"Utah Jazz" Geben statt nehmen

Salt Lake City ist eine Stadt, die fest in der Hand der Mormonen ist. Zu den "Molympics", wie die olympischen Spiele in Utah auch genannt werden, pilgern in diesen Tagen deshalb nicht nur sportbegeisterte Menschen.


Salt Lake City - In der Welthauptstadt der Mormonen führen alle Wege zum Tempel. Jede Adresse in Salt Lake City ist gleichzeitig eine Entfernungsangabe zur "Church of Jesus Christ of Latter-Day-Saints". Meine Haltestelle 3900 South liegt 39 Straßen südlich, rund zwanzig Minuten außerhalb von Downtown.

Auf dem Bahnsteig wächst die Ungeduld. Schon am zweiten Tag der Olympischen Spiele sind Utahs "Public Transport" die Grenzen aufgezeigt. Als der dritte überfüllte Zug vorbei rauscht, hat Mark Layton den Glauben an den Öffentlichen Personennahverkehr verloren. Der Mormone aus Vancouver ist mit seiner Frau zu Besuch bei seinem Sohn, der in Utah studiert, und will in Salt Lake City den olympischen Geist aufspüren. "Komm mit. Wir nehmen das Auto", ruft Mark mir zu, den ich wenige Minuten zuvor in der Warteschlange kennengelernt habe. Okay, gerne. Ich habe es eilig.

"Friends to all Nations" haben sich die Mormonen auf ihre Fahnen am Temple Square geschrieben. Vor dem Conference Center der "Heiligen" stehen Menschen aus aller Welt Schlange. Den ganzen Februar wird dort das Musical "Light of the World" aufgeführt. Die Nähe zum olympischen Motto "Light the Fire within" kommt nicht von ungefähr.

Die "Molympics" in Salt Lake City


Weil halb Salt Lake City Mitglied bei den Mormonen ist, darunter auch Mitt Romney, oberster Chef des Organisationskomitees von Olympia 2002, haben Journalisten den Begriff "Molympics" geprägt. Die allabendliche Medaillenzeremonie findet auf dem Parkplatz der Kirche statt.

Der Mormonen-Tempel in Salt Lake City: Grüßen um die Wette
AFP

Der Mormonen-Tempel in Salt Lake City: Grüßen um die Wette

Vor der Versammlungshalle der Mormonen, dem Tabernacle, grüßen mich junge Frauen um die Wette. Sie tragen lange schwarze Röcke und Mäntel, auf der Brust die Flagge ihres jeweiligen Herkunftslandes. Sister Wiesner aus der Schweiz und Sister Andruchowitz aus Österreich kassieren mich für eine Tour über ihr heiliges Gelände, vielleicht wollen sie mich auch missionieren. In jedem Fall sprudeln die mormonischen Glaubensgrundsätze aus ihren Mündern wie Wasserfälle.

Überraschende Einladung


Alkohol, Tabak, Kaffee und vorehelicher Sex seien für den Körper doch wohl schädlich und Verzicht deshalb geboten, teilen sie mir auf Anfrage freundlich mit. Die Grundschullehrerin aus Basel und die Kindergärtnerin aus Wien sind für 18 Monate in die Hauptstadt ihres Glaubens gekommen, um ihn weiterzutragen. Jeder der vielen Fremden, die Olympia nach Salt Lake City gelockt hat, ist ja ein potenzieller neuer "Heiliger". Das 28-stöckige "Church Office Building", das gegenüber dem pompösen Tempel aus Granit liegt, ist in Utahs Hauptstadt dem Himmel aber eh schon am nächsten.

Den Spruch von Brigham Young, der sein Volk vor rund 150 Jahren zum großen Salzsee führte, scheinen die Mormonen verinnerlicht zu haben. "It is not what we receive that enriches our lives, it is what we give", sprach der Prophet.

Als Mark Leyton, meine unverhoffte Mitfahrgelegenheit, mich am Temple Square absetzte, drückte er mir seine Visitenkarte in die Hand und lud mich für eine Woche in das Haus seiner Familie nach Vancouver ein.



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