Unbeliebter Kollege Alle gegen Zabel

Die Rad-WM droht im Doping-Chaos zu versinken, doch im Rennen der Männer bahnt sich ein Duell zwischen zwei deutschen Fahrern an. Der Kampf hat längst begonnen, denn die Gerolsteiner-Profis stellen sich offen gegen Dopingsünder Zabel. Der muss seinen größten Traum wohl begraben.

Von Jörg Schallenberg, Stuttgart


Die Aussichten waren bestens. Genau elf Monate ist es her, da saß Erik Zabel entspannt in einem Konferenzraum mit herrlichem Blick auf den Hamburger Hafen, blickte versonnen in die Ferne und dachte über seine Zukunft nach. "Hätte ich die WM gewonnen", sagte er damals im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE, " hätte mir wohl das Ziel für nächstes Jahr gefehlt". Zweiter war Zabel 2006 bei der Weltmeisterschaft in Salzburg geworden, hinter dem Italiener Paolo Bettini - und schien geradezu dankbar über diese knappe Niederlage: "Ohne Ziel wäre ich ein Rennfahrer ohne Sinn gewesen. Vielleicht war es besser so. Bei den Olympischen Spielen eine Medaille und die Weltmeisterschaft zu gewinnen - das fehlt mir noch, das treibt mich an."

Sprinter Zabel (r.): Im Training vorn
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Sprinter Zabel (r.): Im Training vorn

Genau zwei Tage ist es her, da saß Zabel stocksteif und mit verkniffener Miene im Konferenzraum eines Stuttgarter Hotels und schien, seinem Gesichtsausdruck zufolge, in einen Abgrund zu blicken. Dabei hat der 37-Jährige am morgigen Sonntag endlich die Chance, sich seinen Traum vom WM-Gewinn zu erfüllen. Doch bei der Vorstellung der deutschen Mannschaft am vergangenen Donnerstag musste sich der fünffache Gewinner des Grünen Trikots bei der Tour de France (der Titel von 1996 wurde ihm wegen Dopings aberkannt) anhören, dass sein Teamkollege Stefan Schumacher es "voll in Ordnung findet, dass er das so sieht".

Mit "er" gemeint war allerdings der Zeitfahrer Sebastian Lang, wie Schumacher bei Gerolsteiner unter Vertrag, der Zabel hart kritisiert hatte und dabei ausdrücklich darauf verwies, dass er dem Sprintstar dessen Version vom Ein-Woche-Doping mit Epo nicht glaube. Zabel saß nur wenige Stühle neben Schumacher, blickte so starr und ausdruckslos, wie er es immer tut, wenn er eigentlich nichts sagen will, aber etwas sagen soll - und flüchtete sich schließlich in hilflose Floskeln wie "kein Kommentar", "will kein Öl ins Feuer gießen" oder "diejenigen, die am lautesten schreien, haben am meisten Dreck am Stecken".

Ob er damit allerdings seinen selbsternannten Freund und Förderer Rudolf Scharping meinte, der kurz zuvor als Präsident des Bundes Deutscher Radfahrer lautstark über die Stuttgarter Sportbürgermeisterin Susanne Eisenmann hergezogen war, blieb unklar. Eher nicht. Schumachers Angriff über Bande nahm allerdings auch bereits jenes innerdeutsche Duell vorweg, das auf dem Stuttgarter Rundkurs erwartet wird, wenn das WM-Rennen der "Männer Elite" - wie es beim Weltverband UCI heißt - auf dem Programm steht.

Schumacher will den Titel für sich

Lokalmatador Schumacher, der aus dem nahe gelegenen Nürtingen stammt, hat in den vergangenen Tagen keine Gelegenheit ausgelassen darauf hinzuweisen, dass er sich als Spitzenfahrer der deutschen Mannschaft sieht, der sich den Titel auf gar keinen Fall von einem Konkurrenten aus der eigenen Equipe streitig lassen machen will. Schnell wurde der mögliche Zweikampf Schumacher contra Zabel von manchen Medien als Auseinandersetzung zwischen gestern und heute, zwischen der alten Doping-Generation Telekom und den jungen, mineralwassersauberen Fahrern der Nach-Fuentes-Ära hochgejazzt.

Doch mit solchen Zuschreibungen sollte man vorsichtig sein, nicht nur, weil Schumacher seine Karriere einst beim Team Telekom begann und schon seit 2002 im Profizirkus mitmischt. 2005 wurde der heute 26-Jährige bei der Rheinland-Pfalz-Rundfahrt positiv auf das Asthmamittel Cathin getestet, konnte aber belegen, dass er, der bereits seit früher Kindheit an einer Pollenallergie leidet, wegen einer falschen Auskunft der niederländischen Anti-Doping-Agentur zu dem Medikament gegriffen hatte. Das Sportgericht des BDR sprach ihn daraufhin vom Dopingvorwurf frei.

Die Grenzen zwischen dem Gestern und dem Heute im Radsport sind nicht so klar gezogen, wie es manche Funktionäre und Medien gern suggerieren. Für Schumacher spricht allerdings, dass ihm der sehr anspruchsvolle, 267 Kilometer lange und mit unangenehmen Steigungen durchsetzte Rennkurs liegen dürfte. Er ähnelt in seinem Profil dem Amstel Gold Race, das Schumacher in diesem Frühjahr gewann. Allerdings siegte auch Sprintexperte Zabel 2000 beim niederländischen Klassiker, zudem hat der Noch-Milram-Profi oft bewiesen, dass er der wohl bergtauglichste Topsprinter im Radsport ist.

Viel wird also davon abhängen, wie das Rennen verläuft. Der lange Anstieg zum Ziel hoch scheint gegen eine Sprintentscheidung und damit für Schumacher zu sprechen, dem Gerolsteiner-Kollege David Kopp heute offen seine Unterstützung zugesagt hat - obwohl die Teambindungen in der Nationalmannschaft eigentlich zurückstehen sollen. Doch von neun deutschen Fahrern stammen vier aus dem Rennstall Gerolsteiner, während Zabel nur noch auf Milram-Mitfahrer Christian Knees bauen kann.

Weltelite fast komplett am Start

Es wird interessant zu beobachten sein, ob Zabel nicht nur bei Pressekonferenzen, sondern auch auf der Rennstrecke von den anderen deutschen Fahrern in den roten Nationaltrikots ins Abseits gestellt wird - oder alle Zwistigkeiten vergessen sind, wenn sich das Peloton an der Feuerbacher Heide in Bewegung setzt. Auch wenn der Wettstreit innerhalb des BDR-Teams hierzulande, sportlich gesehen, die meiste Aufmerksamkeit hervorruft, zählen weder Schumacher noch Zabel unbedingt zu den allerersten Siegesanwärtern.

Fast die gesamte Weltklasse ist am Start, Titelverteidiger Paolo Bettini aus Italien hat sich trotz Doping-Vorwürfen ebenso wie der mutmaßliche Fuentes-Kunde Alejandro Valverde (Spanien) über ein Gericht den Platz im Feld gesichert und wird mit allen Mitteln um das Regenbogentrikot kämpfen. Erik Zabel würde sich bestimmt nicht mehr freuen, wenn ihn der Italiener noch einmal besiegen würde.



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