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07. August 2012, 09:01 Uhr

Triathlet Jan Frodeno

"Ich kann mich beim Wettkampf richtig auskotzen"

Von Franziska Ringleben

Triumph oder Pleite - dazwischen gibt es für Triathlet Jan Frodeno nichts. Auf der Zielgeraden ergatterte der Olympiasieger von 2008 das letzte Ticket für London. Dort will er nach langer Verletzungspause alles geben: "Wenn mir im Ziel die Wade reißt, wäre mir das völlig egal."

Jan Frodeno ist anders. Seine Teamkollegen Steffen Justus und Maik Petzold zeigen konstante Leistungen in der WM-Serie, halten gewissenhaft Umfänge und Zeiten ihrer Übungseinheiten in einem Trainingstagebuch fest - wie es für Spitzentriathleten üblich ist. Frodenos Ding ist das nicht. "Aus Zahlen auf Papier mache ich mir nichts", sagt er, "mich packt einzig das Erlebnis: das schnelle Schwimmen, das schnelle Fahrradfahren, das schnelle Laufen. Ich bin da leidenschaftlicher."

Diese Leidenschaft bescherte Frodeno 2008 den Olympiasieg . Keiner hatte damit gerechnet. Zwei Wochen zuvor war er bei den Deutschen Meisterschaften in Gelsenkirchen Zweiter geworden. Frodeno lebt von seiner Tagesform. "Ich kann mich beim Wettkampf richtig auskotzen. Zweimal im Jahr kann ich ein großes Rennen abliefern. Aber über die ganze Saison kriege ich das nicht hin, weil ich mich auf diesem Niveau nicht dauerhaft halten kann", sagt Frodeno. Eine Erkenntnis, die er sich hart und schmerzhaft erarbeiten musste. Und die der 30-Jährige 2008 noch nicht hatte.

Krankheitsmisere ließ Frodeno zweifeln

Angestachelt von seinem Olympia-Sieg vor vier Jahren stockte Frodeno sein Trainingsprogramm auf, quälte sich bis zu 45 Stunden in der Woche. Er ging bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit - und darüber hinaus.

2010 fehlte ihm auf der letzten Etappe der WM-Tour in Budapest der vierte Platz, um am Ende der Serie zum ersten Mal Weltmeister zu werden. Beim abschließenden Zehn-Kilometer-Lauf folgte der körperliche Einbruch und Frodeno kam als 41. ins Ziel. "Ich war völlig am Ende, hatte die Schnauze voll, wollte alles hinschmeißen", sagt Frodeno. Doch statt kürzer zu treten, intensivierte er sein ohnehin schon riesiges Trainingspensum im Folgejahr noch einmal und schaffte bei der Olympia-Generalprobe 2011 als Elfter gerade so die nötige Top-Zwölf-Platzierung.

Und es wurde nicht besser: Die von der Triathlon-Union geforderte Bestätigung, eine Top-20-Platzierung im Olympiajahr, konnte er nicht erbringen. Seit dem Frühjahr schleppte sich Frodeno von einer Verletzungspause in die nächste. Sein Körper streikte endgültig. "Läuferisch konnte ich nur zehn Prozent von dem trainieren, was nötig gewesen wäre. Da gingen mir schon die Pferde im Kopf durch", sagt er.

Schuld war eine zunächst nicht diagnostizierte Nervenentzündung in der Wade. Weil die Schmerzen vom Unterschenkel in die Achillessehne ausstrahlten, blieb die tatsächliche Ursache der Beschwerden monatelang von den behandelnden Medizinern unentdeckt. "Nichts hat geholfen: keine Ruhe, keine Belastung, keine Therapieform. Diese Ungewissheit, ob ich überhaupt irgendwann wieder antreten kann, hat mich ziemlich fertiggemacht", sagt Frodeno.

Frodenos Schwäche ist seine Chance

Dennoch hielt Wolfgang Thiel, Sportdirektor der Deutschen Triathlon-Union (DTU), an Frodenos Nominierung für die Olympischen Sommerspiele fest. "Es gab keinen Freibrief für Jan. Er hat sich nach und nach gesteigert", so Thiel. Fünf Wochen vor dem Beginn der Spiele klappte es dann: Frodeno erfüllte mit einer Platzierung unter den besten 20 in Kitzbühel den zweiten Teil der Qualifikationskriterien. "Ich habe die ganze Zeit an mich geglaubt und mich nicht unter Druck gesetzt. Aber ich hatte auch Glück", sagt Frodeno.

Thiel geht zwar davon aus, mit Justus und Petzold zwei Kandidaten für die vorderen Plätze zu haben. "Aber ein gesunder Frodeno könnte alles toppen. Seine ganz spezielle Art, den Triathlon zu leben, immer Vollgas geben zu wollen, ist seine Schwäche - aber auch seine Chance, doch noch alle zu verblüffen", sagt der DTU-Sportdirektor.

Als Top-Favoriten gehen am 7. August im Hyde Park der britische Weltmeister Alistair Brownlee und dessen Bruder Jonathan in den Dreikampf. Auch deshalb will sich Frodeno nicht festlegen, ob sich sein Triumph von Peking vier Jahre und viele Leiden später wiederholen lässt. "Natürlich wäre eine Medaille ein Traum - aber meine Leistung ist eine Wundertüte."

Doch für einen Glücksgriff hat er mental beste Voraussetzungen: "Ich will da hingehen, einen raushauen, alles geben. Wenn im Ziel die Wade reißt, wäre mir das völlig egal."

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