Leichtathletik-Superstar Usain Bolt End-Spurt

Er ist ein Meister der Selbstinszenierung, aber eben auch der beste Sprinter der Welt. Bei der WM in London hat Usain Bolt seinen letzten großen Auftritt. Er wird der Sportart schmerzlich fehlen.

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Man stelle sich nur einen Moment vor, Usain Bolts Mutter hätte nicht aufgepasst. Als der Sprinter als 15-jähriger Teenie seinen ersten großen internationalen Wettkampf bestritt, die Junioren-WM 2002, da war er so nervös, dass er sich vor dem 200-Meter-Rennen den linken Schuh auf den rechten Fuß angezogen hatte und umgekehrt. Seiner Mutter fiel das noch rechtzeitig auf, Bolt rannte zum Sieg und war seitdem ein Star.

Wahrscheinlich jedoch hätte der Jamaikaner seinen Siegeszug über die Laufbahnen dieser Welt auch angetreten, wenn er damals mit verkehrt angezogenen Schuhen losgelaufen wäre. Schließlich ist er 2008 bei den Olympischen Spielen auch mit geöffnetem Schuhband zum 100-Meter-Weltrekord gestürmt. 9,69 Sekunden, eine Fabelzeit. So dachte man. Bis Bolt den Rekord ein Jahr später bei der WM in Berlin noch einmal auf 9,58 Sekunden drückte. Da steht er noch heute und wird auch noch in 15 Jahren dort stehen.

Überhaupt: Die Weltmeisterschaft in Berlin, das war wahrscheinlich der beste Bolt, den es je gab. Als er ein paar Tage später auch noch den 200-Meter-Weltrekord auf irrwitzige 19,19 Sekunden nach unten schraubte. Obwohl er danach noch sechs Olympische Goldmedaillen in London und Rio gewann: Nie wieder war Bolt so dominant, so strahlend, so überlebensgroß wie in jenem WM-Sommer von Berlin.

Sportart muss sich ganz neu orientieren

Am Freitag beginnt wieder eine Weltmeisterschaft, es sind die Titelkämpfe von London, Bolts sechste WM. Er ist mittlerweile fast 31 Jahre alt, es wird sein letzter großer Auftritt sein. Der einzige Superstar, den die Leichtathletik noch hat, er hört auf, und eine Sportart, die fast zehn Jahre von seinem Ruhm profitiert hat, muss sich neu orientieren.

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Usain Bolt: "Ich war noch nie so nervös vor einem 100-m-Rennen"

Acht Olympiasiege, es waren mal neun, bevor der Staffel Jamaikas das Gold von Peking wegen des Dopingvergehens von Bolts Teamkollegen Nesta Carter aberkannt wurde, elf Weltmeistertitel, die Weltrekorde über 100 und 200 Meter und mit der Sprintstaffel, das sind für sich schon beeindruckende Zahlen. Aber sie allein hätten womöglich nicht ausgereicht, Bolt so groß zu machen, wie er war und ist.

Dass der Jamaikaner zudem auch noch die Selbstinszenierung so perfekt beherrschte, seine Spielchen vor dem Start mit der Fernsehkamera und dem Publikum, seine berühmte Jubelpose nach dem Lauf, die ständige Koketterie damit, eine Legende des Sports zu sein - besser kann man es nicht machen, wenn man Marketing und sportliche Leistung zusammenbringen möchte.

Ein Bolt, der seine Sperenzchen macht, ohne sportlich zu überragen, wäre schnell zum reinen Laufbahn-Clown verkommen. So aber war er der Lightning Bolt und der Scherz-Bolt gleichermaßen, der Mann, wegen dem die Massen ins Stadion geströmt sind. An den Tagen, an denen Bolt nicht startete, war das Olympiastadion von Rio halbvoll, wenn er in den Blöcken kniete, war es ausverkauft. Der 100-Meter-Lauf ist die Königsdisziplin der Leichtathletik und Bolt war der König der Könige.

Er konnte jeden Preis verlangen

Er konnte irgendwann bei den internationalen Meetings jeden Preis verlangen, die Veranstalter haben ihn gezahlt. Er ist die Attraktion der Leichtathletik, seine Auftritte haben lange Zeit überstrahlt, dass es der einstigen Premium-Sportart längst nicht mehr so gut geht. Es gibt keine Sergej Bubkas mehr, keine Lasse Virens, keine Edwin Moses', keine Emil Zatopeks, Michael Johnsons. Und nach dieser WM gibt es auch keine Usain Bolts mehr.

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Bolts drittes 100-Meter-Gold: Eine Demonstration

Ein Jahrzehnt war Leichtathletik im Grunde: Bolt und die Anderen - was auch daran lag, dass der Jamaikaner es geschafft hat, zu laufen und zu laufen, ohne dass ihm irgendetwas in Sachen Doping nachgewiesen werden konnte. Seine großen Konkurrenten, beziehungsweise die, die sich dafür hielten, Asafa Powell oder Tyson Gay, sind auffällig geworden. An Bolt blieb nie etwas hängen, obwohl ihn der Verdacht über all die Jahre begleitet hat.

Der Superstar hat auf all die Nachfragen dazu manchmal belustigt, manchmal verärgert reagiert, er hat seine überragenden Leistungen mit der nahrhaften Kost seiner Großmutter auf Jamaika begründet, mit der Kraft der Yamswurzel. Tatsache ist: Bolt ist nie positiv getestet worden. Tatsache ist allerdings auch, dass Jamaika, wo Bolt seit je unter der Obhut von Coach Glen Mills trainiert, nicht wirklich zu den Orten gehört, die die strengsten Kontrollen der Welt aufweisen. Und natürlich gibt es auch die, die verschwörungstheoretisch sagen: Bolt durfte man gar nicht erwischen, ein Dopingfall Bolt in seiner Glanzzeit wäre der Todesstoß für die Sportart gewesen. Er war too big to fail. Die Leichtathletik ist selbst schuld, wenn man so von ihr denkt.

In jedem Fall war er too big für seine Konkurrenz. Ein großer 100-Meter-Lauf bei Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften ohne Usain Bolt, ohne den Sieger Usain Bolt - man kann es sich fast gar nicht mehr vorstellen.

Viele Athleten haben in den vergangenen Jahren leicht bis mittelschwer genervt reagiert, dass sich so vieles in ihrer Sportart immer nur um den Superstar gedreht hat und sie sich nur als bessere Staffage vorgekommen sind.

Aber sie sollten nie vergessen: Bolt war ein Glücksfall für die Leichtathletik. Man sollte sich zurücklehnen und es ein letztes Mal genießen, ihn laufen zu sehen.

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frankfurter. 04.08.2017
1.
Die Leistungskraft des Menschen ist endlich. Zu Zeiten eines Bubka war es halt möglich, den Weltrekord noch von 5,80 auf deutlich über 6Meter zu steigern. Da wird eine auf Rekorde fixierte Gesellschaft wohl auch in den nächsten 100 Jahren enttäuscht. Ein 5. Platz bei einer WM, die in Weiten oder Höhen misst, ist ein Misserfolg. Keiner Meldung wert. Da hat es ein beliebiger Kicker etwas einfacher. Nehmen wir zum Beispiel den Ex Frankfurter Oczipka, der gerade für 5 Millionen Euro nach Schalke gewechselt ist. Weltweit dürften ca. 2000 Kicker mit besseren sportlichen Fähigkeiten beseelt sein. Oder den aktuellen Nationalspieler Draxler. Da dürfte es immerhin 100 Spieler auf diesem Planeten geben, die mit mehr Talent gesegnet sind.
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