Triathlet Daniel Unger Alarm auf den ersten 600 Metern

Daniel Unger war Triathlon-Weltmeister und ist die deutsche Hoffnung auf eine olympische Medaille. Die Schinderei im Schwimmen, Radfahren und Laufen hatte er schon fast aufgegeben - doch dann befolgte er Mutters Rat.

Im Kopf hat Daniel Unger alles schon hundertmal durchgespielt. Man merkt das gleich, wenn er über den Wettkampf redet, der das Rennen des Jahres für ihn werden soll, vielleicht sogar das seines Lebens. "Schon beim Schwimmen werden ein paar Jungs versuchen auszureißen", sagt Unger. Auch danach, auf dem Rad, müsse man stets auf der Hut sein, um mitfahren zu können, wenn vorne die Post abgeht. "Man wird in ständiger Alarmbereitschaft sein müssen", prophezeit Unger – und wenn er das zwei Disziplinen lang geschafft hat, ohne den Anschluss und all zu viel Kraft zu verlieren, dann wird er immer noch eines tun müssen, da ist er sich ganz sicher: "Laufen, als ginge es um mein Leben."

Triathlet Daniel Unger bei seinem WM-Triumph in Hamburg (2007): "Laufen, als ginge es um mein Leben"

Triathlet Daniel Unger bei seinem WM-Triumph in Hamburg (2007): "Laufen, als ginge es um mein Leben"

Foto: DDP

So in etwa könnte es kommen, am Dienstag, wenn in Peking die Medaillen im olympischen Triathlon vergeben werden, nach 1,5 Kilometer Schwimmen, 40 Kilometer Radfahren und zehn Kilometer Laufen. Und so könnte es was werden mit einer Medaille für den 30-jährigen Triathleten aus dem oberschwäbischen Bad Saulgau - jedenfalls sind die Plätze auf dem Treppchen in Reichweite, auch Unger weiß das. Er ist im vergangenen Jahr in Hamburg Weltmeister geworden - und er hat auch in diesem Jahr schon zwei Weltcuprennen gewonnen.

Aber das interessiert ihn jetzt nicht. Die Siege dienen ihm als Bestätigung, dass er im Training nicht allzu viel falsch gemacht haben kann. "Ich will dieses Jahr in einem Wettkampf gut sein – und das ist bei den Olympischen Spielen", sagt Unger. "Alles andere ist mir egal."

Daniel Unger hat diese Konzentration aufs Wesentliche erst lernen müssen, ganz leicht und schmerzfrei war das nicht. Ein guter Triathlet ist er schon lange, der Vorstoß in die Weltspitze aber gelang ihm erst 2007. Und wenn man nach einem Grund sucht, warum Unger in Peking zum engeren Kreis der Medaillenkandidaten zählt, muss man vielleicht sogar vier Jahre zurückgehen: zu den Spielen in Athen.

Olympia-Absage 2004 - und dann ein furioses Comeback

Auch dort war er qualifiziert, zur Teilnahme kam es nicht: "Pfeiffersches Drüsenfieber" lautete die Diagnose der Ärzte. Zwar schaffte der 30-Jährige schon im Sommer 2005 mit Platz zwei bei den deutschen Meisterschaften ein beachtliches Comeback, doch dann folgte mit Platz 37 bei der EM 2006 ein weiterer Tiefpunkt.

Daniel Unger hat damals lange überlegt, ob es überhaupt noch Sinn macht mit dem Triathlon. Nach einem langen Gespräch mit seiner Mutter, die ihm schon immer eine gute Ratgeberin war, stand am Ende der Entschluss fest: Er macht weiter – und greift noch einmal an.

Der 30-Jährige nahm sich wieder ein Zimmer am Olympiastützpunkt Saarbrücken – und er rückte die dreifache Schinderei mehr denn je in den Mittelpunkt seines Lebens.

Unger nennt diese Phase heute "Reifeprozess" – sie hat ihm vor allem die Fähigkeit der totalen Fokussierung gebracht. Die vergangene Saison ist dafür ein prima Beispiel. Alles hatte er ausgerichtet auf die WM im eigenen Land - und prompt stürmte er als Erster durchs Ziel vor dem Hamburger Rathaus, noch vor dem Spanier Javier Gomez, der auch bei Olympia einer seiner größten Konkurrenten sein dürfte. Dass sein Plan damals so glänzend aufgegangen ist, hat ihm eine Menge Kraft und Zuversicht gegeben. "Ich weiß jetzt, wie es geht, am Tag X fit zu sein und zu gewinnen", sagt er.

Dieses Wissen will er nun in Peking anwenden. Fast wie eine Kopie hat Unger die Vorbereitung aus der WM-Saison auf jene für Olympia gelegt, lediglich "einen Tick mehr" an Umfang und Intensität hat er sich zugemutet. "Was sich bewährt hat, soll sich wieder bewähren", sagt er.

Die Rennstrategie: die ersten 600 Meter hart anschwimmen

Unger hat die Besonderheiten der Pekinger Strecke akribisch studiert – und seine Erkenntnisse ins Training eingebaut, erneut ist ein richtiger Masterplan daraus geworden. Weil er ein schnelles Schwimmen erwartet, hat er mehr Kilometer im Wasser zurückgelegt und vor allem ein hartes Anschwimmen geübt, genau 600 Meter lang. Nach 600 Metern kommt in Peking die erste Wendeboje. Bis dahin, glaubt Unger, wird sich die Spreu vom Weizen getrennt haben.

Er will dann beim Weizen dabei sein.

Weil Rad- und Laufstrecke extrem hügelig sind, hat er beide Disziplinen verstärkt am Berg trainiert. "Pekingspezifisch" nennt er das grinsend. Selbst die zu erwartende Hitze hat Unger nicht außer Acht gelassen. Weil leichtere Läufer mit ihr besser zurechtkommen werden, hat auch er ein paar Gramm weniger auf den Rippen, die ganze Saison schon.

Daniel Unger weiß nicht, ob all das am Ende wirklich ausreichen wird, um in Peking das Podest zu erreichen. Er weiß nur, dass er alles dafür getan haben wird.

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