Tennisturnier US Open Babyboom in Flushing Meadows

Verletzte Top-Stars, überraschende Niederlagen - bei den US Open gehört plötzlich einigen Youngsters die ganz große Tennisbühne. Und natürlich dem Baby einer Abwesenden.

Denis Shapovalov, 18 Jahre, kanadische Tennishoffnung
AFP

Denis Shapovalov, 18 Jahre, kanadische Tennishoffnung

Von , New York


Venus Williams ist genervt. Gerade hat sie es ins Achtelfinale geschafft, indem sie die 15 Jahre jüngere Griechin Maria Sakkari in zwei Sätzen abservierte. Doch die Leute wollen nur über ihre Schwester Serena reden.

Denn Serena Williams - die diesmal nicht bei den US Open spielt - hat eben ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Venus wird darauf angesprochen, noch bevor sie den Court erreicht: "Superbegeistert", murmelt sie unverbindlich.

Und auch nachher ist das fast alles, was die Reporter von ihr wissen wollen. Wie hat sie von der Geburt erfahren? Was hat Serena gesagt? Wie geht es dem Baby? Wird es eine doppelhändige Rückhand haben wie die Mutter?

Venus Williams rollt die Augen. "Ich stehe gerne zur Verfügung, Fragen über Tennis zu beantworten", sagt sie. "Das ist alles."

Ein kurzer Moment nur in den fensterlosen Katakomben des Arthur-Ashe-Stadiums, doch er ist bezeichnend für die diesjährigen US Open in New York: Das Gespräch beim vierten und letzten Grand-Slam-Turnier der Saison dreht sich diesmal oft mehr um die Namen, die hier fehlen, als um die, die da sind.

Stars fehlen, und manche Fans klagen

Wer fehlt? Fast alle Stars - ein Schock für ein Turnier, das davon lebt. Serena Williams: Mutterschutz. Andy Murray, Novak Djokovic, Stan Wawrinka, Kei Nishikori: verletzt. Immerhin, Roger Federer und Rafael Nadal spielen, doch dank der Auslosung wird nur einer im Finale landen können, ihr Showdown findet also zwei Tage vorher statt, wenn überhaupt.

Hinzu kommt, dass das Louis-Armstrong-Stadium, das zweitgrößte und älteste des Billie-Jean-King-Tennis-Centers im New Yorker Stadtteil Queens, abgerissen wurde und das neue noch nicht fertig ist. "Die Spieler, die Umbauten, die Läden, alles ist schwieriger zu finden", klagt Nancy Albano, die mit ihrem Mann David zum neunten Mal hier ist. "Dieses Jahr bietet irgendwie weniger als sonst."

Auch viele der noch verbliebenen Favoriten fielen schon früh aus dem Rennen. Etwa Grigor Dimitrov und der Deutsche Alexander Zverev, der nach den Absagen kurz Titelchancen witterte. Die Top-Damen stolpern ebenso überraschend, ob die Weltranglistenzweite Simona Halep oder die an Fünf gesetzte Caroline Wozniacki - sowie bisher fast alle deutschen Tennis-Ladys außer Julia Görges.

Titelverteidigerin Kerber scheiterte bereits in Runde eins
DPA

Titelverteidigerin Kerber scheiterte bereits in Runde eins

Selbst Karolína Plískova, die Nummer eins auf der Welt, fühlt den Druck, als ihr die Amerikanerin Nicole Gibbs in einem dreieinhalbstündigen Marathon Paroli bietet: "Jedes Match muss ich gewinnen", stöhnt Plískova nach ihrem Schweißsieg.

Was nicht unbedingt von Nachteil ist. "Egal, wie viele US-Spieler dabei sind, wir lieben Tennis", sagt Miriam Torres, die mit ihrer Mutter Rosa und ihrer Nichte Yasmin mit der U-Bahn aus Manhattan gekommen ist. Vorhin haben sie die tschechische Wimbledonsiegerin Petra Kvitová gesehen, die die Französin Caroline Garcia schlug, jetzt freuen sie sich auf Maria Sharapova aus Russland, die hier aus dem Dopingexil wieder auferstanden ist. Die fegt, trotz der schwelenden Kontroversen und auch der Missgunst ihrer Rivalinnen, am Freitagabend die Amerikanerin Sofia Kenin 7:5 und 6:2 vom Platz.

Die meisten Fans lassen sich ihren Enthusiasmus kaum trüben, im Gegenteil: Der Eröffnungstag schlägt mit 61.839 Besuchern alle Rekorde. Allein zur Abendsession am Freitag drängen sich mehr als 20.000 im Arthur-Ashe-Stadium, dem Hauptstadion, von dessen Galerien man die Skyline Manhattans im Sonnenuntergang sieht.

Zeit für neue Helden

Der Absturz der vielen Lieblinge hat auch noch einen anderen Vorteil: Er macht die Bühne und den Court frei für Nachwuchsstars - und telegenes Drama.

Zum Beispiel der Kanadier Denis Shapovalov, 18 Jahre jung. Das neue Wunderkind des Tennis, das sie nicht nur wegen seiner Surfer-Mähne "Golden Boy" nennen, sichert sich am Freitag ernsthafte Aussichten auf den Titel, als er Großbritanniens beste Hoffnung Kyle Edmund schlägt. Schon vergleichen sie ihn mit Nadal.

Fotostrecke

10  Bilder
Denis Shapovalov: Er besiegt die Gegner mit links

Mit großer Gestik und ausladener Wucht betört Shapovalov die Menge. "Let's go, Denis!", skandieren sie, als sein Aufschlag mit mehr als 200 Stundenkilometern übers Netz zischt. Sein Spiel ist muskulös, aber noch undiszipliniert, er schwächelt, macht immer wieder leichtsinnige Fehler. Doch die Show fasziniert, und die Fotografen richten die Linsen nur auf ihn.

"Denis ist unser Darling", sagt Greg Hacker, der mit seiner Ehefrau Jeanette eigens aus Toronto angereist ist, es sind ihre allerersten US Open.

Es hilft Shapovalov, dass Gegner Edmund, 22, sich im dritten Satz am Rücken verletzt. Er kann das Racket danach kaum noch schwingen und sinkt nach seiner Niederlage heulend in den Stuhl. "Eine schreckliche Art, auszuscheiden", klagt Edmund. "Wir lieben dich!", rufen ihm die Fans hinterher.

David und Nancy Albano (l.) und Greg und Jeanette Hacker, Fans auf der Tennisanlage in New York
Darren Anthony

David und Nancy Albano (l.) und Greg und Jeanette Hacker, Fans auf der Tennisanlage in New York

Shapovalov scheint selbst etwas baff. "Das habe ich nicht erwartet", sagt er später über seine ersten drei Runden hier. All die Absagen und Ausfälle würden jüngeren Spielern wie ihm helfen: "Wir zeigen definitiv Wirkung." Ob er das bereits verarbeitet habe? "Alles geht so schnell…, was war die Frage?"

Shapovalov und Edmund wärmen buchstäblich das Stadion auf für Sakkari und Williams. Williams, mit 37 zwei Jahre älter als ihre abwesende, erfolgreichere Schwester, will es in New York noch einmal wissen. Der Druck ist ihr anzusehen. Mürrisch tritt sie auf den Court, und erst eineinviertel Stunden später, nach ihrem Sieg, löst sie sich und dreht eine Pirouette vor den Fans.

Trotzdem reden alle nur von Serena und dem Baby. "Ich freue mich so für sie", sagt Tennislegende Chris Evert, die die US Open sechsmal gewann und jetzt hier als Kommentatorin für den US-Sportsender ESPN unterwegs ist. "Glückwunsch!", twittert auch die Social-Media-Abteilung der Open sofort.

Und keine Sorge, so ist zu hören: Nächstes Jahr werde Serena auch in New York wieder antreten.

insgesamt 1 Beitrag
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
davidfrost 02.09.2017
1.
Caroline Garcia ist Französin.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.