Doping-Ermittler Tygart Armstrongs Alptraum

Dopingvorwürfe gegen Lance Armstrong gab es seit Jahren. Jetzt bringt ihn die US-Anti-Doping-Agentur Usada zu Fall, sie will dem Amerikaner alle Titel bei der Tour de France nehmen. Es ist vor allem ein Triumph für Chef-Ermittler Travis Tygart, der sich von Armstrong nie einschüchtern ließ.

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Des einen Absturz ist des anderen Triumph. Da steht auf der einen Seite Lance Armstrong, ehemals gefeierter Radprofi, siebenmaliger Tour-de-France-Sieger und einst ein amerikanischer Held. Auf der anderen Seite findet sich ein Mann namens Travis Tygart, Geschäftsführer der US-Anti-Doping-Agentur Usada, der bislang kaum öffentlich in Erscheinung trat.

Jetzt tauschen sie die Rollen. Während das sportliche Vermächtnis Armstrongs mit dessen Verzicht auf einen Gerichtsprozess im Dopingverfahren mit der ermittelnden Agentur endgültig zerbröselt, feiert dessen Jäger Tygart den größten Erfolg in seinem Kampf gegen den Betrug im Leistungssport.

Mitte Juni eröffnete die Usada ein neues Dopingverfahren gegen Armstrong, es dauerte nur rund zwei Monate bis zur Kapitulation des 40-jährigen Ex-Radprofis. Ein Wimpernschlag verglichen mit der zuvor schier endlosen Debatte über den umstrittenen früheren Seriensieger. Seit Armstrongs erstem Erfolg bei der Tour de France 1999 hatte das Thema die Radsportszene beschäftigt.

Jetzt ist der Mythos Armstrong endgültig entglorifiziert. Seine Tour-Titel werden ihm mit hoher Wahrscheinlichkeit aberkannt, er soll lebenslang gesperrt werden.

Studierter Philosoph, verbissener Jäger

Die Vorwürfe der Usada stützen sich unter anderem auf neue positive Proben von der Tour de Suisse 2001 sowie Zeugenaussagen. Zwar soll ein New Yorker Richter das Anklagepapier der Usada laut "Frankfurter Rundschau" als "ungenügsam" bezeichnet haben. Armstrong nennt Tygarts Vorgehen eine "Hexenjagd". Dennoch reichte das alles aus, um den Seriensieger auf die Verliererstraße zu drängen.

Über Tygart, der in North Carolina Philosophie studierte, ist wenig bekannt. Wer sich auf die Suche nach ihm begibt, stößt zuerst auf Armstrong. Nachdem der am Donnerstagabend (Ortszeit) auf seiner Homepage angekündigt hatte, sich zu weigern "in einem einseitigen und unfairen Prozess mitzumachen", folgte das Statement der Usada. "Das ist ein trauriger Tag für alle, die den Sport und unsere Athleten lieben", ließ Tygart mitteilen. Der Fall sei ein Beispiel dafür, wie die Kultur des "Siegens um jeden Preis" einen sauberen und fairen Sport verhindere.

Ein trauriger Tag für den Sport, ein Triumph für den beharrlichen Tygart. Als sich der Radsport-Weltverband UCI - zuvor in Sachen Armstrong nahezu gänzlich untätig - im August plötzlich einmischte und den Fall übernehmen wollte, konterte der Usada-Chef den Versuch - und griff die Kollegen scharf an. "Die UCI und die Beteiligten der Verschwörung, die den Sport mit gefährlichen, leistungsfördernden Drogen betrogen haben, haben ein großes Interesse daran, das zu verschleiern", sagte Tygart, der nur zu gerne einen Showdown vor einem Schiedsgericht gehabt hätte. Mit Armstrong auf der Anklagebank.

"Extremes Vertrauen in die Beweise"

"Wir hätten dieses Verfahren nie eingeleitet, wenn wir nicht extremes Vertrauen in die Qualität der Beweise gehabt hätten", sagt Tygart, der die Usada seit 2007 leitet. Bei seinen Zeugen soll es sich nach Informationen der niederländischen Tageszeitung "De Telegraaf" um George Hincapie, David Zabriskie, Christian Vande Velde und Levi Leipheimer handeln, allesamt ehemalige Kollegen Armstrongs. Sie alle sollen den Amerikaner des Dopings beschuldigen.

"Unser Job ist es, die volle Wahrheit aufzudecken, mit allen Mitteln", sagt Tygart. Das hatten im Fall Armstrong schon andere versucht. US-Ermittler Jeff Novitzky zum Beispiel. Er war monatelang damit beschäftigt, Beweise zu sammeln. Novitzkys Recherchen hatten zuvor die US-Sprinterin Marion Jones überführt, auch Baseball-Profi Barry Bonds wurde dank seines Einsatzes als Doping-Betrüger entlarvt. Bei Armstrong musste Novitzky jedoch kapitulieren, der Radprofi kam ungeschoren davon.

Tygart hat nun offenbar Erfolg. Bis zuletzt hatte Armstrong versucht, auf seinen Verfolger massiven Druck auszuüben. Die Usada dürfe überhaupt nicht über ihn urteilen, behauptete er. Tygart ließ sich nicht beeindrucken und lieferte neben entsprechenden Dokumenten auch eine eidesstattliche Erklärung ab, nach der Armstrong zu jenen Sportlern gehöre, die Teil des Usada-Protokolls seien - und damit sehr wohl im Zuständigkeitsbereich der Agentur.

Tygarts Hartnäckigkeit hat auch Anti-Doping-Experten in Deutschland erstaunt. "Ich bin von den Amerikanern angenehm überrascht, dass sie ihr Idol so vom Sockel stoßen", sagte der Pharmakologe Fritz Sörgel, seit vielen Jahren im Kampf gegen Doping aktiv. Nur einer will Tygart naturgemäß gar nichts gönnen. An seinen Tour-Erfolgen könne niemand etwas ändern, teilte Armstrong mit: "Schon gar nicht Travis Tygart."



insgesamt 33 Beiträge
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Seite 1
martin-gott@gmx.de 24.08.2012
1. eine von vielen
Zitat von sysopGetty ImagesDopingvorwürfe gegen Lance Armstrong gab es seit Jahren. Jetzt bringt ihn die US-Anti-Doping-Agentur Usada zu Fall, sie will dem Amerikaner alle Titel bei der Tour de France aberkennen lassen. Es ist vor allem ein Triumph für Usada-Chef Travis Tygart, der sich von Armstrong nie einschüchtern ließ. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,851893,00.html
wenn sich die komischen Antidoping Einrichtungen schon für juritische institutionen halten müßten sie sich denn nicht auch an Verjährungsfristen e. c. halten. Was heisst eigentlich mit allen Mittel das hört sich für mich so an das man im Zweifel auch nicht ganz legale Mittel einsetzen würde. Wer glaubt das man ein Rennen wie die Tour de France ohne hilsmittel gewinn glaubt wahrscheinlich auch an Märchen. Aber egal ob gedopt oder nicht gedopt die berge hoch zu fahren ist eine Leistung.
Cotti 24.08.2012
2.
Zitat von sysopGetty ImagesDopingvorwürfe gegen Lance Armstrong gab es seit Jahren. Jetzt bringt ihn die US-Anti-Doping-Agentur Usada zu Fall, sie will dem Amerikaner alle Titel bei der Tour de France aberkennen lassen. Es ist vor allem ein Triumph für Usada-Chef Travis Tygart, der sich von Armstrong nie einschüchtern ließ. http://www.spiegel.de/sport/sonst/0,1518,851893,00.html
Die hätten mal so hartnäckig an Armstrong dran bleiben sollen, als der noch aktiv war - und sich zum "Training" irgendwo in die "unwegsamen Berge" zurückzog, wo er für Dopingkontrolleure nicht auffindbar war. Alleine schon so etwas hätte zu einer Startsperre für Wettbewerbe führen müssen. Ansonsten könnte ja jeder "Sportler", nach gewonnenem Wettkampf, seinen "Rücktritt vom aktiven Leistungssport" erklären - und pünktlich zur nächsten Saison sein "Comeback". Dazwischen bliebe der "Sportrentner" von jeglicher Kontrolle verschont.
MathiasF 24.08.2012
3. Erste Etappe
Wenn man den völlig verseuchten Radsport irgendwann man Dopingfrei bekommen möchte, dann muß man mit den Großen anfangen. Und am besten den UCI auflösen - den dort sitzenden Funktionären haben die Doping-Mittel offensichtlich schon vor Jahren das Hirn zerfressen. Aber solange die Radsport-Szene sich weiterhin wie ein Mafia-Clan aufführt, ist das eine mühselige Arbeit mit geringen Erfolgsaussichten. Das einzige, was helfen würde, wäre ein kompletter Rückzug der Sponsoren - ohne Geld kein Doping.
goggo64 24.08.2012
4. @ martin-gott
Das ist ja nun Quatsch. Nicht die antidoping Einrichtungen sind die Schuldigen, sondern die Sportler, die dopen oder gedopt haben. Deine Sympathie für dopet im allgemeinen und Armstrong im besonderen, die ich aus deinem Statement herauslese, sowie den grundtenor "ist doch gar nicht so schlimm" dern ich ebenfalls wahrgenommen habe, kann ich nicht nachvollziehen. Armstrong hat jahrelang beschissen und andere damit um ihre Erfolge gebracht. Und das muss man auch feststellen dürfen.
schnuffschnuff 24.08.2012
5.
---Zitat von SPON--- Ein trauriger Tag für den Sport, ein Triumph für den beharrlichen Tygart. Als sich der Radsport-Weltverband UCI - zuvor in Sachen Armstrong nahezu gänzlich untätig - im August plötzlich einmischte und den Fall übernehmen wollte, konterte der Usada-Chef den Versuch - und griff die Kollegen scharf an. "Die UCI und die Beteiligten der Verschwörung, die den Sport mit gefährlichen, leistungsfördernden Drogen betrogen haben, haben ein großes Interesse daran, das zu verschleiern", sagte Tygart, der nur zu gerne einen Showdown vor einem Schiedsgericht gehabt hätte. Mit Armstrong auf der Anklagebank. ---Zitatende--- Es ist ganz bestimmt ein verheerender Tag für Herrn Tygart, der nun seinen so lang ersehnten Auftritt als amerikanischer Held, der die Welt nachträglich vor dem bösen Lance Armstrong und den Verschwörern vom UCI rettet, vergessen kann. Na so ein Pech aber auch.
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