US-Trials Sprintduell endete im Rollstuhl

Der 200-Meter-Sprint der Herren sollte der Höhepunkt der amerikanischen Olympiaqualifikation werden. Doch sowohl Michael Johnson als auch Maurice Greene kamen nur wenige Meter weit.


Michael Johnson: Zusammenbruch nach 80 Metern
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Michael Johnson: Zusammenbruch nach 80 Metern

Sacramento - Die Jubelstürme auf den Rängen verstummten abrupt und mündeten in lähmendem Entsetzen - die US-Leichtathletik erlebte am Schlusstag der Olympia-Trials in Sacramento einen Schock. In dem mit Spannung erwarteten und von verbalem Getöse im Vorfeld begleiteten 200-Meter-Showdown zweier Giganten der Laufbahn mussten Weltrekordler Michael Johnson und Weltmeister Maurice Greene das Finale mit Muskelverletzungen jeweils im linken Oberschenkel vorzeitig abbrechen.

Während Greene wenige Minuten nach dem Rennen das Stadion humpelnd verlassen konnte, wurde Johnson mit dem Rollstuhl von der Tartanbahn gefahren. Ob er in Sydney zumindest seinen Titel über 400 Meter verteidigen kann, soll sich erst nach ärztlichen Untersuchungen in dieser Woche entscheiden. "Es ist zu früh, um bezüglich Olympia zu spekulieren. Ich werde mich jetzt eingehend untersuchen lassen", sagte Johnson, der nach "den schlimmsten Schmerzen meines Lebens" auf eine schnelle Heilung hofft.

Im Schatten des Schockerlebnisses blieben eine Reihe von Weltklasseleistungen beinahe unbeachtet. Marion Jones sprintete über 200 Meter in Weltjahresbestzeit von 21,94 Sekunden über die Ziellinie und unterstrich eindrucksvoll die Seriosität ihres Traumes vom fünffachen Gold in Down Under. Gail Devers rehabilitierte sich über 100 Meter Hürden mit dem amerikanischen Rekord von 12,33 Sekunden für ihr Ausscheiden im 100 Meter-Sprint, Stacy Dragila verbesserte im Stabhochspringen mit 4,63 Meter gar ihren eigenen Weltrekord um einen Zentimeter. Im Herrenlager setzte sich Allen Johnson über 110 Meter Hürden mit 12,97 Sekunden an die Spitze der diesjährigen Wertung und gilt in Sydney als Favorit auf die Titelverteidigung.

Die Schlagzeilen des Tages aber gehörten dem Drama um die verletzten Superstars, das sich bereits im Halbfinale angedeutet hatte. Gleich nach seinem zweiten Platz lief Johnson quasi von der Ziellinie aus ins medizinische Zelt, um sich dort einen dicken Beutel Eis auf seine am Samstag beim Vorlauf erlittene leichte Zerrung packen zu lassen. "Wenn Michael nicht fit ist, sollte er nicht laufen. Die Olympiateilnahme ist zu wertvoll", hatte sein Coach Clyde Hart gewarnt, doch die Verlockung der Wiederholung des Doppelerfolges von Atlanta (200 und 400 Meter) trieb seinen Schützling 90 Minuten später offenbar ins Verderben.

Fast vorsichtig löste sich der Texaner aus dem Startblock, hielt bis zur Mitte der Kurve noch Kontakt zum Feld. Doch nach 70 Metern riss er mit verzerrtem Blick den linken Oberschenkel hoch, taumelte ein paar Meter, bevor er sich auf die Bahn fallen ließ und dort vor Schmerzen zuckend ein bizarres Bild abgab. "Ich schaute zur Anzeigetafel und sah ihn auf dem Boden liegend. Es war schrecklich", schüttelte der in der Leichtathletikszene nahezu unbekannte John Capel fassungslos den Kopf, dem sein Status als Überraschungssieger des Rennens (19,85 Sek.) beinahe peinlich erschien. Johnson wurde anschließend mit einem Rollstuhl von der Bahn gefahren.

Während sich Johnsons Drama zumindest im Vorfeld angedeutet hatte, kam die Verletzung für Greene wie ein Blitz aus heiterem Himmel. "Bis zum Ausgang der Kurve bin ich gut gelaufen, doch plötzlich spürte ich einen stechenden Schmerz. In solch einem Moment muss man auf seinen Körper hören. Ich konnte das Rennen einfach nicht beenden, hoffe aber, dass es nur eine Zerrung ist und ich in drei Wochen wieder fit bin", sagte Greene, dem zumindest seine am vergangenen Wochenende erzielte Qualifikation über 100 Meter als Trost blieb.

Untröstlich waren dagegen die Kommentatoren des US-Senders NBC, der das Duell der ungleichen Sprinter seit Tagen mit Zitaten von deren zahlreichen Rededuellen angeheizt hatte. Als sich der Sender mit den Bildern der beiden nur wenige Meter voneinander entfernt krümmenden Athleten verabschiedete, zog der als TV-Kommentator agierende ehemalige Hochspringer Dwight Stones das traurige, aber passende Fazit: "Ladies and Gentlemen, die amerikanische Leichtathletik ist am Boden."

Selbst Marion Jones unterbrach angesichts der schockierenden Ereignisse ihre Ehrenrunde und erwies den beiden Pechvögeln ihr Mitgefühl. "Ich habe letztes Jahr in Sevilla Ähnliches erlebt. So etwas gönne ich keinem Athleten." Ihre bei den Trials erzielten Siege über 100 und 200 Meter sowie im Weitsprung kommentierte sie mit einem tiefen Stoßseufzer. "Ich bin heilfroh, dass ich diese Woche gesund überstanden habe und die Qualis im Sack sind. Ab morgen beginnt die Vorbereitung auf Olympia."



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