"Utah Jazz" Die Macht der Gewohnheit

Knapp drei Wochen lang war Salt Lake City die Heimat von Olympiafreunden aus aller Welt. Nun heißt es Abschied nehmen vom amerikanischen Alltag und den Helden Olympias.


Salt Lake City - "Zurück zur Normalität" steht auf den Hinweisschildern, die jetzt über die Fahrpläne der Straßenbahnhaltestellen geklebt sind. Ein euphemistischer Hinweis darauf, dass der Umfang des öffentlichen Transports mit dem Ende der Winterspiele drastisch reduziert wird. In der Mormonen-Hauptstadt wird nach Olympia alles wieder weniger, kleiner, leiser. Keine schreienden Schwarzmarkthändler in schrecklichen Pelzmänteln an jeder Ecke, keine von Lite-Bier zu Lite-Bier enthemmteren Nachtschwärmer in den Straßen, keine kilometerlangen Warteschlangen an der "Pin of the Day"-Verkaufsstelle mehr. Salt Lake City wird wieder das verschlafene Nest, das es vorher war.

Pommes mit Doppel-Majo


Ab Montag müssen sich die 25.000 freiwilligen Helfer von Salt Lake gegenseitig zulächeln und hundertmal pro Stunde einen guten Tag wünschen. Ob sie aus Gewohnheit weiter ihre schwarz-weiß-lila Uniformen tragen werden?

Die Macht der Gewohnheit. Wie wird meine vertraute Umgebung in Hamburg reagieren, wenn ich nach meiner Rückkehr zum Frühstück Pommes mit Doppel-Majo esse? Wie, wenn ich an jeder Eingangstür Münzen, Mobiltelefon und Geldbörse vorzeige und in die Sicherheitsschleuse will? Wohin soll ich in meinem normalen Leben täglich drei Stunden Bus fahren?

Wuff, wo gibt's die neuen Pins? Polizeihund Ajax hat sich in Salt Lake City mit Ansteckern einigermaßen eindecken können
AP

Wuff, wo gibt's die neuen Pins? Polizeihund Ajax hat sich in Salt Lake City mit Ansteckern einigermaßen eindecken können

Die schneebedeckten Wasatch Mountains, die sich in den scheinbar ewig strahlend blauen Himmel strecken, werde ich tatsächlich vermissen. Sheryl Crow auf der Medals Plaza war ziemlich gut. Aber in erster Linie war ich der 78 sportlichen Wettkämpfe wegen hier. Welche Olympioniken bleiben in Erinnerung?

Ein Schlittschuh-Schuster als Olympiaheld


Für die Statistik: Der norwegische Biathlet Ole Einar Björndalen war mit viermal Gold der König der Spiele, die kroatische Skifahrerin Janica Kostelic mit insgesamt vier Medaillen bei den Frauen am erfolgreichsten. Mein Olympiaheld aber ist der australische Short Tracker Steven Bradbury, der als "Last Man Standing" auf kuriose Weise den ersten australischen Sieg bei Winterspielen holte.

Der Schlittschuh-Schuster und Surfer Bradbury benötigte für seinen Erfolg keine "Spezialdiät" wie der am letzten Tag der Spiele des Dopings überführte Olympiasieger Johann Mühlegg.

Es reicht!


Der Stromausfall im Main Media Center am letzten Tag schien ein Zeichen für alle zu sein: Es reicht. Die russische Mannschaft wollte sogar die Abschlussfeier boykottieren. Ihre Athleten seien in Salt Lake mehrfach benachteiligt worden, hieß es. Bewiesen ist seit Sonntag nur, dass ihre besten Langläuferinnen gedopt waren.

Citius, fortius, altius heißt das olympische Leitmotiv. Da gibt es kein Zurück. IOC-Präsident Jacques Rogge sprach resümierend von "Super-Games". Ich freue mich auf Zuhause.

Bye-bye, Salt Lake City!



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