Tennishoffnung Shapovalov bei den US Open Kanada schon mithalten?

Dem Tennis fehlt es an Typen? Wohl kaum. Denis Shapovalov fühlt sich in den großen Stadien in der Außenseiterrolle wohl. Der 18-jährige Kanadier könnte bei den US Open mit etwas Glück sogar schon um den Titel mitspielen.

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Ein Sprichwort lautet: "Man sieht sich immer zweimal im Leben." Auch Rafael Nadal musste das im vergangenen Monat schmerzhaft erfahren. Der Spanier, der erst kürzlich wieder an die Weltranglistenspitze zurückgekehrt ist, traf im Achtelfinale des ATP-Masters in Montreal auf einen gewissen Denis Shapovalov. Denis wer? Ein 18-jähriger Kanadier, dessen Name vielen Tennis-Fans bis zum 11. Juli weitestgehend verborgen geblieben war.

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Denis Shapovalov: Er besiegt die Gegner mit links

Doch an diesem Tag spielte der Außenseiter vor heimischer Kulisse groß auf - und nicht nur das: Er bezwang den Top-Favoriten und 15-maligen Grand-Slam-Sieger nach einem harten Kampf 3:6, 6:4, 7:6. Nach dem verwandelten Matchball sank er zu Boden und küsste den blauen Untergrund des ausverkauften Center Courts. Womöglich hat Shapovalov in diesem Moment auch an einen Sommertag im Jahr 2008 zurückgedacht. Im Alter von acht Jahren durfte er vor einem Match von Nadal in Toronto mit seinem Idol für ein Foto posieren - der Spanier schüttelte dem kleinen Shapovalov die Hand, ohne zu ahnen, dass er bald zu seinen Konkurrenten auf der Tour gehören würde.

Dass dieser Sensationserfolg gegen den amtierenden French-Open-Sieger kein Zufall war, hatte Shapovalov schon mehrfach unter Beweis gestellt. In diesem Jahr hat er neben Nadal auch schon Juan Martín del Potro bezwungen. In der zweiten Runde der US Open ließ er dem an Nummer acht gesetzten Jo-Wilfried Tsonga keine Chance. Auch Tomas Berdych, ein ehemaliger Wimbledon-Finalist und langjähriger Top-Ten-Spieler, entging im Juni nur knapp einer Niederlage.

Großartige Technik, exzellentes Winkelspiel

Shapovalov hat sich in der Weltrangliste mittlerweile auf Rang 69 vorgearbeitet. Sollte er seine Drittrunden-Partie bei den US Open gegen den Briten Kyle Edmund (19 Uhr MEZ) gewinnen, würde er erstmals an die Top 50 rücken. Die großen Erfolge des 18-Jährigen, der in Tel Aviv geboren und von seinen russischstämmigen Eltern in Kanada großgezogen wurde, kommen allerdings wenig überraschend.

Schon in jungen Jahren deutete er sein großes Potenzial an. Auf der Junioren-Tour zog er im vergangenen Jahr ins French-Open-Halbfinale ein, einen Monat später gewann Shapovalov Wimbledon. Zu seinen Stärken gehört vor allem ein exzellentes Winkelspiel. Dank einer technisch bereits sehr ausgereiften einhändigen Rückhand ist er aus fast jeder Position des Platzes in der Lage, die Angriffe seiner Gegner zu kontern. Zudem ist der Linkshänder leichtfüßiger als viele andere Spieler in seinem Alter.

In kritischen Momenten profitiert Shapovalov zudem von seiner herausragenden Technik. Ein Beispiel gefällig? Bei seinem Heimturnier in Toronto vor einem Jahr spielte ihm Grigor Dimitrow den Ball unangenehm vor die Füße. Der Kanadier musste schnell handeln und entschied sich, den Ball per "Tweener", einem anspruchsvollen Schlag durch die Beine, zurückzubringen. Daraufhin griff der Bulgare auf Shapovalovs Vorhandseite an, doch der antwortete mit einem gefühlvollen Passierschlag.

Shapovalov liebt es, seine Emotionen offen zur Schau zu stellen. Nach spektakulären Punktgewinnen versucht er, die Zuschauer auf seine Seite zu ziehen. Doch seine Gefühlsausbrüche auf dem Platz führen mitunter zu unkontrollierten Aktionen. Im Davis-Cup-Spiel gegen Großbritannien vor fünf Monaten wollte Shapovalov den Ball nach einem leichten Fehler aus Frust auf die Zuschauerränge schießen. Bei dem Versuch traf er den Schiedsrichter mit voller Wucht am Kopf. Der Treffer, der glücklicherweise ohne schlimme Folgen blieb, zog eine Disqualifikation nach sich.

Kanada wünscht sich den ersten Grand-Slam-Sieger

Shapovalov ist der erste 18-Jährige seit Nadal, der den großen Spielern konstant Paroli bieten kann. Genau wie dem Spanier vor zwölf Jahren kommt es Shapovalov entgegen, auf großen Plätzen vor möglichst vielen Zuschauern zu spielen. Angst und Nervosität prallen an dem Mann mit den langen blonden Haaren bislang noch ab. In Kanada ist der Hype um seine Person riesig. Auch, weil sich das flächenmäßig zweitgrößte Land der Erde mit seinen 36 Millionen Einwohnern endlich einen Grand-Slam-Sieger wünscht.

Nachdem Eugenie Bouchard ihr Finale in Wimbledon 2014 deutlich verloren hatte, unterlag auch Milos Raonic 2016 im Endspiel an der Church Road. Ein Erfolg bei einem Major würde der Sportart, die in Kanada mittlerweile ohnehin zu den beliebtesten zählt, einen zusätzlichen Schub verleihen. Zwar käme ein Grand-Slam-Erfolg für Shapovalov noch etwas früh, die Voraussetzungen sind aber gegeben. In seinem Tableau befinden sich Spieler, die allesamt schlagbar sind. Lediglich in eine mögliche Partie mit Marin Cilic würde Shapovalov als Außenseiter gehen.

Sollte der 18-Jährige bei den US Open tatsächlich bis ins Finale vorrücken, könnte es erneut zu einem Duell mit Nadal kommen. Gegen einen Top-Star im Arthur-Ashe-Stadium, der größten Tennisanlage der Welt? Eine schönere Bühne für den ersten Titel könnte es für Shapovalov wohl nicht geben.



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