US-Schwimmer Phelps Der Goldfisch

Enorme Spannweite, mächtiger Oberkörper, schmale Hüften: Michael Phelps hat den perfekten Schwimmer-Körper. In Peking kann der US-Amerikaner zum erfolgreichsten Athleten der olympischen Geschichte aufsteigen - hartnäckigen Dopinggerüchten wird er jedoch nie entkommen.

Aus Peking berichtet


Etwas männlicher als früher wirkt Michael Phelps. Er hat sich ein Bärtchen wachsen lassen. Wenn er sich in den kommenden Tagen ums Kinn herum rasieren würde, bliebe ein Schnauzer übrig. Der Schnauzer, den alle Schwimmer kennen: Mark Spitz war derartig geschmückt im Spätsommer des Jahres 1972, als er bei den Olympischen Spielen in München in sieben Wettbewerben siebenmal gewann. Das ist bis heute olympischer Rekord.

Michael Phelps verpasste diese Marke vor vier Jahren in Athen nur knapp, als er sechs Gold- und zwei Bronzemedaillen holte. Phelps kann auch im Water Cube von Peking, wo am Sonnabend die Schwimmwettbewerbe beginnen, den Rekord seines amerikanischen Landsmannes brechen. Doch selbst, wenn das nicht gelingen sollte, wird er der Held dieser Spiele werden. Phelps wird Spitz - Schnurrbart hin oder her - vergessen lassen. Denn er hat ein größeres Ziel, und dass er dieses erreichen wird, steht fast außer Zweifel. Michael Phelps, gerade 23 Jahre alt geworden, wird in Peking zum erfolgreichsten Olympiateilnehmer der Geschichte aufsteigen.

"Diese Hochrechnungen sind eure Sache", sagte Phelps am Mittwoch in Peking den Journalisten, die den größten Saal des Pressezentrums füllten. "Ich habe meine eigenen Ziele, die will ich erreichen." Er kokettiert. Wie immer bleibt er im Vagen und macht es jenen, die hochrechnen und seine Leistungen bestaunen, doch stets so leicht: Auf welcher Strecke er auch antritt, stets ist der Weltrekord das Ziel. Immer eine neue Bestzeit. Wenn er das schafft, klappt es mit den Olympiasiegen. Dann gibt es vielleicht eine Million Dollar Prämie von einem Sponsor.

Wechselfehler des Intimfeindes

Mit neun Olympiasiegen führen Spitz, die russische Turnerin Larissa Latynina und die Leichtathleten Paavo Nurmi (Finnland) und Carl Lewis (USA) die ewige Hitliste an. Feinschmecker der olympischen Statistik führen allerdings das amerikanische Sprungwunder Raymond Ewry als Spitzenreiter. Ewry gewann zwischen 1900 und 1912 zehn Goldmedaillen bei den nur damals ausgetragenen Wettbewerben im Standhochsprung, Standweitsprung und Standdreisprung. Zweimal davon aber siegte er bei den sogenannten Zwischenspielen 1906 in Athen, die zwar von Historikern anerkannt werden, nicht aber vom IOC.

Dieser Ausflug in die olympische Geschichte empfiehlt sich, bevor Michael Phelps, der siebzehnmalige Weltmeister und 22-fache Weltrekordler, am Sonnabend über 400 Meter Lagen zum ersten Mal ins Wasser hechtet. Er hält auf dieser Strecke den Weltrekord, wie auch über 200 Meter Lagen, 200 Meter Schmetterling und 200 Meter Rücken. Außerdem ist er Favorit über 200 Meter Freistil und schwimmt alle drei Staffeln.

Dieses Programm testete er bereits bei der Weltmeisterschaft 2007 in Melbourne mit herausragendem Erfolg: Er gewann sieben Mal, verpasste nur den Titel mit der US-Lagenstaffel. Ausgerechnet sein Intimfeind Ian Crocker, Weltrekordler über 100 Meter Schmetterling, machte einen Wechselfehler, weshalb die Amerikaner disqualifiziert wurden. Crocker hatte Phelps schon 2004 in Athen mit einer bescheidenen Leistung in der kurzen Freistilstaffel (4 x 100 Meter) den siebten Olympiasieg vermasselt. Das Verhältnis der beiden gilt als angespannt, was Phelps natürlich bestreitet.

Michael Phelps ist ein um Harmonie bemühter Zeitgenosse. Die 17-jährige Katie Hoff, die in Peking sieben Mal gewinnen will, nennt er "meine kleine Schwester". Mit Katie Hoff hat er einst in Baltimore trainiert. Inzwischen lebt und schwimmt er in Ann Arbor (Michigan). Dara Torres bezeichnet Phelps in Peking als "meine Mama". Torres grinst und lässt sich das gefallen. Sie könnte tatsächlich seine Mutter sein: Als sie 1984 in Los Angeles das erste Olympiagold gewann, war Phelps noch nicht geboren.

Phelps hat den idealen Schwimmkörper: Enorme Spannweite, mächtiger Oberkörper, schmale Hüften und einen extrem langen Torso. Natürlich hat er gemeinsam mit seinem Trainer Bob Bowman den vieldiskutierten Speedo-Schwimmanzug LZR Racer mit entwickelt, mit dem fast alle Weltrekorde dieses Jahres erzielt wurden. Phelps war die Testperson.

Der 58 Jahre alte Bowman pflegt ein Ritual mit seinem Wunderschwimmer: Der Coach schreibt Phelps zu Beginn einer Olympiasaison Zahlen auf ein Zettelchen. Beim Höhepunkt wird dann verglichen. Phelps ist meistens schneller, als es sein Trainer verlangt und vermutet. Phelps ist einer derjenigen, die scheinbar keine Grenzen kennen.

"Ich mag nicht mehr darüber reden"

Das macht ihn natürlich suspekt, damit muss er leben. Einige Eigenschaften seines Körpers korrespondieren mit jenen Äußerlichkeiten, die sich durch den Gebrauch von Dopingmitteln, etwa Wachstumshormonen, entwickeln. Phelps und seine Crew verweisen stets darauf, dass er zu den am meisten kontrollierten Schwimmern gehöre.

Es heißt, er habe sich freiwillig einem Programm der amerikanischen Antidopingagentur Usada angeschlossen, das "Project Believe" genannt wird. Das vorerst limitierte Projekt soll den Glauben an das Gute im Sport zurückbringen – so formulieren es die Amerikaner. Die USADA hat zwölf Olympia-Stars für zusätzliche Dopingtests und die Erstellung von Blut- und DNA-Profilen verpflichtet.

Zu diesem "un-dirty dozen", wie der "San Francisco Chronicle" titelte, gehören neben Michael Phelps die Schwimmerinnen Nathalie Caughlin und Dara Torres, die Leichtathleten Tyson Gay, Bryan Clay, Allyson Felix, Lauryn Williams und Dee Dee Trotter, die Radfahrer Kristin Armstrong, Sarah Hammer, Christine Thorburn und Jeremiah Bishop.

Michael Phelps sagt, mehr könne er nicht tun, um Zweifel an seinen Leistungen zu zerstreuen. Er bleibt ganz cool, wie immer. Dara Torres wirkt dagegen leicht genervt. "Ich musste solche Fragen mindestens schon tausend Mal beantworten", sagt sie. "Die Usada nimmt Blut- und Urinproben von mir, sie erstellen Profile und frieren die Proben für spätere Tests ein. Ich mag eigentlich nicht mehr darüber reden." Das muss sie aber, denn derlei Fragen gehören in Peking zu den Topthemen. Es sind die Fragen hinter den Medaillen und Rekorden.



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