Trainer Becker "Jan kann die Tour noch dreimal gewinnen"

Unter Trainer Peter Becker fuhr Jan Ullrich zu seinen größten Erfolgen. Der Kontakt zwischen beiden ist etwas seltener geworden, aber Becker hat ein paar gute Gründe, warum sich das ändern sollte. Bei T-Mobile wird das nicht jeder gerne hören.

SPIEGEL ONLINE:

Herr Becker, Lance Armstrong hat gesagt, dass Jan Ullrich nicht optimal vorbereitet in diese Tour gegangen ist. Verkürzt gesprochen behauptete der Amerikaner, dass Ullrich die ersten zehn Tage dieser Rundfahrt verschenkt hat. Das sind erstaunliche Aussagen eines Konkurrenten.

Becker: Wenn ihm Armstrong aus nächster Nähe so einen Rat gibt, dann wird es auch seinen Grund haben. Ich persönlich kann Jans Trainingsleistungen nicht beurteilen, denn ich bin darüber nicht im Detail informiert.

SPIEGEL ONLINE: Sollte das alles stimmen, dann ist Ullrich bei dieser Tour eine traurige Gestalt gewesen, nicht zuletzt auch wegen seiner beiden Stürze.

Becker: Von einer trauriger Gestalt zu reden, ist eine Unverschämtheit. Andere Fahrer sind auch gestürzt. Jan hat sich nach den Stürzen sehr gut regeneriert und gestern ein gutes Zeitfahren gezeigt. Er ist Dritter der Tour de France geworden - und das ist immer noch eine Klasseleistung. Jan Ullrich ist nach wie vor Deutschlands erfolgreichster Radfahrer.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem verlangt offenbar ganz Deutschland nur den Toursieg. Auch T-Mobile wollte ja auch mit aller Macht den ersten Platz. Ist dieser Anspruch überhöht?

Becker: Richtig. Dieses Streben nach einem Toursieg ist maßlos, ein dritter Platz ist auch sehr gut. Jan ist eine große Tour gefahren. Wer mit Tempo 60 durch eine Scheibe fliegt (Anm. d. Red.: Beim Trainingsunfall einen Tag vor dem Tourstart) und tagelang diese Schmerzen bekämpft, der muss gewürdigt werden. Jan hat eine sehr kämpferische Leistung vollbracht.

SPIEGEL ONLINE: Aber wenn selbst Armstrong feststellt, dass Ullrich nicht in Bestform an den Start gegangen war, dann ist der dritte Platz weniger, als möglich gewesen wäre.

Becker: Wenn wir annehmen, dass alles so ist, wie er sagt, dann ist der Ausgang bedauerlich. Aber auch nur dann. Ich kann das aber von der Ferne nicht beurteilen.

SPIEGEL ONLINE: Wie oft haben Sie denn noch Kontakt zu Jan Ullrich?

Becker: Selten. Im März haben wir telefoniert, während der Tour auch. Mehr nicht.

SPIEGEL ONLINE: Ärgert es Sie als alten Trainer nicht, wenn ein Talent wie Jan Ullrich unter seinen Möglichkeiten bleibt?

Becker: Dass er die Tour nicht gewonnen hat, liegt in erster Linie an Armstrong und seinem Team. Das ist Weltklasse. Ob Jan ihn mit demselben Umfeld und einer besseren Form geschlagen hätte, vermag ich aber nicht zu sagen.

SPIEGEL ONLINE: Armstrong hat sich lustig gemacht über Ullrich, ihn als Weichei dargestellt. Was kann Ullrich von Armstrong lernen? Muss er etwas lernen?

Becker: Ullrich und Armstrong sind grundverschiedene Typen. Natürlich könnte man Jan sagen, dass er alles überdenken muss, wenn er Armstrong schlagen will. Also mehr Trainingskilometer im Frühjahr. Mehr Wettkämpfe insgesamt. Aber Jan sagte immer zu mir, er könne nicht das ganze Jahr so arbeiten wie Armstrong. Er brauche Auszeiten. Es ist dann eben die Frage, ob man den Amerikaner schlagen kann. Trotzdem gehört Ullrich immer noch zur absoluten Weltspitze.

SPIEGEL ONLINE: Wer trainiert eigentlich Jan Ullrich heute?

Becker: Das ist genau die Frage. Er hat den Rat des italienischen Trainingsmethodikers Dr. Luigi Ceccini, mit dem hat er sehr viel gemacht, auch in der Toscana. Aber das ist es dann auch.

SPIEGEL ONLINE: Als der T-Mobile-Fahrer Steffen Wesemann 1999 begonnen hatte, wieder mit seinem alten Coach Thomas Schediwie zusammen zu arbeiten, ist bei ihm der Knoten geplatzt. Würden Sie sich einer abermaligen Zusammenarbeit mit Ullrich verschließen?

Becker: Nein. Wir müssten dann aber ein richtiges Konzept entwickeln. Ich will nicht nur so tun, als wäre ich Trainer. Jan muss diese Zusammenarbeit wollen - und dann quatschen wir miteinander. Eine Kooperation würde Jan einiges abfordern, es geht mir nicht um Eitelkeiten, es geht um den Sport und um dieses große Talent. Ich bin aber nicht so vermessen um zu behaupten, dass ich der einzige Trainer auf der Welt bin, der weiß, was Ullrich gut tut.

SPIEGEL ONLINE: Welche Funktion hat Rudy Pevenage, der offiziell als Ullrichs Berater fungiert?

Becker: Weiß ich nicht. Pevenage behauptet, Trainer zu sein. Ich behaupte, er kann das nicht. Denn er hat ja keine sportwissenschaftliche Ausbildung. Das hat er selbst auch gesagt.

SPIEGEL ONLINE: Wieder ist aufgefallen, dass Jan Ullrich in den Bergen Mühe hatte, Armstrongs Attacken zu parieren. Offenbar ist seine Technik, schwere, kraftintensive Gänge zu treten, überholungsbedürftig. Sehen Sie das auch so?

Becker: Er kann und muss seine Technik ändern. Man kann aus Ullrich aber keinen Armstrong machen. Wenn er das ganze Jahr an einer hohen Trittfrequenz arbeitet, dann kann er es bei der Tour auch besser als jetzt. Nur: Aufgrund seiner langen Hebel erscheint seine Trittfrequenz langsamer aus als sie tatsächlich ist. Jan kann schnell treten, Jan kann auch spurten - er glaubt aber nicht genügend an sich. Seine Stärke ist zweifellos die Kraft, nur wenn er mit einem dieser hohen Gänge antritt, kann er sich nicht schnell genug von den Verfolgern lösen. Man muss mit ihm darüber reden und ihm wissenschaftlich erklären, dass diese hohen Gänge auch auf Dauer nicht gut sind, weil der Stoffwechsel in der Muskulatur erschwert wird.

SPIEGEL ONLINE: Armstrong hat im Kampf gegen seine Krebskrankheit eine extreme psychische Stärke entwickelt. Die Stürze von Jan sind gewiss nicht mit dem Schicksal des Amerikaners vergleichbar. Aber: Könnten ihn diese Rückschläge nicht ebenfalls neue mentale Kraft verliehen haben?

Becker: Das ist möglich. Er ist sicherlich psychisch erstarkt. Wenn er jetzt noch aus seinen möglichen Fehlern lernt, dann ist diese Tour ein Gewinn für ihn.

SPIEGEL ONLINE: Kann er die Tour noch mal gewinnen?

Becker: Ich bin der festen Überzeugung, dass Jan die Tour im nächsten Jahr gewinnen kann. Er kann sogar noch zwei- oder dreimal gewinnen. Aber dafür muss sein Team aus einem Guss auftreten, wie Armstrongs Mannschaft. Die Mannschaft muss durch und durch professionell strukturiert sein. Dann wird Jan bestimmt nicht wie nach dem Zeitfahren vor den Kameras erscheinen, obwohl er kaum atmen konnte. Diesen besonderen Geist von Discovery wird Olaf Ludwig als neuer T-Mobile-Teammanager auf seine Mannschaft übertragen. Unter seiner Verantwortung wird ein Ruck durch das gesamte Team gehen.

Die Fragen stellte Steffen Gerth

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