Ullrich-Comeback Zitterpartie bis zum Startschuss

Nach 14-monatiger Zwangspause hat Jan Ullrich erstmals wieder einen Wettkampf auf dem Rad bestritten. Sein Einsatz bei der Sarthe-Rundfahrt in Frankreich war allerdings bis unmittelbar vor Beginn des Rennens fraglich. Hinter den Kulissen gab es ein zähes Gerangel um Ullrichs Fahrerlaubnis.


Lance Armstrong, Jan Ullrich am Dienstag in Nantes: "Es war ein bisschen hektisch zuletzt"
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Lance Armstrong, Jan Ullrich am Dienstag in Nantes: "Es war ein bisschen hektisch zuletzt"

Nantes - Zunächst gab es ein freundliches Händeschütteln mit den Rivalen vergangener Tage. Lance Armstrong, Richard Virenque und Jan Ullrich stellten sich lächelnd in der ersten Reihe auf, und die Fotographen ließen die Blitze ihrer Kameras erleuchten. Dann erfolgte der Startschuss des "Circuit de la Sarthe" und Ullrich feierte nach 14-monatiger Zwangpause infolge zweier Knieoperationen und einer Sperre wegen Drogenmissbrauchs seine Rückkehr in den Radsport.

"Im Interesse des Fahrers"


Dass Jan Ullrich bei der fünftägigen Rundfahrt von Nantes nach Le Mans überhaupt starten durfte, verdankt er einem undurchsichtigen Gerangel der Finanzjongleure seines Rennstalls Coast, das erst kurz vor dem Start der ersten Etappe eine vorläufige Fahrgenehmigung Ullrichs zuwege brachte. "Es gibt noch Klärungsbedarf zwischen beiden Ullrich-Sponsoren. Vorerst kann er aber weiter fahren", erklärte Enrico Carpani, Sprecher des Radsport-Weltverband (UCI), am Ende der ersten Etappe. Im "Interesse des Fahrers" wäre die Startgenehmigung ausgeteilt worden.

So konnte Ullrich den interessierten Beobachtern zeigen, dass er die letzten Monate fleißig in der Toskana trainiert hat und mit den Konkurrenten mithalten konnte. Im ersten Tagesabschnitt über 188 Kilometer von Nantes nach Fontenay-le-Comte fuhr Ullrich zeitgleich mit Armstrong in einer 30-köpfigen, ersten Verfolger-Gruppe hinter dem Sieger Carlos da Cruz (Frankreich) und dem Zweiten Alexej Siwakow (Russland) über die Ziellinie. Im Schlussspurt der Ullrich-Gruppe setzte sich der Italiener Massimo Strazzer durch und wurde Dritter. Ullrich belegte den 22. Rang.

Coast-Chef Günther Dahms war am Tag zuvor seinem Image als Finanzjongleur treu geblieben und hatte die UCI, seinen Star und dessen direktes Umfeld auf das Äußerste strapaziert. Am Abend vor dem Start lag die Bürgschaft über drei Monatsgehälter für Ullrich - geschätzt etwa 500.000 Euro - beim Weltverband noch nicht vor. Erst eine kurzfristige Absichts-Erklärung des Fahrrad-Herstellers Bianchi zur Ullrich-Finanzierung rettete die Situation vorläufig. Allerdings stellten die Italiener auch neue Bedingungen, die wieder Beratungen der UCI-Gremien und Rückfragen bei Dahms nötig machten.

Radhersteller Bianchi zu Co-Sponsor avanciert


Die ersten drei Monatsgehälter für Ullrich, seinen Team-Kollegen Tobias Steinhauser und Ullrich-Betreuer Rudy Pevenage waren nur die erste Rate des neuen Bianchi-Engagements. Die Italiener, bisher nur Ausstatter des Essener Teams, avancierten so, wie ein Coast-Sprecher bestätigte, zum neuen Co-Sponsor bis Jahresende. Damit erwachsen dem Fahrrad-Hersteller allerdings auch besondere Rechte an dem Tour-de-France-Sieger von 1997, so dass der Textil-Unternehmer Dahms erst zur Unterschrift unter den neuen Partner-Vertrag überredet werden musste.

Der ehemalige Profi und Telekom-Sprecher Jacques Hanegraaf (Niederlande) hatte das Geschäft eingefädelt. Ullrich hatte am Montag nach seiner Ankunft in Nantes aus dem Trainingslager in der Toskana kommend noch so lange im Flughafen-Café gewartet, bis die Zusatz-Finanzierung perfekt war. Sonst wäre er gleich zurückgeflogen und hätte sich auf die Suche nach einem neuen Team gemacht.

Ullrich wollte sich am Dienstag zu den Details der chaotischen Hintergründe seines Comeback-Starts vorerst nicht äußern. "Mir wurde versichert, dass jetzt alles klar ist. Es war ein bisschen hektisch zuletzt. Aber jetzt bin ich froh, dass es endlich los geht", sagte der 29-jährige Olympiasieger am Start der ersten von fünf Etappen über ausschließlich flaches Terrain. Zehn Kamera-Teams verfolgten ihn in Nantes auf Schritt und Tritt.

Zeitfahren am Donnerstag


Am Donnerstag beim 8,8 Kilometer langen Zeitfahren in Angers wird es zum ersten direkten Vergleich mit dem vierfachen Toursieger Armstrong kommen. Allerdings kämpfen beide noch mit ungleichen Waffen. Armstrong ist schon seit der Murcia-Rundfahrt Mitte März im Renn-Betrieb und muss keine lange Zwangspause kompensieren. "Ein echtes Rennen gegeneinander kann es ja nicht werden. Lance hat schon einige Rennen mehr in den Beinen", gab Ullrich vorsichtshalber auf seiner Homepage zu bedenken.

Der zweifache Weltmeister im Zeitfahren hatte sich als Marschroute für 2003 nach zwei Knie-Operationen eine gewisse Schonung auferlegt und wollte erst langsam wieder in Fahrt kommen. Bei der WM im Oktober in Kanada wolle er wieder zur Weltspitze gehören, hatte Ullrich mehrfach erklärt. Die erste große sportliche Abrechnung zwischen Ullrich und Armstrong wird allerdings schon im Juli bei der Jubiläums-Tour zum 100. Geburtstag der Frankreich-Rundfahrt erwartet.



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