Triumph über Frankreich Deutschland überragend auf dem Weg zum WM-Sieg

Der Titel ist greifbar nah: Das deutsche Team hat in einem Handball-Krimi den Favoriten Frankreich gestürzt - und trifft jetzt im Finale auf Polen. Mannschaft und Fans schwelgen schon in Siegesträumen.

Von , Köln


Köln - Freude und Wut können so dicht beieinander liegen. Während die deutschen Handballer nach dem 32:31-Sieg und zweimaliger Verlängerung den Einzug ins WM-Finale feierten, rasteten die unterlegenen Gäste aus. Henning Fritz hatte in der letzten Sekunde der zweiten Verlängerung einen Wurf von Daniel Narcisse mit beiden Beinen pariert und Deutschland somit den Traum vom WM-Titel bewahrt. Danach spielten sich Szenen ab, die man so im deutschen Handball noch nie gesehen hat.

Wenige Sekunden nach dem Schlusspfiff waren alle deutschen Spieler in einem wild hüpfenden Knäuel auf dem Spielfeld versammelt und feierten gemeinsam mit 19.000 Zuschauern in der ausverkauften Kölnarena den hart umkämpften Sieg, als hätten sie den WM-Titel bereits in der Tasche. Michael Kraus und Holger Glandorf ließen sich eine Deutschland-Fahne aus dem Publikum reichen und zelebrierten mit den Fans die Welle. Bundestrainer Heiner Brand klatschte artig alle Hände ab, die ihm auf dem Weg zu den TV-Plätzen entgegengestreckt wurden, ehe er dann den ehemaligen Nationalspieler und jetzigen ARD-Co-Kommentator Stefan Kretzschmar vor Freude beinahe erdrückte.

"Die geilste Sau der Welt"

Auch eine Stunde nach dem Krimi gegen den amtierenden Europameister kannte die Freude rund am die Arena keine Grenzen. Immer wieder fielen sich fremde Menschen mit Deutschland-Fahnen in die Arme, einige Anhänger lagen im Regen auf dem nackten Beton und stürzten das Kölsch aus riesigen Plastikbechern hinunter. Hupkonzerte begleiteten das Spektakel, das ein wenig an vorweggenommenen Karneval erinnerte. Eine Gruppe schwarz-rot-gold geschminkter Mädchen, die man sonst eher in der ersten Reihe beim Tokio-Hotel-Konzert vermuten würde, kreischte: "Fritzi ist die geilste Sau der Welt".

Gemeint war Torhüter Henning Fritz, der in den 80 Minuten des Halbfinales erneut überragend gehalten hatte. Ein Drittel aller französischen Würfe entschärfte der Kieler, der seinen Stammplatz bei den Schleswig-Holsteinern in dieser Saison ausgerechnet an seinen französischen Gegenüber Thierry Omeyer verloren hatte. Von Genugtuung wollte Fritz in der Stunde des Triumphs allerdings nichts wissen: "Schon so lange haben wir nicht mehr gegen Frankreich gewonnen und jetzt gleich zweimal nacheinander, was soll ich da sagen", so Fritz. Der 32-Jährige bedankte sich lieber artig bei seinen Vorderleuten: "Die Abwehr hat gut Druck gemacht, deswegen fiel es mir relativ leicht, gut hinten drin zu stehen."

In der Tat legte die DHB-Auswahl den Grundstein für den sensationellen Erfolg in der Defensive. Angeführt von einem überragenden Oliver Roggisch wuchs die deutsche Abwehr über sich hinaus. Der Magdeburger warf sich immer wieder tapfer in die Würfe der französischen Rückraum-Spieler. Lediglich gegen seinen Vereinskollegen Joel Abati (7 Treffer) und Daniel Narcisse (8) vom VfL Gummersbach sah der Abwehrchef keine Stiche. Während das Angriffsspiel der Franzosen eher auf die treffsicheren Individualisten ausgelegt war, überzeugte Deutschland wie schon so oft bei diesem Turnier durch eine geschlossene Mannschaftsleistung.

Frankreichs Kampf gegen die Uhr

Gerade in der Verlängerung bewiesen die jungen deutschen Ersatzspieler, dass sie auch unter Druck ein Spiel entscheiden können. Der 23-jährige Dominik Klein, der in den ersten fünf Minuten der Nachspielzeit für den erschöpften Torsten Jansen gekommen war, hielt sein Team mit zwei frechen Treffern im Spiel. In der zweiten Verlängerung war es dann Lars Kaufmann, der mit seinen 24 Jahren Verantwortung übernahm, als würde er bereits seine dritte WM als Stammspieler absolvieren. In der entscheidenden Phase traf der Ersatz für den heute unglücklich agierenden Pascal Hens zum 31:30. Eine Minute vor dem Abpfiff holte Kaufmann beim Stand von 31:31 einen Siebenmeter gegen Abati raus, den Kapitän Markus Baur sicher zum Endstand sicher.

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"Wenn man einen guten Tag hat, gehen solche Würfe rein", sagte ein wie immer bescheidener Baur nach dem Schlusspfiff. Dann verriet der treffsicherste deutsche Siebenmeterschütze ein Teil seines Geheimrezeptes: "Beim Antäuschen gucke ich mir den Torwart aus. Irgendwann bekommt man dafür ein Auge und dann passt das", so Baur. Der Spielmacher zeigte sogar Verständnis für die Franzosen, die nach der Partie kollektiv ausrasteten. Doch was war passiert?

Michael Guigou warf den Ball kurz vor Schluss an Fritz vorbei ins Tor, doch zu diesem Zeitpunkt hatten die schwachen schwedischen Schiedsrichter, deren Zeitstrafen oft nicht nachvollziehbar waren, bereits abgepfiffen. Vier Sekunden vor der Schlusssirene ließen die Unparteiischen die Uhr anhalten, die dann allerdings weitere drei Sekunden runterlief. Nach wütenden Protesten erhielten die Franzosen zwei Sekunden der abgelaufenen Zeit zurück, scheiterten mit dem letzten Versuch aber an Fritz. "Die Schiedsrichter haben es uns verweigert, noch einmal heranzukommen", so ein wütender Abati.

Was dann folgte, waren hässliche Szenen. Fast das gesamte französische Team versammelte sich vor den Kampfrichtern. Immer wieder schlugen einzelne Spieler mit den Fäusten auf den Richtertisch und deuteten mit wilden Gesten auf die Uhr. "Ich würde genauso durchdrehen", sagte Baur. Er und seine Kollegen wurden ebenfalls nach Ende der Partie provoziert: "Wir hatten ein bisschen Stress mit einigen Spielern, aber so ist das nun mal", so Baur. Der Lemgoer machte nicht die Schiedsrichter, sondern das überragende Publikum für den knappen Sieg verantwortlich: "Den Anteil der Fans kann man nicht in Prozent ausdrücken. Vielleicht haben die Zuschauer am Ende das eine Tor Unterschied ausgemacht."

"Suche zwei Finalkarten"

Frankreichs Trainer Claude Onesta war so sauer, dass er gar nicht erst zur offiziellen Pressekonferenz erschien. Brand fehlten nicht nur für diese Aktion die Worte: "Ich weiß gar nicht was ich sagen soll. Ich konnte mir noch vor zwei Wochen nicht vorstellen, dass so etwas passieren könnte", so der 54-Jährige. "Das Spiel war ein einziges Auf und Ab, ein einziges Hin und Her, ich bin noch gar nicht in der Lage für eine vernünftige Analyse", so der sichtlich berührte Brand. "Ich habe nach der Schlusssirene einfach nur genossen", musste der Weltmeister von 1978 zugeben.

Diesen Moment konnte Brand auf dem Feld nur kurz mit Christian Zeitz teilen. Der Kieler Rückraumspieler hatte sich schnell aus der deutschen Jubeltrauben gelöst und rannte mit einem selbstgemalten Schild durch die Katakomben: "Suche zwei Karten fürs Finale", war mit Edding auf den A4-Zettel gekritzelt. Diesen Wunsch dürfte Zeitz mit zahlreichen deutschen Anhängern teilen.

Der Wunsch seines Mitspielers Roggisch ging dagegen noch am Abend in Erfüllung: "Ich würde im Finale am liebsten gegen Polen spielen, weil die uns bereits in der Vorrunde geschlagen haben", so Roggisch. Am Sonntag trifft das DHB-Team im Endspiel auf Polen (16.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE), das sich ebenfalls erst nach zweimaliger Verlängerung gegen Dänemark durchsetzte.

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