Venus Williams im Wimbledon-Finale 14 Jahre Anlauf

Vor 20 Jahren debütierte Venus Williams in Wimbledon, sie wurde zum Tennisstar, erlebte dann ein Tief. Nun kämpft die 37-Jährige um ihren ersten Grand-Slam-Erfolg seit 2008.

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Aus Wimbledon berichtet Philipp Joubert


Nur einmal in den vergangenen zwei Wochen verlor Venus Williams in Wimbledon die Kontrolle. Bei einer Pressekonferenz zu Beginn des Turniers brach die 37-Jährige weinend ab, nachdem zuvor bekannt geworden war, dass sie in einen Autounfall mit Todesfolge verwickelt gewesen ist. "Es gibt keine Worte, um zu beschreiben, wie niederschmetternd das alles ist", sagte Williams. Sie sei "am Boden zerstört".

Venus Williams ist seit mehr als zwei Jahrzehnten Profispielerin, wirklich zu greifen ist sie für Reporter und Fans aber nur selten. Die US-Amerikanerin legt großen Wert auf Kontrolle. Als nach dem Sieg über Johanna Konta am vergangenen Donnerstag ihr Finaleinzug feststand, federte sie vom Platz, strahlte, vernahm den Applaus - und war verschwunden, bevor der Center-Court zu einer zweiten Runde ansetzen konnte.

Dabei hatte Williams gerade Außergewöhnliches vollbracht. Sie ist die älteste Grand-Slam-Finalistin seit Martina Navratilova 1994, der Finaleinzug gelang Williams zum 20-jährigen Jubiläum als Wimbledon-Teilnehmerin - und ist ihr erster seit acht Jahren.

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Venus Williams: 14 Jahre Anlauf

Die ältere Schwester von Dauersiegerin Serena war nach frühen Karriereerfolgen in der öffentlichen Wahrnehmung ins zweite Glied der Williams-Familie gerutscht. Auch Venus kann sieben Grand-Slam-Titel vorweisen, fünf davon in Wimbledon. Zum Jahresanfang stand sie im Finale der Australian Open. Aber dort und bei vielen anderen Gelegenheiten überflügelte die jüngere die ältere Schwester nicht nur auf dem Platz, auch daneben hinterlässt sie den bleibenderen Eindruck. Wo Serena Emotionen teilt, ätzt oder einfach herzlich ist, bleibt Venus Williams stets wohltemperiert. Die Sätze kurz, ausformuliert und klar in ihrer Absicht.

Mit derselben ruhigen Entschlossenheit war Williams vor einem Jahrzehnt als Gesicht einer Kampagne für gleiches Preisgeld in Wimbledon aufgetreten. Ohne in zu intime Details zu gehen, sprach sie auch über das Sjögren-Syndrom, eine Autoimmunkrankheit, die bei Williams 2011 diagnostiziert worden war und aufgrund von Erschöpfungssymptomen zu Leistungsschwankungen führt.

Der Aufschlag als wichtigster Faktor

Seit diesem Moment hat sich Williams in ihren Antworten auf das konzentriert, was sie als die Liebe ihres Lebens bezeichnet, den Tennissport. Bestimmt, aber nicht waghalsig - so lässt sich ihr Motto auf dem Platz zusammenfassen. Ihr Aufschlag ist der wichtigste Faktor dafür, dass sie trotz ihrer 37 Jahre mithält.

Das unterscheidet Williams nicht von anderen Stars im gehobenen Tennisalter wie zum Beispiel Roger Federer. Doch das Serve ist keine reine Kraftmeierei. Meist platziert sie sehr genau, öfter als andere zielt sie auch auf den Körper der Gegnerin. Besonders Navratilova lobte Williams in den vergangenen Tagen immer wieder für die taktisch klugen Körperaufschläge. Auch sonst spielt Williams vor allem strukturiert und effizient, nutzt ihre langen Gliedmaßen erfolgreich, um im letzten Moment noch den unmöglichen Ball über das Netz zu schieben, die Richtung des Returns zu ändern oder den Arm für den entscheidenden Volley auszufahren.

"Um mehr hätte ich kaum bitten können", sagte Williams nach dem Finaleinzug: "Aber ich werde um ein kleines bisschen mehr bitten. Noch ein weiterer Sieg - das wäre großartig."

Doch so souverän sich Williams bisher auch präsentierte, die größte Aufgabe wartet erst im Finale (15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Gegnerin Garbiñe Muguruza, 23, wird als kommende Nummer eins gehandelt. Die Spanierin hat abseits von Serena Williams das kompletteste Spiel auf der Tour. Mit ihrer kontrollierten Offensive bezwang sie im Achtelfinale Angelique Kerber. Muguruza wirkt ähnlich in sich ruhend wie bei ihrem ersten Grand-Slam-Sieg im vergangenen Jahr, als sie bei den French Open Serena Williams keine Chance ließ.

Der Rasen ist also bereitet für ein Finale auf Augenhöhe.

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