Ullrich verlässt Coast "Das Maß ist voll"

Jan Ullrich hat sich von seinem bisherigen Arbeitgeber Günther Dahms und dessen durch den UCI gesperrten Rennstall Coast getrennt. Der Olympiasieger hofft, dass der italienische Fahrrad-Hersteller Bianchi das Team übernehmen wird und damit seine Tour-Teilnahme ermöglicht.


Kein Land in Sicht: Nach nur vier Monaten verlässt Jan Ullrich das Essener Coast-Team
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Kein Land in Sicht: Nach nur vier Monaten verlässt Jan Ullrich das Essener Coast-Team

Hamburg - "Eine weitere Zusammenarbeit ist nicht mehr möglich. In der Zukunft nur noch ohne Dahms: Das gilt für Jan, Rudy Pevenage und mich. Der von Dahms angerichtete Imageschaden ist schon groß genug", sagte Ullrich-Manager Wolfgang Strohband am Mittwoch, "das Maß ist voll."

Ullrich und sein Betreuerstab zogen damit einen Schlussstrich unter die wochenlange Hängepartie um Rennlizenzen und Fahrergehälter, in deren Verlauf der UCI dem Team Coast zweimal die Starterlaubnis entzogen hatte. "Jan ist natürlich sauer, das konnte einfach nicht so weitergehen", so Strohband.

Teamchef Dahms wollte sich - wie schon in den vergangenen Tagen - zunächst nicht offiziell äußern. Sein Sprecher Rainer Dzösch erklärte: "Herr Dahms prüft mögliche rechtliche Schritte. Die Frage ist, ob Ullrich und sein Management den Vertrag so einfach einseitig auflösen können." Der am 15. Januar unterzeichnete Dreijahreskontrakt sollte dem Toursieger von 1997 jährlich geschätzte zwei Millionen Euro einbringen. Laut Strohband sei noch nicht klar, ob eine formelle Kündigung der Verträge nötig sei. Finanzielle Vereinbarungen sollen auch gegenüber Ullrich nicht eingehalten worden sein.

"Die Mannschaft soll zusammenbleiben"


Auf die Androhung eines möglichen Rechtsstreits reagierte Strohband gelassen: "Ich kann einen Vertrag lesen, deswegen bin ich in dieser Sache ganz entspannt." Der Hamburger Geschäftsmann bestätigte, dass er gemeinsam mit Ullrichs Sportlichem Leiter Pevenage und dem italienischen Fahrrad-Hersteller Bianchi die Möglichkeit eines Nachfolge-Rennstalls prüfe: "Die Mannschaft soll zusammenbleiben, Jan ist nach wie vor von seinen Teamkollegen überzeugt." Bianchi-Sprecher Stefan Vigano sagte: "Wir arbeiten mit der UCI eng zusammen. Wir werden mit ein bis drei weiteren Co-Sponsoren zusammenarbeiten, nicht mehr aber mit Coast und Dahms."

Ullrichs Start bei der diesjährigen Tour de France sei nicht gefährdet, sagte Strohband: "Das wird alles ohne Probleme gehen. Wir sind mit der UCI in Kontakt." Das Team Coast hatte als eines der zehn erstplatzierten Teams in der UCI-Weltrangliste seit Oktober vergangenen Jahres einen Startplatz bei der Frankreich-Rundfahrt sicher.

Obwohl die Übernahme einer Tour-Einladung durch ein Nachfolge-Team nicht im Regelwerk vorgesehen ist, hatte die UCI in den vergangenen Tagen Gesprächsbereitschaft signalisiert. Die letzten offenen Startplätze für die Jubiläums-Tour zum 100-jährigen Bestehen (5. bis 27. Juli) werden am kommenden Montag vergeben.

Noch am Dienstagabend hatten Strohband und Dahms über eine mögliche gemeinsame Lösung verhandelt. Nach Angaben aus dem Umfeld des Coast-Chefs sei dieser zuletzt bei der Suche nach einem weiteren Sponsor für den finanziell angeschlagenen Rennstall "auf einem guten Weg" gewesen. Allerdings betonte Strohband: "Wir haben lange genug gewartet und viel Geduld gezeigt."

Bis Ende des Monats soll die Bildung eines neuen Teams abgeschlossen sein. Am 31. Mai ist Ullrichs Start beim 78. Hainleite-Rennen in Erfurt geplant. Vom 3. bis 9. Juni will der 29-jährige Wahl-Schweizer mit Wohnsitz in Scherzingen am Bodensee bei der Deutschland-Rundfahrt antreten. Den letzten Schliff für die "Große Schleife" will sich Ullrich Mitte Juni bei der Tour de Suisse holen.



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