Ullrich-Interview "Platz sieben bringt mich nicht um"

Dass Jan Ullrich auch im olympischen Einzelzeitfahren keine Medaille gewinnen konnte, damit hatte kaum einer gerechnet. Deutschlands prominentester Radprofi fand Trost in der Vergangenheit.


Herr Ullrich, wie tief sitzt bei Ihnen die Enttäuschung darüber, dass Sie die ersehnte Goldmedaille klar verpasst haben?


Ullrich: "Ich bin ja schon Olympiasieger"
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Ullrich: "Ich bin ja schon Olympiasieger"

Jan Ullrich:

Natürlich tut es erst einmal weh, aber es tut auch wieder nicht so weh, weil ich ja schon Olympiasieger bin. Natürlich sind dies die letzten Olympischen Spiele für mich, aber ich habe schon zwei Medaillen - das ist okay. Manchmal kriegt man wie in Sydney eine Medaille, wenn man nicht damit rechnet. Manchmal läuft es umgekehrt. Jetzt ist es Platz sieben geworden - das bringt mich auch nicht um.

Sie sind als Favorit ins Rennen gegangen. Woran hat es gelegen, dass es nur zu Platz sieben gereicht hat?

Ullrich: Die ersten Drei von heute haben sich in den letzten Wochen erholt. Tyler Hamilton hat sich nach 10 Tagen bei der Tour raus genommen, andere haben danach Pause gemacht und sich in Ruhe vorbereitet. Man sieht, es hat sich für sie gelohnt. Ich habe dagegen weiter das volle Programm mitgemacht. Heute habe ich gekämpft und alles gegeben, aber es sollte nicht sein. Im Nachhinein bin ich klüger.

Hat es an der Hitze gelegen?

Ullrich: Nein, die Hitze hat mir überhaupt nichts ausgemacht. Aber die Tour hat einfach zu viel Kraft gekostet. Ich habe schon nach den ersten zwölf Kilometern gemerkt, dass es schwer werden würde.

Wie lautet Ihr Saisonfazit - ist ein Tiefpunkt erreicht?

Ullrich: So schlecht war die Saison nicht. Okay, bei den Olympischen Spielen ist keine Medaille herausgesprungen, aber als einen Tiefpunkt empfinde ich meine Teilnahme hier nicht. Trotzdem waren die Spiele ein tolles Erlebnis. Außerdem ist die Saison noch nicht vorbei.

Welche Rennen wollen Sie noch bestreiten?

Ullrich: Am Sonntag werde ich noch beim Weltcup in Zürich starten. Wenn ich danach ein bisschen Pause habe, kann ich vielleicht im Oktober in Italien noch die WM fahren. Vielleicht ist da ja noch eine Medaille drin.

In Boulevardzeitungen wurden Sie in den letzten Tagen fast als feiernder Olympia-Tourist dargestellt. Wie reagieren Sie darauf?

Ullrich: Ich habe mit Erik Zabel am Samstag im Deutschen Haus auf dessen vierten Platz angestoßen. Mehr nicht. Und dann wird noch 60 Prozent erfunden. Ich werde daraus meine Konsequenzen ziehen. Schade, wie man in Deutschland mit seinen so genannten Stars umgeht.

Von Thomas Prüfer und Andreas Zellmer, dpa



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