Unihockey Schnelles Spiel mit dem gelochten Ball

Kaum eine Teamsportart entwickelt sich derzeit so rasant wie Unihockey. Das "Eishockey ohne Schlittschuhe" soll sogar olympisch werden – im Jahr 2020. Schweden und die Schweiz sind die Boomländer, Deutschland hat noch Nachholbedarf.

Von Mathias Liebing


Zweikampf im Unihockey: Grundsätzlich körperlos
Mathias Liebing

Zweikampf im Unihockey: Grundsätzlich körperlos

Wie von Stromstößen gepeinigt liegt Petr Mudra auf dem Hallenboden. Geschüttelt von Heulkrämpfen ist der 27-jährige Tscheche zusammengebrochen. Dem Verteidiger des deutschen Unihockey-Meisters UHC Sparkasse Weißenfels ist wenige Augenblicke zuvor der vermutlich größte Fehler seiner bisherigen sportlicher Laufbahn unterlaufen.

Etwas mehr als drei Minuten vor Ende der Nachspielzeit hat Mudra nahezu unbedrängt den Ball zum Gegner gespielt. Was für ein Fehlpass. Es kommt, was kommen muss: Der lettische Meister aus Rubene bedankt sich für dieses Geschenk und trifft zum 5:4-Endstand: "Golden Goal" für den lettischen Meister Rubene, "Sudden Ddeath" für den deutschen Champion.

Das Finale des Play-offs der Unihockey-Europacup-Qualifikation im dänischen Aalborg am vergangenen Wochenende war mit Abstand das beste aller Spiele dieser Veranstaltung. Weißenfels und Rubene betrieben Werbung für einen Sport, der sich als Eishockey in der Halle beschreiben lässt und wegen seiner hohen Abspielhäufigkeit als das schnellste Sportspiel der Welt gilt. Kaum eine andere Teamsportart findet derzeit mehr Zulauf - im Verband wird sogar schon darüber gemunkelt, ob sie 2020 zum olympischen Programm gehört. In Deutschland hat sich der Sport in einer Bundesliga etabliert.

Entdeckt von einem Handballspieler

Entwickelt wurde Unihockey vor 35 Jahren und heißt international Floorball. Der schwedische Handball-Nationalspieler Karl-Ake Ahlqvist hatte diese Sportart seinerzeit in Amerika entdeckt, sie in die eigene Trainingsarbeit integriert und Schritt für Schritt perfektioniert. Entstanden ist ein Sport, der in Schweden inzwischen von etwa 600.000 Menschen betrieben wird und in Finnland, der Schweiz und der Tschechischen Republik immer professionellere Ausmaße bekommt. So genießen bei der Schweizer Armee auch die Unihockey-Spieler einen Status als Spitzensportler. Aktuell erhalten 20 Rekruten Zeit, um während ihres Grundwehrdienstes regelmäßiges Training absolvieren zu können.

Floorball oder Unihockey wird mit einem gelochten Kunststoffball gespielt, wie er auch im Baseball-Training zu finden ist. Ein gewöhnlicher Schläger besteht aus Kunststoff, die besseren jedoch aus luftgepresstem Carbon. Das Gerät wird dadurch leichter, biegsamer und bietet besseren Spielkomfort. Grundsätzlich ist Unihockey ein körperloses Spiel, ähnlich wie Basketball. Allerdings ist das Regelwerk einfacher.

Entwicklungsland Deutschland

Deutschland ist im internationalen Vergleich ein Unihockey-Entwicklungsland. Gerade einmal in Sachsen und Sachsen-Anhalt, wo zwei Drittel der 3500 lizenzierten Spieler sowie sechs der zehn Bundesligavereine zu finden sind, hat sich der Sport bislang flächendeckend verzweigt. Das Unihockey-Mekka ist die Kleinstadt Weißenfels in Sachsen-Anhalt zwischen Halle und Leipzig. Hier ist Unihockey bereits Bestandteil des Schulsports und des Bewegungsangebots in Kindergärten. Das mögliche Weißenfelser Erfolgsgeheimnis: Seit 2003 werden jedes Jahr neue, gut ausgebildete Spieler aus dem Ausland geholt, um den Sport voranzubringen. Fünf sind es in dieser Saison, die mit der Europacup-Qualifikation gestartet ist und beinahe den größten Erfolg in der Geschichte des UHC Sparkasse Weißenfels bedeutet hätte.

Neben Mudra sind mit dem Tschechen Jan Krupicka, den Finnen Matti Keltanen und Tomi Varis sowie dem Schweizer Armando Crottogini vier junge Athleten nach Weißenfels gewechselt, um im Rahmen ihrer Ausbildung ein freiwilliges Auslandsjahr zu absolvieren. "Wir können den Jungs, die in einer Wohngemeinschaft untergebracht sind und vom Verein ein gemeinsames Fahrzeug gestellt bekommen, ein sportliches Abenteuer und die Möglichkeit bieten, sehr gut Deutsch zu lernen", sagt Rolf Blanke, der Präsident des Weißenfelser Unihockey-Clubs. Im Gegenzug trainieren die Spieler nicht nur mit der ersten Mannschaft, sondern leiten auch die Talentförderung des Vereins.

"Wir wollen etwas entwickeln"

Noch in diesem Jahr sollen auch Workshops für Spieler und Kurse für Trainer anderer Vereine angeboten werden, erklärt Blanke. Über dessen Philosophie, über die Rekrutierung von ausländischen Spielern zum Erfolg zu kommen, wird im deutschen Unihockey seit Jahren emotional debattiert. Die heftigsten Diskussionen löste der Abgang von gleich acht Weißenfelser Spielern nach dem Gewinn des dritten Meistertitels in Folge vor gut zwei Monaten aus.

Die ehemaligen Weißenfelser werden künftig für den Bundesliga-Konkurrenten Halle-Hohenmölsen spielen. Eine Mannschaft, die bewusst ohne die Hilfe ausländischer Spieler auskommen will. Trainiert wird die Mannschaft von Lutz Gahlert, der auch Coach des deutschen Nationalteams ist. "Wir wollen das deutsche Unihockey in der Breite entwickeln und mit Akteuren antreten, die aus der Region sind. Den Jungs soll eine vernünftige Alternative geboten werden, aber wir wollen auch etwas entwickeln", so der Großwilsdorfer. Seiner Meinung nach ist deutsches Unihockey im internationalen Vergleich auf einem "bescheidenen Niveau". Die eigenen Akteure müssten in die nationalen Vereinsclubs integriert werden. Nur so komme die Nationalmannschaft weiter.



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