stadien gespielt wird und an Schulen und Universitäten etabliert ist.

Entwicklungshelfer für Clubs und Spieler

"Wir wollen die USA-Struktur herholen", sagt Manager Medjeral. Deshalb setzen die Warriors seit gut zehn Jahren auf US-Trainer. Der Club hilft ihnen bei der Wohnungssuche, zahlt ihnen Gehalt, unterstützt sie auf Ämtern. Die erwartete Gegenleistung: Hawkins und Eakins sollen vorangehen, anweisen, aufklären. Sie sollen Trainer sein und Lehrer, Helfer und Entwickler. Entwicklungshelfer. Auch andere Clubs schlagen diesen Weg ein - ab Januar soll ein US-Coach etwa auch die Marburg Saints betreuen.

Hawkins, seit Anfang 2008 Coach der Warriors, will "Weichen für die Zukunft stellen", sagt er. Sein Team belegt Rang eins in der Männer-Bundesliga Nord, in der nur vier Teams spielen. Ebenbürtige Gegner warten erst im Frühjahr, in den Playoffs um die Deutsche Meisterschaft.

Hawkins musste sich erst an das Umfeld gewöhnen. In den USA kommen oft Tausende Zuschauer - hier sind es Dutzende. In seiner Heimat werden Spieler oft bezahlt - hier müssen sie für Reisekosten und Ausrüstung selbst aufkommen. Die verschiedenen Schul- und Sportsysteme bedeuteten eine Umstellung. "In den USA wird zu jeder Jahreszeit eine andere Sportart gespielt. Hier dauert die Fußballsaison das ganze Jahr", sagt er. Wegen fehlender Schulteams gingen in Deutschland zudem potentielle Lacrosse-Anfänger verloren.

Eakins, der den Sport an verschiedenen US-Colleges lehrte, kam Sommer 2009 nach Hamburg. "Für mich war es die Chance auf den Neuanfang. Ich will hier helfen", sagt der Trainer der Warriors-Frauen in der Bundesliga. Der Club stellt in der höchsten Spielklasse derzeit drei von neun Mannschaften und belegt mit seiner ersten Auswahl Platz zwei. Er will Teams aufbauen, Talente fördern. Man müsse Kinder früher als bisher an Lacrosse heranführen, sagt Eakins, der wie Hawkins an Schulen regelmäßig für seinen Sport wirbt.

Training als Sprachkurs

Die Hilfe aus den USA hat Lacrosse in den vergangenen Jahren nach vorn gebracht. Der Ligabetrieb funktioniert, das Niveau wurde gesteigert, Deutschland ist eine der besten Lacrosse-Nationen Europas. Die Warriors erhöhten ihre Mitgliederzahl deutlich - auch weil viele Eltern es schätzen, dass ihre Kinder beim Sport Englisch sprechen, wie Katharina Freier glaubt. Die 20-jährige Warriors-Spielerin lobt: "Amerikanische Trainer haben eine hochprofessionelle Einstellung. Sie arbeiten fokussiert."

Dennoch stellt sich 2010 die gleiche Frage wie 1995 oder 2005: Wieso ist Lacrosse, das reich ist an Tempo, Toren und Taktik, in Deutschland noch immer eine Randsportart?

Medjeral, Eakins und Hawkins versuchen sich in Antworten: wenige Vereine, weite Reisen, beides schrecke Interessierte ab; die Konkurrenz durch andere Sportarten sei groß, die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit gering, das Image - zu Unrecht - elitär. Oft fänden sich nicht genug Schiedsrichter. Ehrenamtliche würden mangels Alternativen in Verbandspositionen gedrängt. "Aber es wird wachsen, wir brauchen Zeit und Geduld", sagt Medjeral. "Und jetzt kommt die erste Generation, die mit dem Wissen der amerikanischen Trainer aufgewachsen ist."

Gut 20 Spieler dieser Generation üben abends bei Hawkins. Seine Übungen sind durchdacht und anspruchsvoll, manchmal zu anspruchsvoll. Zwei Spieler kommen zur Seitenlinie. "Was will er jetzt?" - "Ich weiß es nicht." Der einzige Zuschauer ist Eakins, der Frauentrainer.

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