US-Open-Überraschung Wozniacki "Die Beste der Welt? Das ist verrückt"

Caroline Wozniacki kämpft in der Nacht gegen Angelique Kerber um den US-Open-Finaleinzug. Einst war die Dänin die Nummer eins, dann fast verschwunden. In New York erlebt sie ein erstaunliches Comeback.

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"Hart arbeiten." Fast jede Antwort, die Caroline Wozniacki in der Pressekonferenz nach ihrem souveränen Viertelfinalerfolg (6:0, 6:2) über die Lettin Anastasia Sewastowa gibt, enthält an irgendeiner Stelle diese beiden Wörter. Fragen zum nächsten Match, dem Halbfinale gegen Angelique Kerber (2.30 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE)? Abgeblockt. Zu den vergangenen, sportlich eher durchwachsenen Jahren? Kein Thema mehr. "Hart arbeiten, mein bestes Tennis spielen und ein bisschen Spaß haben." Mehr wolle sie nicht.

Demütig, seriös, fleißig - die Dänin gibt sich bei den US Open betont bescheiden. Für eine Spielerin, der zu Beginn ihrer Karriere alles mit spielerischer Leichtigkeit zu gelingen schien, ein bemerkenswerter Wandel. 2009 erreichte die damals gerade 19-jährige Wozniacki erstmalig das Finale der US Open, gut ein Jahr später war sie die Nummer eins der Welt. Insgesamt 67 Wochen, mit einer kurzen Unterbrechung, hielt sie die Spitzenposition.

Von der Nummer 1 zur Nummer 74

Sieben Jahre und etliche Verletzungen später reiste Wozniacki vor knapp zwei Wochen nur noch als Nummer 74 der Tennis-Welt nach New York. Von einer Anreise zu sprechen, ist dabei sogar etwas übertrieben: Der Weg von Manhattan hinaus nach Queens ist für die Wahl-New-Yorkerin nicht besonders weit. "Vielleicht ist das ein kleiner Vorteil für mich. Ich schlafe in meinem eigenen Bett, habe selbstgemachtes Essen, Freunde und Familie sind da." 2014 war ihr ebenfalls bei den US Open letztmalig der Einzug in ein Grand-Slam-Finale gelungen, das sie aber deutlich in zwei Sätzen gegen Serena Williams verlor.

Das Jahr 2014 beendete Wozniacki noch in den Top Ten, insgesamt sorgte die Blondine mit den polnischen Wurzeln in den vergangenen Jahren aber vor allem abseits der Tennisplätze für Schlagzeilen. Durch ihre Teilnahme am New-York-City-Marathon, den sie in 3:26 Stunden absolvierte. Durch ihre dreijährige Beziehung mit dem nordirischen Profigolfer Rory McIlroy, die im Sommer 2014 nach spektakulär per Twitter annoncierter Verlobung ähnlich laut mit dem Rückzieher McIlroys ("The problem is mine") endete. Und natürlich durch Coverfotos für die "Sports Illustrated".

Sportlich ging es parallel immer weiter nach unten. Auch das laufende Tennisjahr gab vor den US Open kaum Anlass, auf ein Comeback der inzwischen 26-Jährigen zu wetten: Erstrunden-Aus in Melbourne, Paris verletzt abgesagt, Erstrunden-Aus in Wimbledon. Völlig überraschend hat Wozniacki nun die große Chance, zum dritten Mal das Finale in Flushing Meadows zu erreichen.

Dass ihre deutsche Gegnerin die Chance hat, selbst erstmals die Nummer eins der Welt zu werden, beunruhigt Wozniacki ein wenig. Zudem sagt sie, "das ist schon etwas sehr Besonderes. Ich meine, wie verrückt ist es, zu sagen, dass du in irgendetwas die Beste der Welt bist?" Und auf einmal flammt er bei all der selbstverordneten Demut wieder auf: dieser unbändige Ehrgeiz der Caroline Wozniacki. "Das ist der Grund, warum ich mir immer sage, die Weltranglistenposition sei nur eine Nummer. Weil eben aktuell nicht ich die Nummer eins bin."

Caroline Wozniacki oder Angelique Kerber? Der direkte Vergleich ist fast ausgeglichen: Von den bisherigen zwölf Duellen gingen sieben an die Deutsche. Beide beherrschen das geduldige, kraftvolle Spiel von der Grundlinie. Wer auch immer in der Nacht von Donnerstag auf Freitag das Finale erreicht, es dürfte ein hartes Stück Arbeit werden.

Wozniacki könnte schließlich auch den kleinen Makel tilgen, der ihr trotz der knapp 16 Monate an der Weltranglistenspitze noch immer anhaftet: zwar insgesamt 26 WTA-Finals, nie aber ein Grand-Slam-Turnier gewonnen zu haben. Das zumindest hat ihr die aktuelle Weltranglistenzweite Kerber seit den Australian Open voraus.



insgesamt 6 Beiträge
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shoper34 08.09.2016
1. Noch ist Polen nicht verloren
Die beiden Damen können sich ja sehr gut auf Polnisch unterhalten, machen ja auch öfter zusammen Urlaub und trainieren gemeinsam in Kerbers Tennis-Center daheim in Polen.
Karbonator 08.09.2016
2.
Zitat von shoper34Die beiden Damen können sich ja sehr gut auf Polnisch unterhalten, machen ja auch öfter zusammen Urlaub und trainieren gemeinsam in Kerbers Tennis-Center daheim in Polen.
Und was will uns das jetzt sagen?
Endlager 08.09.2016
3. Deutschlands beste Tennisspielerin
Zitat von shoper34Die beiden Damen können sich ja sehr gut auf Polnisch unterhalten, machen ja auch öfter zusammen Urlaub und trainieren gemeinsam in Kerbers Tennis-Center daheim in Polen.
Angelique Kerber clarifies: "But I am German. I play for Germany, I grew up in Germany, and my heart beats for Germany..." http://www.tennis.com/pro-game/2016/02/kerber-clarifies-despite-strong-polish-connection-she-considers-himself-german/57527/
henry kaspar 09.09.2016
4. Wozniacki war nie wirklich die #1
.... dafuer hat sie bei den grossen Turnieren zu wenig gerissen (u.a. nie auch nur einen Slam gewonnen). Das Ranking kam nur zustande durch Quirks im WTA-Rankingsystem, und durch die Tatsache dass Serena Williams, Venus Williams, Kim Clijsters und/oder Maria Sharapova verletzt waren, nicht oder nur unregelmaessig oder weit unter Normalform spielten. Alle die waren jedoch stets bessere Tennisspielerinnen als Wozniacki mit ihrem mechanischen Sicherheitstennis. Bei Kerber ist das anders. Sollte sie dieses Jahr den zweiten Grand Slam Titel holen, hat sie sich das #1 Ranking mit Fug und Recht verdient. Allerdings wird da Serena Williams wohl im Weg stehen. Wenn sie gut drauf ist, ist sie nach wie vor praktisch unschlagbar.
nofreemen 09.09.2016
5. Wundertüte Damentennis
Im Damentennis ist von der 1 bis zur Position 100 alles möglich. Das macht es auch sehr speziell.
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