Verunglückter Bergsteiger Steck Es war ein Unfall, kein Leichtsinn

Der Tod des Bergsteigers Ueli Steck bewegt Menschen weltweit. Manche unterstellen ihm Übermut und Fanatismus. Doch Experten sagen: Der Absturz war schlicht "Pech".

Ueli Steck
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Die Luft ist so dünn, dass sich jeder einzelne Schritt anfühlt wie eine sportliche Höchstleistung, jeder Atemzug brennt sich seinen Weg durch die Luftröhre und doch scheint kaum Sauerstoff in der Lunge anzukommen. Das Herz rast, pumpt immer mehr Blut durch die Arterien. Kaum eine sportliche Herausforderung ist so lebensgefährlich, wie einen Achttausender zu besteigen. Nicht umsonst wird die Zone oberhalb von 7500 Höhenmetern auch als "Todeszone" bezeichnet. Denn in diesen extremen Höhen kann sich selbst ein optimal akklimatisierter Mensch nicht länger als zwei Tage aufhalten.

Umso wichtiger ist es, sich langfristig auf solch eine Expedition vorzubereiten. Das wusste auch - ja vor allem - Ueli Steck. Der Extremkletterer hatte vor, im Mai einen neuen Rekord aufzustellen: Er wollte die Gipfel des Mount Everest und des daneben gelegenen Lhotse innerhalb von 48 Stunden überqueren. Und zwar ohne künstlichen Sauerstoff, denn das gilt unter Profibergsteigern als unsportlich. Doch bevor er den eigentlichen Rekordversuch wagen konnte, stürzte der 40-Jährige im Everest-Gebiet am Sonntag in den Tod .

Noch ist unklar, wie sich der Unfall genau zugetragen hat. "Ueli war am Tag des Unglücks am Nuptse unterwegs", sagt sein Sprecher Andreas Bantel. "Alleine." Bereits Anfang April sei Steck in den Himalaja gereist, um sich auf sein Vorhaben vorzubereiten - nach monatelangen Planungen. "Er war noch in der Akklimatisierungsphase, den Rekord selbst wollte er erst Ende Mai angehen", sagt Bantel.

In großen Höhen nimmt der Sauerstoffpartialdruck, also der absolute Sauerstoffgehalt der Luft, rapide ab. Auf etwa 5000 Höhenmetern ist er nur noch halb so hoch wie auf Meereshöhe, am Mount Everest beträgt er nur noch ein Drittel des Normaldrucks. Die Folge: Der Körper reagiert mit Übelkeit, Kopfschmerz, Herzrasen, Schwindelgefühl und Verwirrtheit auf den Sauerstoffmangel, im Extremfall droht ein Lungen- oder ein Hirnödem. Die Symptome äußern sich bei jedem anders, unabhängig von der körperlichen Fitness. Um diese für Höhenkrankheit typischen Symptome zu vermeiden, müssen sich Bergsteiger an den veränderten Luftdruck gewöhnen - und zwar langsam und stetig. Genau das hatte Steck vor.

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Ueli Steck stirbt im Himalaya: Bilder eines extremen Bergsteigerlebens

Der Schweizer war ein Freund der aktiven Akklimatisierung: einer Methode, bei der man sich unter körperlicher Belastung an die Höhe gewöhnt. In der Regel werden dabei mehrere Hundert Höhenmeter an einem Tag auf- und wieder abgestiegen. Seit gut drei Wochen trainierte Steck bereits im Himalaya, machte immer wieder Wanderungen, stieg vom Basislager auf bis zu 7000 Höhenmeter und wieder zurück. Die roten Blutkörperchen in seinem Blut dürften sich bereits vermehrt haben, das Atmen dürfte ihm leichter gefallen sein.

"Natur ist Natur"

Es gibt widersprüchliche Angaben dazu, wie und wo genau Steck in den Tod stürzte. Was genau am Sonntagmorgen passierte, nachdem er gegen 8.30 Uhr (nepalesischer Zeit) das Camp verließ, um sich auf zum Nuptse zu machen, wird wohl nie eindeutig geklärt werden können. Seine Leiche sei gegen zehn Uhr in dem Gebiet zwischen Camp 1 und Camp 2 gefunden worden, sagt Mingma Sherpa von der nepalesischen Organisation "Seven Summit Treks", die mit Steck gemeinsam die Doppel-Besteigung plante. "Wir gehen davon aus, dass er in einer Höhe von rund 6600 Metern unterwegs war und an einer Steilwand rund tausend Meter in die Tiefe gefallen ist", sagt der Bergführer. Seine Überreste seien von einem Helikopter abtransportiert und zur Untersuchung in ein Krankenhaus in Kathmandu gebracht worden. Erst dort könne man definitivere Aussagen über seinen Tod machen, wenn überhaupt. "Wir können kaum fassen, dass wir einen so guten Kletterer und Freund verloren haben", sagt Mingma Sherpa, der Steck bereits seit zehn Jahren kannte. "Es ist unglaublich traurig, aber: Natur ist Natur."

Weltweit trauern Alpinisten um Steck, der in Bergsteiger-Kreisen "Swiss Machine" genannt wurde. Seinen Spitznamen hat er den besonders schnellen Begehungen hochalpiner Routen zu verdanken, die ihn so bekannt machten und zu immer wieder neuen Höchstleistungen animierten.

Doch wie fast immer, wenn Extremsportler bei ihrer Tätigkeit sterben, hagelt es auch jetzt negative und verständnislose Kommentare: "Selbst schuld" und "Ueli Steck hat lediglich den Preis für seinen Fanatismus 1:1 bezahlt", heißt es in den sozialen Medien.

Steck war ehrgeizig, das ist klar. Er war einzigartig im Highspeed-Klettern, wahrscheinlich der Beste. Doch war er auch leichtsinnig?

"Was Ueli Steck passiert ist, war ein Unfall, der jedem Bergsteiger hätte passieren können", sagt der Expeditionsarzt Thomas Küpper. "Er war in vergleichsweise leichtem Terrain unterwegs, für einen Mann mit der Qualifikation von Steck ist das wie ein Spaziergang." Er habe seine Expeditionen immer professionell geplant, sich Zeit für die Höhenanpassung genommen, das Gelände erkundet. Der Ausflug am Morgen seines Todes sei eine beliebte Akklimatisierungstour gewesen, sagt Küpper - "Ueli hatte einfach Pech."

Nicht jeder kann verstehen, warum Ueli Steck sich immer wieder solchen Gefahren aussetzte. Oft schon hatte er Glück und entging nur knapp dem Tod. Diesmal nicht. Diesmal rutschte er ab und stürzte.



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martin_hubweber 02.05.2017
1. Pech?
Warum tun menschen so etwas? Um zu zeigen, dass sie besser sind als alle Anderen? Um sich selbst zu zeigen, dass sie die Natur überwinden können? Für den Lebensunterhalt? - Reinhold Messmer hats ja vorgemacht... Wir sollten etwas demütiger sein. Unser Organismus kann ohne Technologie nur in ganz begrenzten Räumen und Bedingungen überleben und ist dabei nicht mal besonders belastbar. Wer glaubt, er muss über Berge rennen ist genau so leichtsinnig, wie jemand, der mit 300km/h Motorrad fährt, Fallschirm springt oder sonst etwas verrücktes tut. Wir sterben alle irgendwann. Wie sehr wir an unserer Existenz hängen und wie viel Langeweile wir ohne Nervenkitzel ertragen, ist unsere freie Entscheidung.
echoanswer 02.05.2017
2. Es ist traurig ..
eine solchen großartigen Bergsteiger zu verlieren. Das Risiko ist immer groß, aber er war kein Leichtsinniger, sonst hättet er so viel nie erreicht. Heute, in einer Zeit in der auch Blinde auf den Everest transportiert werden, wird diese Gefahr oft vergessen. Möge er in Frieden, nach einem kurzen aber erfüllten Leben, ruhen.
pr8kerl 02.05.2017
3. Das war höheres Risiko mit Todesfolge, kein Pech
Wer ohne Seil als Extrem-Bergsteiger aufs Matterhorn klettert hat nun mal ein höheres Todesrisiko als ein Bergwanderer. Vielen Extremsportlern, die in Wingsuits oder auf Rennmaschinen unterwegs sind, gibt das aber den besonderen Kick. Wenn sie ihn nur mit einer höheren Versicherungsprämie und nicht mit dem Leben bezahlen ist es gut. Mir tun aber all die Angehörigen Leid, die ständig befürchten müssen, dass ihr Vater oder ihr Sohn nicht zurückkommt. Hier von "Pech" oder "einen Schicksalsschlag" zu reden ist meines Erachtens falsch. Wer Krebs bekommt ohne geraucht zu haben hat Pech.
eisfuchs 02.05.2017
4.
Es ist und bleibt leichtsinnig in den Bergen, ganz besonderes im Himalaja, alleine, und wie er, meist ohne Sicherung rumzuwandern oder zu klettern. Gerade wenn man keine 20 Jahre mehr alt ist, sondern die 40 überschritten hat. Man kann auch im Straßenverkehr sterben, aber man kann das Risiko enorm minimieren, wenn man sich an die Sicherheitsvorkehrungen der Straßenverkehrsordnung hält. Er hat schlicht einige der wichtigsten Regeln missachtet und dazu gehört vor allem nicht alleine im Gebirge rumzulaufen. Dass er er jetzt gestorben ist war kein Pech, dass ihm aber vorher nichts passiert ist eher reines Glück.
eriatlov 02.05.2017
5. Ich bin selbst
in den Bergen aufgewachsen und kenne die Gefahren. Noch vor 100 Jahren wäre es keinem Einheimischen in den Sinn gekommen, höher hinaufzusteigen als er absolut muss. Ich bin gegenüber diesem "Sport" immer kritisch eingestellt, denn jedes Jahr müssen Retter Leib und Leben riskieren, um verunfallte Bergsteiger zu retten. Egoismus und Ruhmessucht haben immer einen Preis.
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