US Trials Demütigung für Jones und Montgomery

Einst waren sie das Traumpaar der US-Leichtathletik und eine sichere Bank für Rekorde und Medaillen. Doch im Zuge der Balco-Dopingaffäre büßten die beiden Sprintstars ein Tempo ein. Sowohl Marion Jones als auch Tim Montgomery scheiterten bei der Olympia-Qualifikation für Athen geradezu kläglich.


Geschlagene Marion Jones: Erleichterung beim Verband
DPA

Geschlagene Marion Jones: Erleichterung beim Verband

Sacramento - Während Maurice Greene mit erhobener Faust und herausgestreckter Zunge durchs Ziel sprintete, starrte 100-Meter-Weltrekordler Tim Montgomery noch Minuten später ungläubig auf die Anzeigetafel, die für ihn nur die siebtbeste Zeit zeigte. Damit folgte der unter Dopingverdacht stehende 29-Jährige seiner Lebensgefährtin Marion Jones ins olympische Abseits. Jones hatte bereits am Samstag als Fünfte über 100 Meter das Olympiaticket verpasst und sich danach klammheimlich der wartenden Presse entzogen. Jones hofft noch, sich über 200 Meter und den Weitsprungwettbewerb für Athen zu qualifizieren.

Flucht vor der Presse

Auch Montgomery zog es vor, nach dem schnellsten 100-Meter-Lauf der US-Geschichte - sogar der Viertplatzierte Coby Miller blieb mit 9,99 Sekunden wie auch Sieger Greene (9,91), der Zweitplazierte Justin Gatlin (9,92), Shaun Crawford (9,93) unter der magischen 10-Sekunden-Marke - bohrenden Fragestellern aus dem Weg zu gehen. Zu enttäuschend war sein Ergebnis von 10,13 Sekunden. Doch allzu weit kam Montgomery bei seinem Fluchtversuch vor der Presse nicht. Einen halben Kilometer weit folgten ihm dutzende Journalisten, denen er jedoch nur zukeifte: "Ich habe nicht gewonnen, weil ihr mir alle im Rücken sitzt. Ich habe jeden Tag mit euch zu tun." Freundlicher reagierte er erst, als eine Frau ihm zurief: "Tim, du bist der Größte", woraufhin er ihr mit den Worten dankte: "Ich werde es dir zeigen. Das war nicht mein letztes Rennen."

Möglicherweise irrt Montgomery, denn dem Staffel-Olympiasieger droht wie den Sprintern Chryste Gaines, Alvin Harrison und Michelle Collins eine lebenslange Sperre, obwohl von ihnen keine positive Dopingproben vorliegen. Collins sagte ihre Teilnahme in Sacramento kurzfristig wegen einer Verletzung ab.

Über die Fälle Montgomery und Gaines, die bereits im Halbfinale über 100 Meter sang- und klaglos ausschied, wird demnächst der Internationale Sportgerichtshof (CAS) entscheiden. Collins und Harrison, der wie sein unter Dopingverdacht stehender Bruder Alvin und der frühere Dopingsünder Jerome Young über 400 Meter ins Halbfinale einzog, haben sich dagegen an Schiedsgerichte in den USA gewandt.

Erleichterung beim Verband

Im Lager des nationalen Leichtathletik-Verbandes USATF wurde das Scheitern Montgomerys mit einer Spur Erleichterung zur Kenntnis genommen. Im Falle der Olympia-Qualifikation hätte den Amerikanern das peinliche Szenario gedroht, ihrem unter Dopingverdacht stehenden Star eventuell kurz vor Beginn der Spiele die Starterlaubnis verweigern zu müssen.

US-Sprinter Gatlin, Montgomery: "Ihr sitzt mir im Rücken"
AP

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Montgomery und das Thema Doping wurden bei der anschließenden Pressekonferenz einmal mehr zu Tabus erklärt. "Wir wollen über die schönen Dinge, über das Positive reden", schwang sich Greene zum Sprachrohr der drei farbigen Muskelpakete auf und lenkte plaudernd vom Thema ab: "Zwei Jahre hatte ich eine schlechte Zeit. Die Leute hatten mich schon abgeschrieben. Doch mich hat das nicht verrückt gemacht. Ich wusste, ich komme zurück. Was kann ich sonst über mich sagen? Wenn ich in Athen gewinne, bin ich definitiv der größte Sprinter aller Zeiten", tönte der knapp 30-Jährige aus Kansas.

Immerhin blieb den Zuschauern in Sacramento Greenes berüchtigte "Feuer-Show" erspart. Vor wenigen Wochen hatte Greene nach einem Sieg hinter der Ziellinie seine Schuhe ausgezogen, sie auf die Tartanbahn genagelt und unter den Worten, sie seien zu "heiß", mit einem Feuerlöscher behandelt.



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