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11. September 2016, 12:27 Uhr

US-Open-Sieg von Angelique Kerber

Moment mal

Von Philipp Joubert

Konstant war Angelique Kerber schon immer. Seit diesem Jahr ist die neue Nummer eins der Welt aber auch die Frau für die besonderen Momente. Mit einem solchen drehte sie das Finale der US Open.

Irgendwann wird Angelique Kerber auf die vergangenen zwei Wochen zurückblicken. Sie wird an den Spätsommer in New York denken. Daran, wie sie von der Herausforderin zur besten Tennisspielerin der Welt aufstieg. Vielleicht wird sie sich vor allem an ihre drei Abendmatches erinnern. Die "Night Sessions", in der die Zuschauer im größten Tennisstadion der Welt besonders guter Stimmung sind.

Oder Kerber spürt noch einmal die ausgelassene Freude, als sie nach ihrem 6:3, 4:6, 6:4-Finalsieg gegen Karolína Plísková auf den Rücken fiel.

Aber ganz sicher wird sie auf diesen einen Moment im dritten Satz zurückblicken. Die Stadionuhr zeigte 18.12 Uhr und die Anzeigentafel notierte in der Frühabendhitze einen Zwischenstand von 3:3 und 30:30 im dritten Satz. Absolut ausgeglichen. Kerber schlug auf und wie so häufig in den vorherigen 113 Minuten trieb Plísková ihre deutsche Gegnerin in die Ecken des Platzes.

Jetzt auch offensiv

Eine tiefe und kraftvolle Rückhand der Tschechin sollte Kerber zu einer kurzen Antwort zwingen. Doch die neue Weltranglistenerste sprang in ihre Vorhand und ließ das komplette Körpergewicht in den Ball rotieren. Der flog die Linie entlang und löste einen lauten Jubelschrei bei Kerber aus.

Keine fünfzehn Minuten später hatte sie den zweiten Grand-Slam-Titel ihrer Karriere gewonnen und sprach über das hochklassige Endspiel, immer noch von Freudentränen überkommen: "Ich habe einfach versucht, mich auf die einzelnen Punkte zu konzentrieren und die Atmosphäre dieses unglaublichen Stadions zu genießen", sagte Kerber.

Dass die Qualität des Endspiels fortwährend hoch blieb, lag auch an Kerbers Gegnerin. Das Tennis von Plísková hört sich nicht nach Arbeit an. Es sieht auch nicht so aus. Die 24-Jährige nutzt keinen enormen Armschwung, um Kraft zu erzeugen. Sie trifft den Ball stattdessen genau auf dem Sweetspot, den zentimetergroßen Bereich des Rackets, der das Optimum an Geschwindigkeit aus dem Schlag herausholt.

Bei Plísková wirkt es daher, als wenn der Ball ganz kurz vor der Schlägerberührung stehen bleibt, nur um dann mit maximaler Schnelligkeit übers Netz gedrückt zu werden. Das wirkt oft atemberaubend und kühn, und es begeisterte das New Yorker Publikum.

Plísková: Begeisternd, aber nicht konstant genug

Aber das Spiel der Tschechin hat eine offensichtliche Schwäche, und die deckte Kerber ein ums andere Mal auf. Sie zwang Plísková, ihre Punkte mit viel Körpereinsatz zu erlaufen. Das forderte von der Gegnerin eine Konstanz, die sie nicht besaß.

Kerber musste sich oft strecken und hechten, wenn ein weiterer flacher Vorhandangriff an ihr vorbeizufliegen drohte. Aber sobald sie die Chance bekam, manipulierte sie die Ballwechsel zu ihren Gunsten. Kerber nutzte Winkel und tiefe Bälle, um Plísková den schnellen Angriff zu verwehren. Sie verpasste dem Ball genug Schnitt und spielte konzentriertes, athletisches und effizientes Tennis.

Vor allem machte Kerber allerdings, was sie seit Jahresbeginn so auszeichnet. Die Kielerin ließ nicht Gegnerin oder Schicksal entscheiden, sondern nahm das Match selbst in die Hand.

In der Pressekonferenz sprach Kerber noch mal über diesen Mentalitätswandel, der auch hinter ihrem spektakulären Gewinnschlag im dritten Satz steckte. Vor der Saison habe sie den Fokus darauf gelegt, ihre herausragende Defensive um den Mut zum Angriff zu ergänzen, berichtete Kerber und fügte an: "Im Training habe ich ja aggressiv gespielt. Aber die Herausforderung war es, genau das auch während des Matchs zu machen, positiv zu bleiben und mich nur auf den jetzigen Moment zu konzentrieren."

2011 dachte Kerber noch an Rücktritt

Häufig hat Kerber in letzter Zeit über den Sommer 2011 gesprochen. Damals dachte sie wegen enttäuschender Resultate über einen Rücktritt nach. Stattdessen arbeitete Kerber an ihrer Fitness und legte damit die Grundlage für ihre mittlerweile herausragende Defensivarbeit. Es folgte der völlig überraschende Einzug ins Halbfinale der US Open 2011 als Nummer 92 der Welt.

Viele dachten, dieser Erfolg werde ein singuläres Ereignis bleiben. Aber Kerber etablierte sich als Top-Ten-Spielerin. Zum Jahresanfang 2016 gewann sie dann die Australian Open. Zur Konstanz war die Exzellenz hinzugekommen. So hatte das Finale dann auch etwas von einer Parabel auf die vergangenen Monate und Jahre. Auch dieses Mal musste Kerber ihre eigene Passivität im zweiten Satz überwinden, um dank kontrollierter Offensive zu triumphieren.

Am Montag wird Kerber sich ihren "Kindheitstraum" erfüllen - dann wird sie offiziell als Nummer eins der Weltrangliste geführt werden. Es kann sein, dass sie vor dem Jahresende noch von Serena Williams an der Spitzenposition abgefangen wird. Die hat im Gegensatz zu Kerber keine Punkte im Herbst zu verteidigen.

Aber solche Feinheiten können Kerber jetzt erst einmal egal sein: "In Australien hat sich das alles noch etwas unwirklich angefühlt. Dieses Mal nicht. Daher kann ich jetzt einfach jeden einzelnen Moment genießen."

Kerbers Finaltriumph in Bildern:

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