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11. Oktober 2012, 10:13 Uhr

Doping im Radsport

Armstrongs Komplizen packen aus

Das berüchtigte Schweigekartell im Radsport ist aufgebrochen. Erst veröffentlicht die US-Anti-Doping-Agentur Usada einen brisanten Bericht, jetzt gestehen ehemalige Teamkollegen von Lance Armstrong: Sie haben systematisch gedopt. Der Amerikaner reagiert per Twitter abgebrüht.

Hamburg - "Was mache ich heute Abend? Ich verbringe Zeit mit meiner Familie, ungerührt." Die Twitter-Nachricht von Lance Armstrong ist kurz und knapp - sagt aber viel über den früheren Top-Star des Radsports aus. Die US-Anti-Doping-Agentur Usada bezeichnet in ihrem soeben veröffentlichten, umfangreichen Bericht die Dopingpraktiken Armstrongs als das "höchstentwickelte, professionellste und erfolgreichste Dopingprogramm, das die Sportwelt jemals gesehen hat" - damit ist der siebenmalige Tour-de-France-Sieger endgültig als einer der größten Betrüger der Sportgeschichte entlarvt. Und was macht Armstrong? Er bleibt seiner Linie treu: Was über mich gesagt und geschrieben wird, interessiert mich nicht, weil es ja eh nicht stimmt.

Früher war das ein probates Mittel, schließlich funktionierte im Radsport das System der Omertà, der "Schweigepflicht" der Radprofis: Niemand sprach über die offenkundig weitverbreiteten Dopingpraktiken, niemand belastete einen anderen Fahrer.

Damit ist jetzt Schluss. Mit Veröffentlichung des Usada-Berichts haben mehrere ehemalige Kollegen Armstrongs, die auch Zeugen der Usada sind, ausgepackt und Doping gestanden.

Neben den drei Genannten gaben auch David Zabriskie, George Hincapie und Floyd Landis den Gebrauch von Doping zu und belasten Armstrong schwer. Sie alle sind unter den 26 Zeugen, die in dem mehr als tausend Seiten umfassenden Usada-Bericht auftauchen und unter Eid aussagten. Zudem enthält das Dossier E-Mails, wissenschaftliche Daten, Labortests und Zahlungen, die Armstrong "den Besitz, den Gebrauch und die Weitergabe von leistungssteigernden Mitteln" nachweisen sollen.

Ihren Bericht übergab die Usada dem Radsport-Weltverband UCI, der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) und der World Triathlon Corporation (WTC). Zudem veröffentlichte sie die Akte auf ihrer Internetseite.

Ende August hatte die Usada Armstrong sämtliche Tour-de-France-Titel aberkannt und eine lebenslange Sperre gegen den 41-Jährigen ausgesprochen. Armstrong verzichtete anschließend darauf, sich in einem öffentlichen Gerichtsprozess gegen die Dopingvorwürfe zu verteidigen, was viele Beobachter als Schuldeingeständnis werteten.

Offiziell kann allerdings nur die UCI Armstrong die Tour-Titel aberkennen. Der Verband hat jetzt 21 Tage Zeit, um ein Urteil zu fällen. UCI-Präsident Pat McQuaid hat bereits angedeutet, dass man der Usada folgen wolle: "Solange die Dokumente keine erheblichen Mängel aufweisen, hat die UCI nicht die Absicht, vor den Internationalen Sportgerichtshof Cas zu ziehen. Wir brauchen aber Zeit zur Überprüfung."

ham/dpa

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