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13. August 2017, 13:24 Uhr

Bolt-Drama zum Abschied

Der Sturz des Unfehlbaren

Aus London berichtet

Usain Bolt wurde im letzten Rennen seiner Karriere von einer Verletzung gestoppt - für seine Teamkollegen ist die Schuldfrage klar. Ein Nachfolger für den größten Leichtathleten unserer Zeit ist nicht in Sicht.

Eigentlich war alles genau so leicht und locker wie immer, vielleicht sogar noch ein bisschen leichter und lockerer als sonst.

Usain Bolt machte in den Katakomben des Londoner Leichtathletik-Stadions seine Späße mit der Kamera und freute sich, dass die Bilder, die auf die Videowände übertragen wurden, die Zuschauer schon wieder zum Ausrasten brachten. Als er mit seinen Kollegen der jamaikanischen Sprintstaffel die Arena betrat, wurde er mit einer Mischung aus Applaus, Jubel und hysterischen Schreien empfangen, die jedes Trommelfell auf eine Belastungsprobe stellt. Und selbst als es still wurde im Stadion, weil gleich das Startsignal fallen sollte, winkte er immer noch ins Publikum, zog Grimassen, machte Handzeichen und sah sehr entspannt aus im Angesicht des nahenden Ruhestands.

Ein letztes Mal laufen, eine letzte Goldmedaille abgreifen, dann sollte sie vorbei sein, die erstaunliche Karriere des Usain St. Leo Bolt mit acht Olympiasiegen und drei Weltrekorden, die er der Nachwelt hinterlässt. Dann sollte er endlich Zeit dazu haben, zu tun und zu lassen, was er will. Bolt wird Ende des Monats 31 Jahre alt und hat zuletzt kein Geheimnis daraus gemacht, dass er sein Karriereende herbeisehne. Dass er sich darauf freue, künftig nicht mehr der größte Leichtathlet des Universums zu sein, sondern erst einmal seine Ruhe zu haben. Also: ein letztes Mal laufen.

Zum Karriereende wieder ein Sterblicher

Bolts Finale sollte der Höhepunkt der Weltmeisterschaft in London werden. Das Stadion war natürlich ausverkauft, die Bühne bereitet. Doch die letzten Meter seiner Karriere liefen nicht nach Plan für Bolt. Er war der Schlussläufer der jamaikanischen Staffel, die Übergabe des Staffelstabs klappte gut, Bolt rannte los, das Publikum brüllte. Doch er rannte nicht wie sonst. Seine Bewegungen waren nicht rund. Nach der Hälfte der Strecke wurde er langsamer, hopste auf einem Bein, stürzte. Seine Karriere endete auf der Tartanbahn, mit dem Gesicht zu Boden. Sie endete mit Bildern, die zeigen, dass auch Bolt tatsächlich nur ein Mensch ist.

Mithilfe seiner Teamkollegen schaffte er es noch über die Ziellinie, danach wurde Bolt nicht mehr gesehen. Er drehte keine Ehrenrunde auf Krücken, er kostete seine Rolle als tragischer Held nicht aus, sondern verschwand in den Katakomben. Keine Interviews, keine Pressekonferenz. Den Auszug des größten Leichtathleten dieser Zeit hatte man sich anders vorgestellt. Ein Krampf im linken Oberschenkel sei die Ursache für sein Aus gewesen, teilte Jamaikas Mannschaftsarzt später mit, alles halb so wild: "Aber die Enttäuschung darüber, das Rennen verloren zu haben, tut ihm sehr weh."

Staffelkollegen machen WM-Veranstalter Vorwürfe

Wenn Bolt, der eigentlich Unfehlbare, bei seinem letzten Auftritt zu Boden geht, dann kann das nicht einfach Schicksal sein oder Pech. Dann muss es einen Schuldigen geben, einen Saboteur, dachte manch einer. Seine Kollegen begaben sich umgehend auf die Suche und machten die Organisatoren der WM verantwortlich für das Drama. "Sie haben uns zu lange im Warteraum warten lassen. Usain hat gefroren", berichtete sein Mitstreiter Yohan Blake: "Wir machen uns warm, warten, machen uns warm, warten. Ich denke, das hat uns fertiggemacht."

Tatsächlich hatte sich der Ablauf vor dem Staffelrennen verzögert durch zwei Medaillen-Übergaben - und durch die Ehrenrunde von Mo Farah, dem Helden des Londoner Publikums, nach seinem letzten Rennen auf der Bahn. "Es war einfach lächerlich. Wir haben 45 Minuten gewartet, bevor wir endlich raus konnten", klagte auch Bolts Teamkollege Omar McLeod und führte als Beleg an, dass er während der Wartezeit "ungefähr zwei Flaschen Wasser" getrunken habe.

Kein adäquater Bolt-Erbe in Sicht

An diesem Sonntag soll die Bühne noch einmal Bolt gehören. Er soll eine letzte Ehrenrunde drehen, das ist zumindest der Plan, doch er wird sie ohne Goldmedaille um den Hals antreten. Bronze über 100 Meter, mehr war für ihn nicht drin bei seinen letzten Titelkämpfen. Dennoch hinterlässt er eine Lücke, die so schnell nicht zu füllen ist.

Es ging in London auch darum, wer Bolts Nachfolger werden könnte als Superstar der Branche, als neues Werbegesicht der gesamten Leichtathletik. Doch diese Frage wurde nicht beantwortet. Justin Gatlin aus den USA, der Sieger über 100 Meter, taugt als mehrmals gesperrter Doper nicht zum Helden. Der Südafrikaner Wayde van Niekerk, von der Fachwelt eigentlich schon zum neuen Bolt ernannt, bringt nicht die nötigen Alleinunterhalter-Qualitäten mit. Er ist ein zurückhaltender junger Mann, der oft von Gott spricht und von seinem Respekt vor den Gegnern. Das angepeilte Doppel-Gold in London verpasste er. Zwar verteidigte er seinen Titel über 400 Meter erfolgreich, über 200 Meter wurde er allerdings nur Zweiter.

"Usain Bolts Name wird für immer weiterleben", sagte Teamkollege McLeod noch. Daran ändert auch sein dramatischer Abschied nichts. Und es sieht nicht so aus, als würde sich so schnell jemand finden, über den man das Gleiche sagen könnte.

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