"Utah Jazz" Shoppen gegen das schnelle Vergessen

Die tägliche SPIEGEL-ONLINE-Kolumne von den Olympischen Spielen in Salt Lake City. Heute: Rundgang mit Powder, Copper und Coal im Olympic Superstore sowie ein halb nackter Pole.


Salt Lake City - Am fünften Tag der olympischen Winterspiele habe ich sie endlich entdeckt, die Maskottchen von Salt Lake: Powder, Copper und Coal. Der schnelle Schneehase, der auf die höchsten Gipfel steigende Kojote und der starke Bär sollen Pierre de Coubertins olympisches Motto repräsentieren: citius, altius, fortius. Der hehre Ansatz in allen Ehren. Aber die Wahrheit liegt wohl eher im Regal.

Für 50 Dollar bietet der Olympic Superstore 2002 die kleinen Sportsfreunde als Stofftiere feil. Pro Stück selbstverständlich. Da macht Waldi lange Ohren. Der Dackel war bei den Spielen in München 1972 das erste offizielle Olympia-Maskottchen der Geschichte und damals ganz allein.

Bratpfannen mit Olympia-Logo


Merchandising lautet der sportliche Wettbewerb der Sponsoren, die auf dem "Olympic Square" zwischen Mormonentempel und der Eiskunstlauf-Arena ihre Zelte aufgeschlagen haben. Die Besucher können darin kaufen, was sie noch nie haben wollten. Christbaumkugeln und Bratpfannen mit Olympia-Logo zum Beispiel. Dafür stehen sie sogar draußen Schlange. Fast wie früher im Ostblock. Nur ein paar Chinesen können es nicht abwarten und schlüpfen durch den VIP-Eingang.

Olympiamaskottchen Copper, Powder und Coal: Wer erinnert sich noch an den Dackel Waldi?
DPA

Olympiamaskottchen Copper, Powder und Coal: Wer erinnert sich noch an den Dackel Waldi?

Die olympische Werbeverkaufsveranstaltung wird von Marschmusik auf dem Boulevard begleitet. Es riecht nach gebrannten Mandeln, die Menschen sind fröhlich gestimmt. Auch auf Socken und auf T-Shirts gibt es Powder, Copper und Coal. Es ist Shopping gegen das schnelle Vergessen. Oder wer kann sich noch an Snowlets, die jungen Eulen aus Nagano, erinnern? Ganz zu schweigen von Izzi, der phantasielosen Phantasiefigur aus Atlanta.

Lässige Arbeitsbekleidung


Bei mir jedenfalls werden auch die Salt-Lake-Maskottchen keinen Eindruck hinterlassen. Da bleiben eher andere olympische Randerscheinungen in meinem Kopf. Das Qualifikationsspringen von der Großschanze in Park City am Vormittag beispielsweise kann ich nicht ganz so schnell aus meinem Gedächtnis streichen.

Da saß nämlich, als ich beim Schreiben im Pressezentrum von meinem Text aufblickte, der schwergewichtige polnische Kollege neben mir - für meinen Geschmack etwas zu lässig - auf einmal mit bis zu den Stiefeln heruntergelassenen Hosen nur in Boxershorts vor seinem Laptop. Dem guten Mann war etwas warm geworden.



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