Ullrich-Autounfall "Ein paar Glas Wein"

Nach seinem nächtlichen Ausreißversuch, der mit einem Crash an einem Geländer endete, gibt sich Radprofi Jan Ullrich als reumütiger Sünder. Er habe einen großen Fehler begangen, gestand der Porsche-Fahrer auf Abwegen.


Jan Ullrich: Feuchtfröhliche Mai-Feier
DDP

Jan Ullrich: Feuchtfröhliche Mai-Feier

Freiburg - "Ich habe Mist gebaut, dafür werde ich geradestehen", erklärte Ullrich am Freitag auf der offiziellen Homepage des Teams Deutsche Telekom. Es gäbe nichts zu beschönigen, fügte der 28-Jährige hinzu: "Ich habe über die Stränge geschlagen." Auf seiner eigenen Homepage erklärte Ullrich, "alle Konsequenzen tragen" und "für den Schaden" aufkommen zu wollen: "Ich bin nur froh, dass niemand verletzt worden ist."

Der Zeitfahr-Weltmeister hatte in der Nacht zum 1. Mai nach einem missglückten Wendemanöver in der Nähe des Freiburger Hauptbahnhofs mit seinem Porsche ein Geländer gerammt und mehrere dort abgestellte Fahrräder demoliert. Doch anstatt den Unfall zu melden, brauste Ullrich davon.

Ein Zeuge beobachtete jedoch den Vorfall, notierte sich das Autokennzeichen und informierte die Polizei. Die Ordnungshüter ermittelten alsbald Ullrich als Halter des Fahrzeugs. Auf der Wache wurde dem 28-Jährigen eine Blutprobe entnommen. Deren Alkoholwert soll nach Angaben des Radiosender SWR3 deutlich überhöht gewesen sein.

"Ein paar Glas Wein"

Der Freiburger Oberstaatsanwalt Peter Häberle, dessen Behörde gegen Ullrich ein Ermittlungsverfahren eingeleitet hat, wollte diese Information jedoch ebenso wenig bestätigen wie die Behauptung, dass der Führerschein des Tour-Siegers von 1997 einbehalten worden sei. "Wir ermitteln wegen des Vorwurfs von Verkehrsdelikten. Diese möchte ich nicht präzisieren", sagte Häberle. Offensichtlich geht es jedoch um Alkohol am Steuer und Fahrerflucht.

Ullrich-Manager Wolfgang Strohband bestätigte am Freitag, dass sein Schützling an dem entsprechenden Abend "ein paar Glas Wein" vor dem Unfall getrunken habe. Ullrichs Führerschein sei eingezogen worden, sagte Strohband, der vermutet, dass der Olympiasieger "offensichtlich aus Frust über einen erneuten gesundheitlichen Rückschlag mit seinem Porsche ein bisschen viel Gas gegeben" habe. Ullrich hatte in den vergangenen Tagen wegen Kniebeschwerden erneut nicht trainieren können.

"Ich bin menschlich sehr enttäuscht"

Das Team Telekom reagierte sofort auf den Ausritt ihres Vorzeigefahrers, der einen Fremdschaden von rund 1700 Euro verursachte, Personen aber nicht in Mitleidenschaft gezogen hatte. "So ein Verhalten von ihm als Mannschaftsführer unseres Teams ist nicht in Ordnung. Da werden wir uns gemeinsam mit Teamchef Walter Godefroot noch zusammensetzen müssen", erklärte der sportliche Leiter Rudy Pevenage am Freitag.

"Ich bin menschlich sehr enttäuscht. Das ist ein Verhalten, das nur schwer entschuldbar ist", betonte Godefroot, der in den nächsten Tagen "ein sehr ernstes Gespräch" mit Ullrich führen will. Von Sanktionen will der Bonner Rennstall bislang jedoch nichts wissen. "Grundsätzlich ist das eine Privatangelegenheit von Jan. Aber es hat uns schon enttäuscht. Das ist unprofessionelles Verhalten", erklärte Teamsprecher Olaf Ludwig.

Alexander Winokurow nicht im Auto

Angaben, mit dem Kasachen Alexander Winokurow sei ein zweiter Telekom-Fahrer in den Unfall verwickelt gewesen, dementierte Ludwig: "Das ist ganz klar falsch. Jan war mit drei Bekannten unterwegs, die nichts mit dem Team Telekom zu tun haben." Gleichlautend äußerte sich auch Strohband: "Winokurow war zu der Zeit in Monte Carlo."

Unklar ist derzeit deshalb, wer sich neben Ullrich noch im Fahrzeug befunden hatte. Nach Informationen der "Bild"-Zeitung sollen zwei jüngere weibliche Personen mit an Bord gewesen sein, mit denen der letztjährige Tour-Zweite zuvor eine Discothek besucht hätte. Ullrichs langjährige Freundin Gaby war allerdings nicht darunter. Eine der beiden Begleiterinnen habe zudem bestätigt, dass Ullrich nach dem Unfall in einer Seitenstraße mit seinem Beifahrer die Plätze getauscht habe und anschließend nicht mehr gefahren sei.

Ullrichs Tour-Start in Gefahr?

In jüngster Zeit hatte Ullrich wiederholt für negative Schlagzeilen gesorgt - allerdings im sportlichen Bereich. Der Telekom-Kapitän konnte wegen anhaltender Knieschmerzen kaum trainieren und musste in der Vorbereitung auf die Tour de France (6. bis 28. Juli) kürzer treten. Den Giro d'Italia (11. Mai bis 2. Juni) sagte Ullrich vor wenigen Tagen bereits ab. Stattdessen hatte der gebürtige Rostocker geplant, bei der Bayern-Rundfahrt (22. bis 26. Mai) und der Deutschland-Tour (3. bis 9. Juni) zu starten.

Gerüchte, dass Ullrichs Tour-Start in Gefahr sei, dementierte Telekom-Funktionär Pevenage: "Das ist Quatsch. Er kann am Samstag schon wieder trainieren." Noch glaube er an die Tour, sagte Pevenage, räumte jedoch auch ein: "Wenn Jan in Bayern nicht fahren kann, wird es für die Tour sehr, sehr spät." Schon 1999 hatte Ullrich die Frankreich-Rundfahrt absagen müssen.



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