Turnstar Hambüchen Abgang auf den Hosenboden

Silber schien ihm im Mehrkampf sicher - doch dann verfehlte Fabian Hambüchen an seinem Paradegerät Reck die Stange und stürzte böse ab. Es ist schon die zweite Pleite für den hochgehandelten Turnstar, der nach der erneuten Niederlage schockiert wirkte. Drei Chancen bleiben ihm noch.

Aus Peking berichtet Susanne Rohlfing


Yang Wei genießt, Fabian Hambüchen packt. Der Chinese steht mit weit ausgebreiteten Armen da und lässt im National Indoor Stadion von Peking den Applaus von 18.000 Zuschauern auf sich niederprasseln, er kostet die Momente des Glücks aus, legt die Hände an die Ohren, flirtet mit dem Publikum, lässt es noch lauter jubeln und klatschen.

Hambüchen dagegen wickelt sich stoisch die langen Bänder von den Händen, zieht den Trainingsanzug an, räumt alles in seine große, schwarze Tasche, was er jetzt nicht mehr braucht. Es sind Routinehandgriffe, eine Ablenkung von dem Drama, das sich gerade ereignet hat. Yang ist Olympiasieger im Mehrkampf der Turner, Hambüchen lediglich Siebter. Dabei schien dem Deutschen nur wenige Minuten zuvor Silber sicher.

Hambüchen ist eigentlich der unangefochtene Großmeister am Reck, doch jetzt ist er gefallen. Zum zweiten Mal innerhalb von drei Tagen. Wenn er da oben durch die Luft wirbelt, schaut ihm selbst das chinesische Publikum gebannt zu. Da kann der Deutsche mithalten mit den einheimischen Athleten, die China am dritten Finaltag der Turnwettbewerbe bereits das dritte Gold bescherten.

Hambüchen fehlten nur 1,025 Punkte zu Silber, als er sich am Reck für seine sechste und letzte Übung bereitmachte. Wolfgang Hambüchen, der Vater und Trainer des 20-Jährigen, hob seinen Sohn ans Reck wie Tausende Male zuvor. Hambüchen nahm Schwung auf, locker und leicht wie Tausende Male zuvor. Er wirbelte elegant durch die Luft, vollführte den sogenannten Kolman-Salto, griff nach der Stange - und erwischte sie nur mit der rechten Hand. "Bumm, klatsch, und ich lag unten", sagt Hambüchen später. Was er gedacht hat in diesem Moment? "Ja, super", antwortet er.

Doch sein Gesichtsausdruck passt nicht zum sarkastischen Ton. Er ist blass, die Mundwinkel zucken, niemanden würde wundern, wenn ihm jetzt die Tränen kämen. Er hätte noch nicht einmal an seine Grenzen gehen müssen, eine durchschnittliche Vorführung dessen, was er kann, hätte für Silber gereicht. So aber ging der zweite Platz an den Japaner Kohei Uchimura (91,975 Punkte), Bronze gewann der Franzose Benoit Caranobe (91,925). Der Deutsche Philipp Boy kam auf Rang 13 (90,675).

Weltmeister Yang Wei war an der Spitze bereits vor der letzten Übung uneinholbar enteilt, ihm reichten am Reck, seinem schlechtesten Gerät, mäßige 14,775 Punkte zum Olympiasieg (94,575). Hambüchen hatte sich nach seinem Sturz immerhin soweit gesammelt, dass er die Übung noch einmal angehen konnte. Diesmal blieb er fehlerfrei. Er bekam dafür immer noch 15,400 Punkte und damit im Gesamtergebnis 91,675. Acht Zehntel werden für einen Sturz abgezogen.

Zwischen Hambüchens siebten Platz und der Silbermedaille liegen drei Zehntel. Eine Winzigkeit fehlte zum großen Glück. Und zur Rehabilitation, nachdem Hambüchen schon am Dienstag im Mannschaftsfinale an seinem Spezialgerät daneben gegriffen hatte.

Jetzt muss der Reckweltmeister am Sonntag (Boden, 12 Uhr MEZ, Liveticker SPIEGEL ONLINE) und Dienstag (Barren, 12 Uhr / Reck, 13.20 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) mit der Last zweier Patzer in die Gerätefinals gehen. Sein Vater meint nicht, dass das ein Problem sei. Nur 70 bis 80 Prozent der Übungen im Turnen gelängen, sagt er, Stürze gehörten nun mal dazu.

Wolfgang Hambüchen lächelt viel, als er da neben seinem kreidebleichen Sohn steht. "In einer halben Stunde ist das vergessen", sagt er, "dann beginnt die neue Vorbereitung." Sohn Fabian versucht sich ähnlich optimistisch zu geben: "Ich habe noch drei Chancen, ich muss weiterkämpfen." Bundestrainer Andreas Hirsch immerhin weist noch darauf hin, dass es hier nicht um ein Duell von Maschinen geht. Auch andere Spitzenturner hätten Fehler gemacht. "Das ist der dritte Wettkampftag, das sollte man nicht vergessen", sagt er, "in der Instabilität der Leistungen zeigt sich, dass ein gewisses Maß erreicht ist."

Vor einem Jahr bei der Turn-WM in Stuttgart war Hambüchen unbeschwert durch den Wettkampf gelangt. Er wurde Weltmeister am Reck, Vizeweltmeister im Mehrkampf und Dritter mit der Mannschaft. Damals war er es, der mit dem Publikum flirtete. Er verkaufte Turnen als einen großen Spaß. In Peking war das vom ersten Tag an anders, die Lockerheit ist ihm irgendwo auf dem Weg nach China verlorengegangen. Schon nach der Qualifikation gestand Hambüchen, dass ihm "der Arsch auf Grundeis gegangen" sei.

Den Druck von außen hatte er im Vorfeld der Spiele immer abgetan und gesagt, dass die anderen von ihm ja nur wollten, was er ohnehin selbst von sich erwarte. Damit hört Hambüchen auch jetzt nicht auf. Eine schmerzhafte Kapselverletzung am Finger, die er sich beim Einturnen am Barren im Mannschaftsfinale zugezogen hatte, lässt er als Grund für seinen Patzer nicht gelten. "Ich bin ja nicht hier, um zu jammern." Und: "Ich werde heute Abend trainieren und bleibe motiviert."

Dass Erfolge für jeden Athleten die beste Motivation sind, sagt er nicht. Dass es schwierig werden könnte, nach zwei dicken Patzern die alte Souveränität wiederzugewinnen, auch nicht. Das muss er auch nicht. Schließlich ist es im Sport eine Stärke, Negativerlebnisse verdrängen zu können. Hambüchen hat das schon Sekunden nach seiner Bruchlandung getan. "Komm, geh wieder dran, du kannst immer noch eine ganz gute Punktzahl bekommen", habe er sich gedacht, sagt Hambüchen. Worte, die Zuversicht und Nervenstärke ausdrücken.

Wenn er dabei bloß nicht immer noch so bleich aussehen würde, als sei er gerade einem Gespenst begegnet.

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l.augenstein 15.07.2008
1.
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Offensichtlich ist dieses Thema Blech:-)
Shiraz, 16.07.2008
2.
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Naja, in der Disziplin Dressurreiten-Mannschaft sind wir schwer zu schlagen.
ichbinesselbst, 16.07.2008
3.
Zitat von ShirazNaja, in der Disziplin Dressurreiten-Mannschaft sind wir schwer zu schlagen.
Na wenigstens ist auf unsere Pferde-Athleten noch Verlass.
ichbinesselbst, 16.07.2008
4.
Zitat von sysopDer DOSB hat die letzten deutschen Teilnehmer für die Olympischen Spiele 2008 in Peking nominiert. Welche Athleten sind Ihrer Meinungen nach die größten deutschen Medaillenhoffnungen? Welche Außenseiter könnten überraschen?
Die, die gedopt sind, aber das so clever gemacht haben, dass die Tests nicht anschlagen, haben Chancen. Ist die DLRG eigentlich am Pekinger Olympia-Schwimmbecken zur Rettung unserer Schwimmerinnen und Schwimmer im Einsatz?
klumpenhund 16.07.2008
5.
Zitat von ichbinesselbstDie, die gedopt sind, aber das so clever gemacht haben, dass die Tests nicht anschlagen, haben Chancen. Ist die DLRG eigentlich am Pekinger Olympia-Schwimmbecken zur Rettung unserer Schwimmerinnen und Schwimmer im Einsatz?
Schnarch... War eigentlich klar das sowas kommt... Es gibt 2 Olympiafreds, 3 Radsportfreds und ein Dopingfred und überall wird nur über Doping herumspekuliert. Wie wäre es mit einem Sammelfred, den man in die Abteilung Gesellschaft packt? Vielleicht kann man sich dann in der Sportkategorie auch wieder über Sport unterhalten.
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